Deutschland: Dann eben Titelverteidigung 2018

8. Juli 2016, 17:53
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Schon wieder nicht Europameister – Weltmeister Deutschland ist nach dem Ausscheiden in Frankreich frustriert, Trainer Joachim Löw so enttäuscht, dass er von der WM in Russland noch gar nichts hören will

Ganz viele in Deutschland haben es ja kommen sehen, wie es sich dann in Marseille tatsächlich abspielte. Weil es fing auch für die Daheimgebliebenen, vor dem TV Zitternden und Fiebernden, nicht gut an. Das ZDF, das die Partie Frankreich – Deutschland live übertrug, verpasste den Anpfiff, sendete stattdessen Werbung.

Und dann fehlte auch noch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vor Ort bei den Jungs. Zu groß der Stress, zu viel die Arbeit – die sonst so fußballbegeisterte Regierungschefin hat, ganz gegen ihre Gewohnheit, bei diesem Turnier kein einziges Spiel auf der Ehrentribüne in einem Stadion verfolgt. Am entscheidenden Abend saß sie beim Sommerfest der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin.

Jetzt lohnt sich der Weg nach Frankreich auch nicht mehr. Aber die deutsche Regierung zeigt sich als faire Verliererin. Natürlich gratulierte das Auswärtige Amt den Franzosen zum Sieg, hatte aber auch für die unterlegene deutsche Mannschaft einen aufmunternden Tweet parat: "You are still world champions!" Auch Regierungssprecher Steffen Seibert schrieb an die Weltmeister: "Trotzdem. Was haben wir für eine tolle Nationalmannschaft."

Auch AfD zwitschert

Apropos national. Beatrix von Storch, Vizechefin der Alternative für Deutschland (AfD), machte sich ihre eigenen Gedanken, wie Deutschland denn wieder ein großes Turnier gewinnen könnte: "Vielleicht sollte nächstes Mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen?", twitterte sie – eine Anspielung auf einige Spieler mit Migrationshintergrund. Obwohl ZDF-Satiriker Jan Böhmermann riet "Lasst uns alle zusammenhalten und Beatrix von Storch einfach mal ignorieren", war die Empörung groß. Auf Facebook ruderte sie dann zurück und lobte das Team.

Für Heiterkeit in der Depression sorgte hingegen das populäre Magazin für Fußballkultur 11 Freunde, das das Handspiel des tragischen Kapitäns Bastian Schweinsteiger so beschrieb: "Die Hand Schrottes." Auch die Bild -Zeitung schoss sich auf Seite eins auf Schweinsteiger ein, bezeichnete ihn in zentimetergroßen Lettern als "Weini", bekannte darunter dann aber versöhnlich: "Schweini, wir leiden mit dir!"

Allgemeiner Tenor bei den traurigen Fans: Dann müssen wir halt 2018 Weltmeister in Russland werden. Doch all die Besserwisser und Auskenner vermochten am Tag danach eines auch nicht mit Sicherheit zu sagen: Was wird jetzt aus Trainer Löw? Wird er die deutsche Elf noch in Wladimir Putins Reich führen? Weltmeister als Trainer (Brasilien 2014) ist er ja schon, so gut hätte der EM-Titel noch gepasst. 2008 ging Löw mit seinem Team als Zweiter vom Platz, 2012 verlor die Mannschaft 1:2 gegen Italien im Halbfinale. Löw ist seit zehn Jahren Bundestrainer, sein Vertrag läuft noch bis zum Jahr 2018.

Kein Glück, kein Vorwurf

Er selbst war nach dem Ausscheiden völlig niedergeschlagen und gab folgende Analyse ab: "Wir hatten das Glück einfach nicht auf unserer Seite. Ich kann keinem einen Vorwurf machen."

Als er gefragt wurde, ob er beim nächsten Testspiel der Nationalelf wieder auf der Trainerbank sitzen werde, antwortete der 56-Jährige nicht ganz eindeutig: "Hm, ja, ich denke." Und er bekannte; "Wie ich diese Niederlage verarbeiten werde, weiß ich noch nicht."

Verbandschef Reinhard Grindel bat nach der Heimkehr in Frankfurt um Ruhe für Löw, zeigte sich aber sehr zuversichtlich, dass der Trainer in Russland noch an Bord sein werde. Bis dahin, sagen viele, müsse Löw ein paar junge Stürmer aufbauen. Denn das Dilemma der torschwachen Deutschen beschrieb der gesperrte Mats Hummels nach der Niederlage in einem Satz, der das Zeug hat, in das große Buch der originellen Fußballsprüche einzugehen: "Es hat einer gefehlt, der den Ball reinschießt." (Birgit Baumann, 8.7.2016)

  • Joachim Löw muss die Niederlage erst verdauen, weiß aber noch nicht, wie lange er dazu braucht.
    foto: reuters/pfaffenbach

    Joachim Löw muss die Niederlage erst verdauen, weiß aber noch nicht, wie lange er dazu braucht.

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