Polen: Debatte über Sowjetdenkmäler

9. Juli 2016, 17:00
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Staatliches Institut in Polen plant Demontage

Noch stehen sie in ganz Polen: Soldaten der Roten Armee, mit dem Gewehr im Anschlag, über einen gefallenen Kameraden gebeugt oder in stolzer Befreierpose. Seit Kriegsende prägen die tonnenschweren Stein- und Bronzedenkmäler zentrale Plätze in polnischen Städten. Damit soll nun Schluss sein. Das staatliche Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) will die letzten der einst über 500 Sowjetdenkmäler demontieren und in einem Freilichtmuseum wiederaufbauen.

Die Idee, die Denkmäler zu entfernen, ist nicht neu. Einige bei vielen Polen besonders verhassten "Sowjethelden" wurden bereits Anfang der 1990er-Jahre vom Sockel gestoßen. Ärger gab es regelmäßig dann, wenn ein martialisch aussehendes "Dankbarkeits-Denkmal" demontiert und auf einem der sowjetischen Soldatenfriedhöfe wiederaufgebaut wurde. Meist protestierte die russische Botschaft in Warschau, oft auch Politiker in Russland selbst. Ob die Polen vergessen hätten, wer sie 1945 vom Terror Nazideutschlands befreit hatte? Ob den in Polen gefallenen Soldaten der Roten Armee kein Dank und kein ehrenvolles Andenken gebühre? Auch viele Historiker, Soziologen und KZ-Überlebende sind den Rotarmisten für ihren Kampfeinsatz in Polen so dankbar, dass sie für den Verbleib der Denkmäler plädieren. Dass die Rote Armee den Polen nicht die erhoffte Freiheit brachte, erkennen sie durchaus an. Doch sie rettete ihr Leben vor der drohenden Vernichtung durch die Nazideutschen.

Für IPN-Direktor Pawel Ukielski überwiegen andere Argumente: "Es gibt keinen Grund, die Denkmäler zur Erinnerung an die Rote Armee zu glorifizieren, die zweimal in Polen einfiel und für etliche Verbrechen nach dem Krieg verantwortlich ist", erklärte er. Andere Historiker erwähnen den Hitler-Stalin-Pakt mit seinem geheimen Zusatzprotokoll, das die Aufteilung Polens in "Interessensphären" vorsah. Der Massenmord an den polnischen Offizieren in den Wäldern von Katyn oder die Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes in Polen nach 1945 sprächen ebenfalls gegen den "Dank" in Form von Propagandadenkmälern.

Nato-Engagement im Osten

Auch in der Gegenwart sorgt die Politik Moskaus, etwa im UkraineKonflikt, für Ängste in Polen. Der Beschluss zur Stationierung von vier Nato-Bataillonen in Polen und im Baltikum sei jedoch ein "Zeichen, dass die Nato ihr Engagement in Osteuropa weiterentwickelt", sagte der polnische Botschafter in Wien, Artur Lorkowski, im Vorfeld des Warschauer Gipfels zum STANDARD. (Gabriele Lesser aus Warschau, 9.7.2016)

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