"Partizipation ist oft nur an der kurzen Leine möglich"

Interview11. Juli 2016, 10:15
6 Postings

Die Stadtsoziologin Mara Verlic sieht eine Offenheit der Wiener Regierung dafür, Bürger an der Stadtentwicklung zu beteiligen. Es gebe aber auch die Angst, dass Projekte zu komplex seien

STANDARD: Wie können Bürger an der Stadtentwicklung teilhaben?

Mara Verlic: Es gibt unterschiedliche Stufen von Partizipation. Davon hängt auch der Einfluss, den Bewohner nehmen können, ab. Die unterste wäre, dass sie nur von der Stadt informiert werden. Weitere sind Mitbestimmung und Mitreden bis zur Selbstorganisation. Erst auf der letzten wird tatsächliche Stadtgestaltung durch Bewohner möglich. Oft bleibt die Partizipation auf dem Level der Information stehen. Manche Partizipationsprojekte spielen sich auf der Ebene des Mitredens ab, etwa bei der Neugestaltung eines Parks. Projekte, die Selbstorganisation möglich machen, sind sehr rar.

STANDARD: Woran liegt das?

Verlic: Selbstorganisation ist sehr schwer planbar. In der Stadt fehlt es auch an Bereitschaft, auf Initiativen zu reagieren. Partizipation ist oft nur in vorgegeben Projekten und an der kurzen Leine möglich.

STANDARD: Können Initiativen mit speziellen Anliegen, die sie im Bezirk umsetzen wollen, überhaupt Erfolg haben?

Verlic: Es gibt viele Initiativen, die kleine Anliegen haben, und Gruppen, die spezifische Interessen verfolgen. Stadtentwicklung sollte im besten Fall den Ausgleich zwischen Gruppen schaffen. Ein Beispiel: Wenn eine Gruppe mehr Parkplätze fordert, liegt das im Interesse der Autofahrer im Bezirk. Partizipation würde heißen, dass alle Betroffenen ihre Anliegen einbringen und gemeinsam diskutieren – nicht dass die Stadt lediglich mehr Plätze bereitstellt. Einzelne Initiativen sind noch keine partizipativen Projekte.

STANDARD: Wie funktioniert in Wien Partizipation dann?

Verlic: Die Gefahr bei Partizipationsprojekten kann sein, dass sie so lokal und in so einem kleinen Rahmen erlaubt werden, dass sie nur Beruhigung bieten. Ich wurde einmal zur Umgestaltung einer kleinen Grünfläche in Neubau eingeladen. Das bündelt Kraft und Energie. Gleichzeitig werden Projekte wie der Umbau des Hauptbahnhofs durchgeführt, ohne dass man nur in die Nähe von Partizipation kommt.

STANDARD: Ist Bürgerbeteiligung also nur im Kleinen möglich?

Verlic: Die Stadt ist grundsätzlich offen für Partizipation. Aber es gibt auch Ängste, dass Projekte zu groß oder zu komplex für Beteiligung sind. Es fehlt der Mut zur Beteiligung. Es müssen neue Methoden gefunden werden, um Bürger einzubinden. Wichtig ist, wer an der Entwicklung der Stadt teilhat.

STANDARD: Wer kann partizipieren?

Verlic: Beteiligungsprojekte sprechen oft nur eine gewisse Schicht an. Man muss gut Deutsch sprechen, Zeit und oft ein gewisses Know-how haben. Man muss daran arbeiten, dass Bevölkerungsgruppen teilhaben, die nicht schon Gehör haben.

STANDARD: Wie kann die Stadt diese Gruppen besser einbinden?

Verlic: Es muss um Themen gehen, die für diese Menschen relevant sind. Wenn Kernfragen mitentschieden werden können und nicht nur die Farbgestaltung von Bänken, ist es auch für eine größere Gruppe spannend. (Oona Kroisleitner, 11.7.2016)

Mara Verlic (30) ist Stadtsoziologin. Sie forscht zu Gentrifizierung, Leerstand und sozialer Wohnversorgung.

  • Mara Verlic: "Es fehlt der Mut zur Beteiligung."
    foto: privat

    Mara Verlic: "Es fehlt der Mut zur Beteiligung."

Share if you care.