EM-Finale: Vollendung in Saint-Denis

10. Juli 2016, 16:00
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Portugal geht am Sonntag im Stade de France als Außenseiter ins französische Finale à domicile. Deren großer Sicherheitsfaktor ist Antoine Griezmann. Der große Unsicherheitsfaktor ist Cristiano Ronaldo

Saint-Denis – Man könnte meinen, Frankreichs Fußballer müssten tonnenschwer an der Last tragen, die ihnen aufgebürdet wird. Kein Sieg bei dieser EM – immerhin fünf in sechs Spielen -, der nicht betont staatstragend abgefeiert wurde. "Wir haben Historisches geleistet und schon jetzt Geschichte geschrieben. Das sind wirklich große Emotionen", sagte Coach Didier Deschamps nach dem 2:0 gegen Weltmeister Deutschland. In der Stunde des Triumphs dachte der 47-Jährige zuerst an seine Landsleute: "Wir können dafür sorgen, dass sie für den Moment ihre Probleme vergessen, und ihnen Freude bereiten. Auch deswegen freuen wir uns so sehr. In schweren Zeiten ist man sehr froh über diese Atmosphäre."

Antoine Griezmann ging noch weiter: "Es war unsere Pflicht, diese Spiele zu gewinnen und den Franzosen Freude zu bereiten, um sie ein wenig abzulenken", sagte der Doppeltorschütze, der nicht zuletzt dafür gesorgt hat, dass spät, aber doch Euphorie beim Gastgeber aufgekommen ist. Der tiefe Fall, eine Niederlage im Finale (Liveticker auf derStandard.at), ist jetzt eigentlich gar nicht vorstellbar. Das könnte die Équipe Tricolore ihren Landsleuten doch keinesfalls antun!

Blaue Bilanz vom Feinsten

Nicht nur die Statistik spricht für ein Happy End, aber sie schreit geradezu für ein Happy End. Frankreich hat seine beiden bisherigen Heimturniere, die EM 1984 und die WM 1998, für sich entschieden. Ja, Les Bleus haben noch kein einschlägiges Spiel verloren. Inklusive der aktuellen Kampagne wurden von bisher 18 Spielen 17 erfolgreich einer Erledigung zugeführt. Dazu kommt die Spezialbilanz gegen Portugal samt dem guten Omen, die Lusitanier sowohl 1984 als auch 2000 auf dem Weg zum zweiten EM-Titel jeweils im Halbfinale nach Verlängerung geschlagen zu haben.

Beide Triumphe im eigenen Land hat Deschamps als Kapitän miterlebt, jetzt soll die Vollendung als Nationaltrainer folgen. Von der Favoritenrolle will der Mann aus Bayonne im äußersten Südwesten Frankreichs aber nichts wissen. "Das wird ein offenes Spiel sein. Nur weil wir Deutschland rausgeworfen haben, besitzen wir keine Zusatzkräfte. Wir glauben an uns, Portugal glaubt an sich."

Keine Angst, Portugal

Kollege Fernando Santos würde dem zustimmen. Der 61-Jährige aus Lissabon, der seine Karriere als Spieler bereits mit 21 Jahren beendete, dafür aber deutlich mehr Trainerjahre als Deschamps auf dem Buckel hat, glaubt auch nicht an die Macht der Vergangenheit. "Ich bin absolut sicher, dass das nichts beeinflusst." Auch, dass Portugal in bisher 24 Spielen gegen Frankreich erst fünfmal gewonnen hat, ficht Santos nicht an: "Portugal sollte keine Angst vor anderen Teams haben, egal wie negativ die Bilanz ist. Wir haben ein Ziel, das Finale zu gewinnen. Wir glauben, dass wir jeden Gegner schlagen können." Es sei zwar ganz normal, dass der Gastgeber zu favorisieren sei. "Aber Portugal wird dennoch gewinnen."

Nichteinmal als Auswärtsteam brauche sich die Seleção das Quinas zu fühlen, schließlich leben 1,2 Millionen ethnische Portugiesen in Frankreich – so viele wie nirgendwo sonst außerhalb Portugals.

c guiot
EM-Halbfinale 1984 im alten Stade Vélodrome zu Marseille; Frankreich – Portugal 3:2 n.V., Michel Platini trifft in Minute 119.
uefa.tv
EM-Halbfinale 2000 in Brüssel; Frankreich – Portugal 2:1 n.V. Zinedine Zidane erzielt ein Golden Goal, der Österreicher Günter Benkö amtierte als Referee.

