Die Angst der USA vor einer gespaltenen Gesellschaft

Analyse10. Juli 2016, 17:17
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Polizeigewalt gegen Schwarze und getötete Polizisten: In Amerika droht eine Stimmung wie 1968

Es war John Lewis, das lebende Denkmal der Bürgerrechtsbewegung, der den Finger direkt in die Wunde legte: Manchmal habe er das Gefühl, als ob man ihn wieder hinabrutsche, den Hang, den man zu erklimmen versuche, sagte der Kongressabgeordnete aus Georgia, der einst neben Martin Luther King marschiert war, um mit gewaltlosem Widerstand die Mauern der Rassentrennung zum Einsturz zu bringen. Die Narben des Rassismus seien noch immer schmerzhaft zu spüren, "wir müssen uns ihrer annehmen", mahnte der 76 Jahre alte Politiker, als die Polizistenmorde in Dallas ihre Schockwirkung entfalteten.

Der Horror von Dallas, darin ist sich das Land einig, bedeutet eine Zäsur, er kann sogar einen Wendepunkt markieren. Nur bleibt unklar, in welche Richtung es geht. Ob man ungeschminkt über unangenehme Wahrheiten rede und dabei zu einem sinnvollen Dialog finde oder aber sich in die Gewissheiten des eigenen Stammesdenkens zurückziehe, dies sei die offene Frage, sagt David Brooks, einer der Starkolumnisten der New York Times. Wobei er mit dem Stammesdenken weniger die Konstellation Schwarz gegen Weiß meint als vielmehr die Gräben, die sich immer tiefer durch die Gesellschaft zu ziehen scheinen. Auf der einen Seite das aufgeklärte, tolerante, optimistische Amerika, auf der anderen Seite das verunsicherte, skeptische, das sich nun in seinen Vorurteilen bestätigt sieht.

Der Präsident beschwichtigt

Nach Dallas ist eine Jahreszahl in aller Munde. 1968. Das Jahr, in dem Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet wurden, in dem überall Unruhen ausbrachen, Geschäfte in Flammen aufgingen. Droht 2016 zu einem zweiten 1968 zu werden? Barack Obama beantwortet die Frage mit einem klaren Nein. Die Vereinigten Staaten seien nicht so gespalten, wie manche es jetzt suggerierten, betonte er am Rande des Nato-Gipfels in Warschau.

Was die Nation eine, sei der Zorn auf einen kranken Attentäter, der das schwarze Amerika ebenso wenig repräsentiere, wie der Todesschütze von Charleston das weiße Amerika repräsentiert habe – jener Dylann Roof, der in einer afroamerikanischen Kirche in South Carolina auf Gläubige schoss. Vieles von dem, was 1968 das Pulverfass explodieren ließ, gebe es 2016 glücklicherweise nicht, argumentieren die Optimisten. Keinen Vietnamkrieg, keine Welle politischer Hinrichtungen, keinen urbanen Kollaps. Allein der Marsch, mit dem die Aktivisten von "Black Lives Matter" in Dallas gegen die vorangegangenen Exzesse von Baton Rouge und St. Paul protestierten: War er nicht der Beweis für die Funktionsfähigkeit einer offenen Gesellschaft? Friedliche Demonstranten taten ihren Unmut über das Vorgehen von Polizisten kund, und das unter dem Schutz von Polizisten, die ihr Leben riskierten.

Kritik eines Polizeichefs

Dann wieder ist es ausgerechnet ein Ordnungshüter, der die kritischsten Worte zum Status quo findet. Edward Flynn, Polizeichef der Stadt Milwaukee: "Wir sind das am schwersten bewaffnete, am ehesten zur Gewalt neigende Land der industrialisierten Welt, und es sind Afroamerikaner, die am meisten darunter leiden." Die höchste Kriminalitätsrate, die schlechtesten Bildungschancen, die schlimmste Armut – das alles komme in Vierteln zusammen, in denen Afroamerikaner leben. "Und was tun wir? Wir bürden der Polizei unsere sozialen Probleme auf." Auch nach Dallas fehlt es nicht an Wortmeldungen, die wie Öl ins Feuer wirken. Den rhetorischen Tiefpunkt hat Joe Walsh erreicht, ein Republikaner aus Illinois, der via Twitter Zeilen voller Hass absetzte, bevor er sie löschte. "Das ist jetzt Krieg. Pass auf, Obama. Passt auf, ihr Armleuchter von Black Lives Matter. Das wahre Amerika ist euch auf den Fersen."

Zu beobachten ist aber auch der Versuch der politischen Klasse, die Gemüter zu beruhigen. Sogar Donald Trump verzichtete auf Verbalkeulen, während Hillary Clinton zu einem Dialog der Vernunft aufrief. Letzteres hatte man erwartet, bemerkenswert sind Töne aus den konservativen Reihen. Newt Gingrich etwa spricht davon, dass man in Amerika offenbar mit schwarzer Haut gefährlicher lebe. Als Schwarzer, so Gingrich, "kommst du viel wahrscheinlicher in eine Lage, in der dich die Polizei nicht respektiert". (Frank Herrmann aus Washington, 10.7.2016)

  • Nachdem fünf Polizisten am Freitag in Dallas von einem ehemaligen Soldaten erschossen worden sind, weht die amerikanische Flagge auf Halbmast. Die Amerikaner ziehen bereits Vergleiche zum Jahr 1968, in dem Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet wurden.
    foto: reuters/shannon stapleton

    Nachdem fünf Polizisten am Freitag in Dallas von einem ehemaligen Soldaten erschossen worden sind, weht die amerikanische Flagge auf Halbmast. Die Amerikaner ziehen bereits Vergleiche zum Jahr 1968, in dem Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet wurden.

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