Fünf tote Polizisten in Dallas: Verdächtiger wollte Weiße treffen

8. Juli 2016, 23:48
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Heckenschütze tötete aus dem Hinterhalt fünf Uniformierte. Ob dies eine Reaktion auf die jüngste Polizeigewalt gegen Schwarze war, blieb unklar

Ob das Pulverfass explodieren kann? Am Abend hatte Arthur "Silky Slim" Reed die Frage noch mit dem salomonischen Satz beantwortet, dass man die Zukunft bekanntlich schlecht vorhersagen könne. Einst Mitglied einer Drogenbande, bemüht sich der hochgewachsene Afroamerikaner darum, in Baton Rouge den Frieden zu wahren, wohl wissend, wie schwierig das ist. "Man muss mit allem rechnen", hatte der 43-Jährige noch am Donnerstagabend orakelt, als er einen Zug von Demonstranten anführte. Am Freitagmorgen gehörte auch Reed zu denen, die mit vielem gerechnet hatten, mit landesweiten Krawallen, anhaltenden Unruhen, nur nicht mit einem Blutbad wie in Dallas.

In der texanischen Stadt hat der 25-jährige Armee-Veteranen Micah Johnson in der Nacht gezielt auf Polizisten geschossen, dabei fünf Beamte getötet und mindestens sieben verletzt. Nach den Worten David Browns, des Polizeichefs von Dallas, hatte Johnson eine " erhöhten Position" eingenommen, um so viele Beamte wie möglich ins Visier zu nehmen. Dann verschanzte er zufolge in einem Parkhaus und lieferte sich einen 45-minütigen Schusswechsel mit den Uniformierten.

Verhandlungen seien erfolglos geblieben, der Mann wurde schließlich von der Polizei mit einer auf einem Roboter befestigten Bombe getötet. Er habe den Unterhändlern gesagt, "dass er mehr von uns töten wird", zitiert ihn Brown. Zudem habe er behauptet, Weiße treffen zu wollen – weiße Polizisten. Er habe sich aber auch gegen die schwarze Bürgerrechtsbewegung "Black lives matter" gestellt, so Brown.

Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in einem Vorort von Dallas fanden die Ermittler Material zum Bau von Bomben, kugelsichere Westen, Gewehre, Munition sowie eine Art Tagebuch zu Kampftechniken.

Es begann in Baton Rouge

Ob Dallas die Rache für Baton Rouge war, wie sofort spekuliert wurde, weiß natürlich niemand seriös zu sagen. Bevor sich in der Downtown von Dallas Szenen abspielten, die an einen Bürgerkrieg erinnerten, waren friedliche Demonstranten durch die Straßen gezogen, um gegen Polizeigewalt zu protestieren, gegen die Schüsse, die zwei Afroamerikaner diese Woche das Leben kosteten, Alton Sterling in Baton Rouge und Philando Castile in St. Paul. Ob Kriminelle die Lage ausnutzten, ob gar eine Terrorzelle am Werk war: Auf solche Fragen konnte zunächst niemand schlüssige Antworten geben. Sicher ist nur, was Alton Sterling in Baton Rouge widerfuhr, war der Beginn einer Eskalationskette. Wohin es noch führt, wagt im Moment keiner zu prophezeien.

Alton Sterling, 37 Jahre alt, fünf Kinder. Ein Mann, der wegen Wohnungseinbrüchen, Diebstahls und Drogenbesitzes wiederholt im Gefängnis saß und der, so erzählt es die Tante, bei der er wohnte, die schiefe Bahn zu verlassen versuchte. Er hatte auffallend schlechte Zähne, das Geld reichte nicht, um zum Zahnarzt zu gehen. Seinen Lebensunterhalt kratzte er sich zusammen, indem er CDs verkaufte, für fünf Dollar pro Scheibe. Jemand hat sein Konterfei, mit den schlechten Zähnen als Erkennungszeichen, überlebensgroß an die graue Wellblechwand von Triple S gemalt, des kleinen Ladens, vor dem Sterling von den Polizisten Blane Salamoni und Howie Lake getötet wurde. Davor liegen Blumen, Kränze und Papierbögen, auf denen steht, dass "Big Al" in Frieden ruhen möge.

