Srebrenica: Versöhnung funktioniert anders

Userkommentar11. Juli 2016, 10:59
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Am Montag jährt sich zum 21. Mal der Gedenktag für die Opfer von Srebrenica. In Bosnien und Herzegowina besteht noch immer kein Konsens darüber, wie dieses Verbrechen bezeichnet werden soll

Neben dem Erreichen eines sozialen und wirtschaftlichen Wohlstands war es für das Gelingen der EU, des größten Friedensprojekts der Geschichte, von großer Bedeutung, ein einigendes Narrativ zu entwickeln, das als Fundament für ein einiges Europa dienen würde. In diesem Zusammenhang war es wichtig, dass vor allem die zwei Pfeiler der EU, Deutschland und Frankreich, zusammenfinden.

Beide Staaten waren sich von Anfang an bewusst, dass alles getan werden musste, um einen erneuten Krieg in Europa zu verhindern. Wie zentral die Bedeutung des Holocausts, der Vernichtung des europäischen Judentums, sein würde, sollte den Europäern erst in den 1980er- beziehungsweise 1990er-Jahren klar werden. Seitdem wird viel daran gearbeitet, die Erinnerung an dieses Verbrechen aufrechtzuerhalten. Zu Recht wird jede Relativierung und Leugnung gesellschaftlich verurteilt. Zu groß ist die Angst, dass es noch einmal zu ethnisch motivierten Massakern kommen könnte.

Versäumnisse nach dem Zweiten Weltkrieg

In Jugoslawien versäumte man diesen Prozess. Man befürchtete, dass die Diskussionen über die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, zum Beispiel den Völkermord an hunderttausenden Serben, die "Einheit und Brüderlichkeit" unter den jugoslawischen Völkern erschüttern würden. Das Schweigen führte allerdings nicht zu mehr Stabilität, sondern zum Gegenteil, mit bekanntem Ausgang.

In Vergleich zum Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Bosnien und Herzegowina nach dem Krieg zumindest theoretisch eine bessere Ausgangslage. Erstens war die internationale Staatengemeinschaft bereit, tatkräftig, das heißt, mit Personal und viel Geld, beim Wiederaufbau zu helfen. Zweitens haben internationale Gerichte gemäß rechtsstaatlichen Prinzipien über Kriegsverbrecher geurteilt. Scheinprozesse und mutwillige Exekutionen von Kriegsgegner wie in Titos Nachkriegsjugoslawien waren somit ausgeschlossen. Drittens, die Möglichkeit des zensurfreien Diskurses bot die Möglichkeit, die Kriegsgräuel auch gesellschaftlich aufzuarbeiten. Ein Rezept, das auch Europa geholfen hatte. Warum trat der erhoffte Effekt in Bosnien und Herzegowina nicht ein?

Viel Argumentationsspielraum

Der Unterschied ist, dass in Europa zumindest stillschweigend klar war, wer der Hauptverantwortliche für den Zweiten Weltkrieg war – Deutschland. Mit Blick auf Bosnien und Herzegowina beharren viele darauf, dass Serbien beziehungsweise die Serben eine ähnliche Rolle wie die Deutschen einnehmen und sich dementsprechend verhalten. Diese weigern sich jedoch dagegen, zumindest teilweise zu Recht. Allzu verwobenen ist die Geschichte der interethnischen Konflikte und des komplexen Zerfalls Jugoslawiens. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg gibt es im Fall der Jugoslawien-Kriege viel Argumentationsspielraum. Waren die Unabhängigkeitsreferenden Kroatiens und Bosnien und Herzegowinas nun verfassungskonform oder nicht? Handelte es sich um einen Aggressionskrieg Serbiens gegen Bosnien und Herzegowina, oder war es ein Bürgerkrieg zwischen den in Bosnien und Herzegowina lebenden Serben, Bosniaken und Kroaten?

Die intensivsten und verständlicherweise emotionalsten Diskussionen werden darüber geführt, ob es in Srebrenica einen Völkermord gegeben hat oder nicht. Wenig verwunderlich betrachten die Bosniaken das Massaker an bis zu 8.000 bosniakischen Männern und Burschen als Genozid. Mit Verweis auf die Urteile des Uno-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) und des Internationalen Gerichtshofs IGH teilen die meisten Menschen zumindest in der westlichen Welt diese Einschätzung. Jede Abweichung wird, in Analogie zur Holocaustleugnung, auf das Schärfste verurteilt.

Warum der Völkermord geleugnet wird

Abseits von ethischen und moralischen Überlegungen wäre es für die serbische Führung sicher politisch vorteilhafter, das Verbrechen in Srebrenica als Völkermord zu bezeichnen. Das würde ihr Bad-Boy-Image schmälern oder, in anderen Worten ausgedrückt, ihre internationale Reputation heben. Beharrlich weigert sich ein Großteil der Serben jedoch, das Massaker von Srebrenica als Völkermord anzuerkennen. Und das wird vermutlich noch lange so bleiben. Über die Motive kann nur spekuliert werden. Vermutlich möchten sie nicht in einem Atemzug mit den Deutschen genannt werden, die sechs Millionen Juden umgebracht haben, oder mit den Türken, die für den Tod von 1,5 Millionen Armeniern verantwortlich gemacht werden.

Zusätzlich sei zu erwähnen, dass sie mit ihrer Meinung nicht komplett alleine stehen: Efraim Zuroff, Direktor der Simon-Wiesenthal-Zentrums, Christoph Flügge, ICTY-Richter, und Professor William Shabas, weltweit anerkannter Experte für Genozid, negieren ebenfalls den Völkermordcharakter des Verbrechens von Srebrenica.

Empathielose Streitigkeiten

Weiters gibt es einen großen Unterschied zur Holocaustleugnung: Im Fall von Srebrenica werden die Opferzahlen nicht (mehr) in Abrede gestellt, Holocaustleugner tun das jedoch. Die Behauptung, dass jemand, der umgebracht wurde, gar nicht Opfer war, ist das eigentlich Schmerzhafte für die Hinterbliebenen. Die Streitigkeiten über die offizielle Bezeichnung helfen niemandem.

Ähnlich wie bei der Diskussion über den Völkermord an den Serben im Zweiten Weltkrieg, bei der noch immer die Opferzahl im Mittelpunkt steht und nicht die Würdigung der Opfer und die Lehre, dass so ein Verbrechen nie wieder geschehen darf, droht im Fall Srebrenica der Sturz in empathielose Streitigkeiten über Definitionen.

Es mag zynisch klingen, aber auch den Urteilen des ICTY zum Fall Srebrenica darf widersprochen werden. Demokratien müssen auch solche Debatten aushalten können. Doch Versöhnung funktioniert anders. (Nedeljko Savić, 11.7.2016)

Nedeljko Savić ist Vertragsbediensteter und Absolvent der Diplomatischen Akademie in Wien. Er ist aktives SPÖ-Mitglied.

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  • Beharrlich weigert sich ein Großteil der Serben, das Massaker von Srebrenica als Völkermord anzuerkennen.
    foto: afp/elvis barukcic

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