Die Cinderella-Story

11. Juli 2016, 10:41
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Die Uefa ist sehr zufrieden, die Veranstaltung in Frankreich hat sich selbstverständlich ausgezahlt. Die Sponsoren haben brav verdient. Der Fußball wurde seinem Ruf, eine verlässliche Gelddruckmaschine zu sein, gerecht

Paris – Michel Platini blieb unsichtbar. In seinem Wohnzimmer, im Bistro am Eck, wo auch immer. Das Finale zwischen seinen Franzosen und Portugal am Sonntagabend wollte der für vier Jahre gesperrte Präsident des europäischen Fußballverbandes (Uefa) mitverfolgen. Trotz Einladung aber nicht im Stade de France. Für die Uefa, und das wird den 61-jährigen Platini kränken, ist das nicht weiter schlimm. "Ohne seine Vision und Unterstützung in den vergangenen fünf Jahren wäre die EM nie so ein Erfolg geworden", sagte zwar Interimsgeneralsekretär Theodore Theodoridis bei der Bilanzpressekonferenz, die eine einzige Selbstbeweihräucherung war. Alles habe funktioniert. Aber eben auch ohne Platini.

Finanziell war das Turnier ein Erfolg, eine Geldruckmaschine. Einnahmen in Höhe von 1,93 Milliarden Euro stehen nur 1,1 Milliarden Ausgaben gegenüber (830 Millionen Gewinn). "Wir sind sehr zufrieden", sagte Turnierdirektor Martin Kallen.

Die Angst vor weiteren Terroranschlägen nach dem 13. November 2015 in Paris war enorm, in Frankreich herrscht weiter der Ausnahmezustand. Tausende Sicherheitskräfte sicherten die Stadien und Fanfeste aber bis Sonntag mehr oder weniger erfolgreich. "Es gab keine Bedrohung von EM-Spielen. Die Kooperation mit den Behörden ist toll", sagte Theodoridis. Den größten Schatten auf das Turnier warfen die Bilder aus Marseille, wo am zweiten Tag dutzende Menschen von Hooligans aus Russland und England teils schwer verletzt wurden. Später knallte es auch im Stadion. Die Uefa drohte Russland mit Ausschluss. So weit kam es nicht. Frankreichs Organisationschef Jacques Lambert warnte dennoch vor einer "gefährlichen Entwicklung", wenn teils rechtsradikale Randalierer den Fußball missbrauchen würden.

13 Gastgeber

Auch Platini hätte sein Turnier verteidigt. Es war schließlich das letzte Mal nach altem Vorbild. Die WM 2018 wird im krisengeschüttelten Russland gespielt. Bei der EURO 2020 gibt es 13 Gastgeber, worüber sich nur die Reiseunternehmen freuen. Zwei Jahre später wird die WM im Winter gespielt, in der Wüste von Katar.

Diskutiert wurde in Frankreich zwar auch, aber nur über die "weichen" Themen. Den Modus nach der Aufstockung auf 24 Teams, die Torarmut in der Vorrunde, die wenig attraktiven Spiele. "Es ist immer sehr schön, ein bis zwei Cinderella-Storys pro Turnier zu haben", sagte Theodoridis. "Dieses Mal waren es Wales und Island, das sind sehr positive Beispiele." Die negativen ließ er aus.

Dank ausländischer Touristen und zahlungskräftiger einheimischer Fans wächst das Bruttoinlandsprodukt um 1,27 Milliarden Euro, das ist zwar nur eine Steigerung um 0,5 Prozent, aber für Frankreich zählt jedes Zehntel. Der französische Marktführer im Pizza-Lieferservice verkündete stolz, dass bei den Spielen Frankreichs zwischen 18 und 23 Uhr jede Sekunde fünf Pizzas bestellt wurden. Das macht 115.000 pro Abend, um 70 Prozent mehr als an normalen Abenden.

Viele Touristen

Die Brauerei Kronenbourg teilte mit, dass sie im Vergleich zu einem herkömmlichen Juni/Juli 40 Millionen Liter mehr Bier verkauft hat. Die Hotels in Nizza und Lille meldeten eine Buchungsquote von 90, an Spieltagen von 100 Prozent. Nike, Ausrüster des französischen Teams, wollte keine Verkaufszahlen nennen. Spekuliert wird, dass der Absatz irgendwo zwischen 300.000 und 600.000 verkauften Trikots liegt.

Nathalie Hénaff, Wirtschaftsbeauftragte am Zentrum für Recht und Wirtschaft im Sport an der Universität von Limoges, resümiert: "Einige unserer Annahmen sind sogar hinter der Realität zurückgeblieben. Wir hatten mit 40 Prozent ausländischer Touristen gerechnet. Am Ende waren es 60 Prozent der 2,5 Millionen in den Stadien. Und dabei haben wir noch keine Auswertung über die Fanzonen, die nicht immer voll, aber gut besucht waren."

Die maroden Stadien wurden für 1,7 Milliarden renoviert oder neu gebaut, 775 Millionen davon sind direkt der EM zuzurechnen. Das hat Auswirkungen auf die Klubs. "Der Stadionbesuch ist bei Ligaspielen um 15 bis 20 Prozent gestiegen", sagt Analystin Hénaff. Größter Gewinner sind aber die Sponsoren. Sie schöpften 50 Millionen ab, ohne sie in Frankreich zu versteuern. (red, sid, 10.7. 2016)

  • Der Eiffelturm war während der EM oft besonders schon illuminiert. Das Turnier strahlte auch höchst positiv auf Frankreichs Wirtschaft ab.
    foto: afp/lopez

    Der Eiffelturm war während der EM oft besonders schon illuminiert. Das Turnier strahlte auch höchst positiv auf Frankreichs Wirtschaft ab.

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