"Es gibt nur einen Weg – Gottes Weg"

"Er war ein guter Mann. Er hatte ein schweres Leben, aber er war ein guter Mann", sagt Arthur Reed, den seine Freunde trotz seiner Boxerstatur Silky Slim nennen, den seidenweichen Schlanken. Der Hüne ist pausenlos am Handy, er versucht Fäden zu ziehen, Gemüter zu beruhigen, damit Baton Rouge nicht im Chaos versinkt. Aus der Bande, der er seit seiner Jugend angehörte, ist Reed ausgestiegen, nachdem er einen Autounfall knapp überlebt hatte, der einzige Insasse im Wagen, der mit dem Leben davonkam. 2001 gründete er die Gruppe "Stop the Killing", und die ist inzwischen darauf spezialisiert, kurze Dokumentarfilme zu drehen, mithilfe von Videos, die Passanten aufgenommen haben, wenn es irgendwo in Louisiana zu einem Überfall, einer Messerstecherei, einer Schießerei kam und sie Zeugen wurden. Reed zeigt die Filme in Schulen und Kirchen, um schwarzen Teenagern klarzumachen, was es bedeutet, sich einer Drogengang anzuschließen. "Es gibt nur einen Weg – Gottes Weg", steht in Großbuchstaben auf dem dunkelblauen T-Shirt, das er zwei Tage nach Sterlings Tod trägt.

Jedenfalls war es Reeds Gruppe, die nacheinander zwei Videos zur Causa Sterling ins Netz stellte. Sie zeigen Beamte, die einen Mann zu Boden warfen, förmlich auf ihm knieten, ihn völlig unter Kontrolle zu haben schienen – bevor sie dann aus nächste Nähe auf ihn schossen. Hinterher zog einer der beiden eine Pistole aus der Hosentasche des tödlich Getroffenen, auch das ist deutlich zu sehen. Sie stimmte also nicht, die zunächst gestreute Version, nach der Sterling die Polizisten mit gezogener Waffe bedrohte. Dennoch hat der zuständige Staatsanwalt in Baton Rouge die beiden mit den Worten zitiert, sie hätten nach wie vor das Gefühl, richtig gehandelt zu haben. Und damit hat er nur Öl ins Feuer gegossen.

Dabei bemüht sich Reed, der Geläuterte, nach Kräften darum, die Nerven zu glätten. Bisweilen gelingt ihm das, da kommt vorm Triple S sogar so etwas wie Volksfeststimmung auf. Kostümierte, verkleidet als Indianer, tanzen ausdauernd zu Trommelklängen, so wie sie es beim Mardi-Gras-Karneval in New Orleans tun. Dann wieder beschließen aufgebrachte Demonstranten, sich den vorbeirollenden Autos auf der Straße vorm Triple S spontan in den Weg zu stellen. "No Justice! No Peace!", schallt es über den North Foster Drive. Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, gibt es auch keinen Frieden.

Lob für den Gouverneur

Auch Lamonte Cole, der Kommunalpolitiker, der das heruntergekommene Viertel im Rathaus von Baton Rouge vertritt, ist gekommen, um zu beruhigen. Er findet lobende Worte für John Bel Edwards, den Gouverneur Louisianas. Der habe das richtige Zeichen gesetzt, als er rasch entschied, die Ermittlungen im Fall Sterling allein dem Justizministerium in Washington zu überlassen. Damit habe er die richtigen Lehren aus dem Kapitel Ferguson gezogen, wo sich im Sommer 2014 der Eindruck aufdrängte, als wollten die Behörden allein auf lokaler Ebene klären, unter welchen Umständen ein weißer Polizist den schwarzen Teenager Michael Brown erschoss. Lokalen Behörden in den Südstaaten, auch in Louisiana, bringen Afroamerikaner aus langer Erfahrung tiefes Misstrauen entgegen. "Unser Gouverneur hat alles richtig gemacht", lobt also Cole. Am Donnerstagabend redet Edwards in einer afroamerikanischen Kirche in Baton Rouge, dem Living Faith Christian Center, und mahnt zur Geduld. Die Justizministerin lasse untersuchen, gründlich, unabhängig und unparteiisch. "Bis ein Ergebnis vorliegt, müssen wir uns in Geduld üben. Ich bitte euch, verliert nicht die Geduld."

"Das wird doch wieder nichts, die stecken doch alle unter einer Decke", widerspricht Arthur Reed, nun selber fast so aufgebracht wie die zornigsten Demonstranten. Früher, fügt er in bitteren Worten hinzu, hätten die Rassisten des Ku-Klux-Klan weiße Kapuzen getragen, heute trügen sie die blauen Uniformen des Police Department. "Ob Polizisten, Ermittler oder Richter, die sind doch alle Teil des Systems." Es klingt nicht so, als würde Baton Rouge bald zur Ruhe kommen. (Frank Herrmann aus Baton Rouge, 8.7.2016)

  • Massive Polizeipräsenz nach den Schüssen in Dallas.
    foto: afp/laura buckman

    Massive Polizeipräsenz nach den Schüssen in Dallas.

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