Es geht ums Gewinnen

Santos' erstes Spiel als Nationaltrainer endete im Oktober 2014 mit einer 1:2-Niederlage – im Stade de France gegen Frankreich. "Seitdem habe ich gesagt, dass es unser Ziel ist, es in dieses Finale zu schaffen." Und: "Jemand sagte mir einmal: 'Im Finale geht es nicht ums Spielen, sondern ums Gewinnen' – so ist es." Das lässt den Schluss zu, dass es die Portugiesen wieder sehr defensiv anlegen werden.

Hilfreich wird das Comeback von Abwehrchef Pepe sein, der in der Vorschlussrunde gegen Wales noch blessiert fehlte. "Ich fühle mich großartig. Ich bin fit und kann spielen", sagte der Innenverteidiger von Real Madrid am Samstagabend. "Das Endspiel ist das wichtigste Spiel meiner Karriere." Man wolle Geschichte schreiben, den Portugiesen große Freude bereiten.

"Große Turniere", sagt Santos, "werden von Teams gewonnen und nicht von einzelnen Spielern." Dennoch soll für ihn Ronaldo wieder eines seiner Wunder wirken. Nur ein Tor, und der dreimalige Weltfußballer wird in seinem 21. einschlägigen Spiel auch nach Treffern alleiniger EM-Rekordler – vor Michel Platini, der neunmal netzte. Nicht auszuschließen ist aber, dass ihm Griezmann diesmal die Show stielt und so subtile Revanche für das Finale der Champions League nimmt. Das verlor der Franzose mit Atlético Madrid vor sechs Wochen gegen Ronaldos und Pepes Real – unter der Leitung von Mark Clattenburg übrigens. Der 41-jährige Engländer pfeift auch am Sonntag im Stade de France.

Rund 1300 Sicherheitskräfte werden rund um den Finalort für Sicherheit sorgen. 1400 sind auf der Fanzone in Paris im Einsatz, der öffentliche Nahverkehr wird von 700 Beamten abgesichert. Insgesamt 3400 Polizisten werden nach dem Finale auf den Champs-Elysées im Einsatz sein. (red, 9.7.2016)

Mögliche Aufstellungen zum Fußball-EM-Finale:

Portugal – Frankreich (Sonntag, 21.00 Uhr/live ORF eins, Saint-Denis, Stade de France, SR Mark Clattenburg/ENG)

Portugal: 1 Rui Patricio – 21 Cedric Soares, 3 Pepe, 4 Fonte, 5 Raphael Guerreiro – 10 Joao Mario, 14 William Carvalho, 16 Renato Sanches, 23 Adrien Silva – 17 Nani, 7 Ronaldo

Ersatz: 12 Lopes, 22 Eduardo – 2 Bruno Alves, 11 Vieirinha, 6 Ricardo Carvalho, 19 Eliseu – 8 Joao Moutinho, 13 Danilo Pereira, 18 Rafa Silva, 15 Andre Gomes – 9 Eder, 20 Quaresma

Frankreich: 1 Lloris – 19 Sagna, 21 Koscielny, 22 Umtiti, 3 Evra – 15 Pogba, 14 Matuidi – 18 Sissoko, 7 Griezmann, 8 Payet – 9 Giroud

Ersatz: 16 Mandanda, 23 Costil – 2 Jallet, 13 Mangala, 4 Rami, 17 Digne – 5 Kante, 6 Cabaye, 12 Schneiderlin – 10 Gignac, 11 Martial, 20 Coman

  • Fernando Santos und Didier Deschamps wollen es beide.
    foto: apa/afp/franck fife

    Fernando Santos und Didier Deschamps wollen es beide.

  • Cristiano Ronaldo und Antoine Griezmann geht es nicht anders.
    foto: afp/bureau/leong

    Cristiano Ronaldo und Antoine Griezmann geht es nicht anders.

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  • Didier Deschamps duellierte sich im EM-Halbfinale 2000 mit Luis Figo. Frankreich siegt nach Verlängerung mit 2:1.
    foto: imago

    Didier Deschamps duellierte sich im EM-Halbfinale 2000 mit Luis Figo. Frankreich siegt nach Verlängerung mit 2:1.

  • Michel Platini nimmt sich im EM-Halbfinale 1984 Antonio Sousa vor. Der französische Kapitän erzielt in der 119. Minute das 3:2 gegen die Portugiesen, Jean Tigana (rechts) leistete wunderbare Vorarbeit.
    foto: imago

    Michel Platini nimmt sich im EM-Halbfinale 1984 Antonio Sousa vor. Der französische Kapitän erzielt in der 119. Minute das 3:2 gegen die Portugiesen, Jean Tigana (rechts) leistete wunderbare Vorarbeit.

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