Nato-Gipfel: EU sucht Schutz im Bündnis

Kommentar8. Juli 2016, 21:49
10 Postings

In Warschau wurde eine noch engere Kooperation von EU und Nato vereinbart

Gibt es einen Unterschied zwischen EU und Nato? Antwort: im Prinzip nein. Nur einen. Sechs Unionsländer sind nicht dabei im Militärbündnis – Österreich, Schweden, Finnland, Irland, Malta und Zypern.

An diesen Gag von Sicherheitsexperten erinnert der jüngste Nato-Gipfel. Beide Organisationen haben jeweils 28 Mitgliedsländer. Aber wenn es darum geht, ihr Gewicht qualitativ zu messen, sieht es gleich ganz anders aus.

Die sechs Neutralen und Bündnisfreien in der Europäischen Union sind kleine, feine Länder. Sie haben zusammen knapp 27 Millionen Einwohner – bei insgesamt 507 Millionen EU-Bürgern. Strategisch vernachlässigbar. Der Großteil der Europäer darf sich fest in der westlichen Allianz verankert fühlen. Umgekehrt gilt: In der Nato werden die 22 EU-Mitglieder von den USA als stärkster Militärmacht der Welt, von Kanada und der Türkei ergänzt.

Das ist die Faktenlage. Daran erkennt man sofort, warum gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Union trotz aller gegenteiliger Beteuerungen über ein Embryonalstadium bisher kaum hinausgekommen ist. Diese war bisher bestenfalls ein Anhängsel der Nato.

Das mögen jene bedauern, die noch an die Bedeutung der Neutralen in der EU glauben. Es bleibt eine Illusion, die auf durchaus amüsante Weise zum Ausdruck kommt, wenn etwa Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil bekennt, dass er bei der Lösung des Migrationsproblems im Mittelmeer ganz auf die Nato baue.

Der Knackpunkt heißt jetzt Großbritannien. Führt man sich vor Augen, wie prekär die Verhältnisse in Europa gerade sind, dann wird rasch klar, warum der angekündigte EU-Austritt des Landes für die Gemeinschaft nicht nur wirtschaftlich eine vitale Herausforderung darstellt, sondern vor allem militärisch. Beim Nato-Gipfel in Warschau wurde darüber erstaunlich offen gesprochen.

Denkt man sich den bedeutenden militärischen Beitrag der Briten in der EU weg, dann entsteht eine riesige Lücke. Nur Frankreich bliebe gleichwertig übrig, weil Deutschland nicht aufrüsten will. Genüsslich hat der scheidende US-Präsident Barack Obama den Finger auf diese mögliche Wunde der Europäer gelegt. Wie es aussieht, wollen die EU-Staaten den Abstand über den Atlantik aber ohnehin nicht vergrößern. In Warschau wurde eine enge – noch engere – Kooperation von EU und Nato vereinbart. Kurz: Die unemanzipierte EU sucht weiter den Schutz der Allianz. (Thomas Mayer, 8.7.2016)

Share if you care.