Schütze von Dallas handelte wohl allein

9. Juli 2016, 15:12
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Obama verkürzt Europa-Reise – Dutzende Festnahmen bei Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt

Dallas / San Francisco – Der Todesschütze von Dallas hat nach den Worten von Bürgermeister Mike Rawlings wohl allein gehandelt. "Wir gehen nun davon aus, dass die Stadt sicher ist, der Verdächtige ist tot und wir können uns daran machen, die Wunden zu heilen", sagte Rawlings am Freitagabend vor Journalisten. Der Gouverneur von Texas, Greg Abbot, sagte, es bleibe aber weiterhin wichtig, herauszufinden, ob der Attentäter Mitwisser hatte.

Offenbar aus Wut gegen Weiße hatte ein Mann in der Nacht nach einer Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze das Feuer gezielt auf Polizisten eröffnet. Fünf Beamte kamen ums Leben. Der Attentäter wurde von Sicherheitskräften getötet. Zunächst war nicht klar, ob der Schütze Mittäter hatte.

Obama reist am Sonntag zurück

US-Präsident Barack Obama wird aufgrund der Ereignisse seine Europareise um einen Tag verkürzen. Das Weiße Haus teilte in der Nacht zum Samstag mit, Obama werde zwar wie geplant am Samstag vom Nato-Gipfel in Warschau nach Madrid weiterreisen und dort auch die Nacht verbringen. Am Sonntag treffe der Präsident unter anderem Vertreter der spanischen Regierung, aber der geplante Abstecher nach Sevilla falle aus. So reise Obama dann schon am Sonntag zurück in die USA.

Obama habe eine Einladung von Bürgermeister Mike Rawlings nach Dallas für den Wochenanfang angenommen, hieß es. Das Thema ethnischer Spannungen und einer neuen Gemeinsamkeit von Polizei und Kommunen in den USA werde außerdem Obamas gesamte Woche bestimmen.

Proteste und Festnahmen

Bei Protesten gegen Polizeigewalt hat es in Rochester im Bundesstaat New York 74 Festnahmen gegeben. Rund 400 Demonstranten hätten nach Angaben der Polizei am Freitagabend (Ortszeit) die Straßen blockiert, berichtete ein lokaler Ableger der Zeitung "USA Today". Rochester liegt an der Grenze zu Kanada im Nordwesten des Bundesstaats New York.

Teils angeführt von der "Black Lives Matter"-Bürgerrechtsbewegung gab es am Freitag auch an vielen anderen Orten der USA Proteste gegen Polizeigewalt. In San Francisco sollen laut "San Francisco Chronicle" 1.000 Menschen durch die Straßen gezogen sein. In Phoenix im Bundesstaat Arizona gab es kurzzeitig Auseinandersetzungen, weil mehrere hundert Demonstranten entgegen ursprünglicher Pläne Richtung Stadtautobahn ziehen wollten, berichtet "Arizona Central". In einigen anderen Städten waren nach den Schüssen in Dallas die Proteste der Schwarzen-Bürgerrechtler ausgesetzt worden.

Einsatz von Sprengstoff

Nach einem mehrstündigen Feuergefecht und erfolglosen Verhandlungen war der Angreifer in Dallas mit Hilfe eines Roboters getötet worden, an dem ein Sprengsatz angebracht war. Der Mann habe zuvor gesagt, er habe alleine gehandelt und sei kein Mitglied einer Gruppe, sagte Dallas' Polizeichef David Brown. Bürgermeister Mike Rawlings bestätigte am Abend den Einsatz von C4-Sprengstoff.

Schütze war Veteran

Die Polizei gab den Namen des getöteten Schützen mit Micah Johnson (25) an. Er sei Afghanistan-Veteran und als Einzelgänger beschrieben worden. Die Polizei fand nach eigenen Angaben in seiner Wohnung Waffen und paramilitärisches Material, auch zum Bombenbau, sowie Schutzwesten, Munition, Gewehre und ein Handbuch für den bewaffneten Kampf.

Außerdem seien afro-nationalistische Schriften aufgetaucht. Entsprechende Hinweise finden sich auf seiner mutmaßlichen Facebook-Seite, die im Verlauf des Tages von dem Internet-Netzwerk gelöscht wurde.

Radikale Gruppierungen

Auf einem Foto ist der junge Afroamerikaner mit erhobener rechter Faust zu sehen, einer typischen Geste der Black-Power-Bewegung früherer Jahrzehnte. Im Hintergrund ist die rot-schwarz-grüne Afroamerikanische Flagge zu sehen, die in der Bewegung für die Rechte der Schwarzen in den sechziger Jahren populär war.

Ein anderes Foto zeigt die Schwarzweißzeichnung einer Faust und die Worte "Black Power". Als "likes" werden mehrere radikale afroamerikanische Gruppierungen genannt. Dazu gehören die New Black Panther Party (NBPP) und die Nation of Islam. Beide vertreten antisemitische und Weißen-feindliche Positionen, wie die auf die Bekämpfung des Rassismus spezialisierte Organisation Southern Poverty Law Center hervorhebt.

Proteste gegen Polizeigewalt

Anlass für die Demonstration am Donnerstagabend (Ortszeit) war der Tod von zwei Afroamerikanern, die in den Bundesstaaten Minnesota und Louisiana binnen zweier Tage durch Polizeischüsse ums Leben gekommen waren. Auch in New York und anderen US-Städten hatte es friedliche Demonstrationen gegen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner gegeben.

Sorge um Eskalation

Aus mehreren US-Städten werden verstärkte Sicherheitsmaßnahmen berichtet, so zum Beispiel aus New York. Landesweit wächst die Sorge, dass die Gewalt eskalieren könnte. Es gab von vielen Seiten Aufrufe zur Mäßigung und zum Zusammenrücken, sehr vernehmlich auch vonseiten schwarzer Bürgerrechtler. Ihr Tenor: Die Gewalt gegen Schwarze müsse beendet werden, aber die Lösung könne keinesfalls schwarze Gewalt gegen Polizisten sein.

US-Wahlkampf

Es ist zu erwarten, dass die Vorfälle dieser Woche eine große Rolle im US-Wahlkampf spielen werden. Die beiden voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Hillary Clinton versuchten, sich in ausführlichen Stellungnahmen die Themen Ungleichheit, Armut und Gewalt zu eigen zu machen.

Trump, dem immer wieder rassistische Bemerkungen vorgeworfen werden, sagte, der Riss zwischen Schwarz und Weiß habe sich verschlimmert, jetzt sei die Zeit für Liebe, Gebete und Einigkeit. Clinton sagte, das Land müsse dringend wieder zusammenfinden. Dallas sei eine Tragödie, auch müsse die alltägliche Gewalt gegen Schwarze ein Ende haben. (APA, Reuters, red, 9.7.2016)

  • Am Freitag wurde wieder demonstriert.
    foto: apa / afp / josh edelson

    Am Freitag wurde wieder demonstriert.

  • Die Proteste richteten sich gegen Rassismus und Polizeigewalt.
    foto: apa / afp / josh edelson

    Die Proteste richteten sich gegen Rassismus und Polizeigewalt.

  • Eine Kundgebung in San Francisco.
    foto: apa / afp / josh edelson

    Eine Kundgebung in San Francisco.

  • In Minnesota und Louisiana kamen diese Woche zwei Afroamerikaner nach Schüssen durch Polizisten ums Leben.
    foto: apa / afp / josh edelson

    In Minnesota und Louisiana kamen diese Woche zwei Afroamerikaner nach Schüssen durch Polizisten ums Leben.

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