Dichand-Journalismus: Einfache Antworten

10. Juli 2016, 15:00
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Warum sollen einfache Antworten automatisch falsch sein?, jammerte der nebenberuflich dichtende Advokat

Will man sich beim neuen Bundespräsidenten einschleimen, sollte man wenigstens sicher sein, wer es wird. So gesehen erscheint das von "Österreich" auf den Markt geworfene Werk Alexander Van der Bellen – Präsident der Hoffnung wie eines über die Schwalbe, die noch keinen Sommer macht, jedenfalls nicht diesen. Das erste Buch über den neuen Präsidenten ist eher eine Broschüre von immerhin hundert Seiten, in der man – reich bebildert – alles über den Mann erfährt, was der politisch halbwegs Interessierte schon weiß, einschließlich des Grundes, warum Van der Bellen mit 71 seine späte Liebe Doris Schmidauer heiratet.

Das Impressum enthält den schicksalsschwangeren Haftungsausschluss: Der Inhalt dieses Buches wurde von uns mit bestem Wissen und Gewissen geschrieben und überprüft. Dennoch übernehmen wir für die Irrtümer, mit denen der vorliegende Text behaftet sein könnte, keine Haftung. Keine Haftung zu übernehmen ist eine Spezialität des Hauses, und nur zu empfehlen, wenn es um Behauptungen geht wie: Van der Bellen gewinnt Endspiel um Österreich und Van der Bellen ist der neue Präsident. Er muss das gespaltene Land wieder einen. Dafür die Haftung zu übernehmen, würde nicht nur "Österreich" überfordern. Mit einer Broschüre über Norbert Hofer – Titelvorschlag: Präsident des Wunderns – soll im Sinne journalistischer Unparteilichkeit bei "Österreich" noch zugewartet werden.

2+2 ist 4

Aber nicht nur der neue Präsident, sondern auch der neue Bundeskanzler hat in der letzten Zeit journalistische Aufmerksamkeit erregt. Auf kulturelles Unbehagen stieß er sowohl bei Thomas Chorherr in der "Presse" als auch beim freiheitlichen Kolumnisten der bunten Sonntags-"Krone", dort, weil er mit dem Satz "Einfache Antworten werden nicht funktionieren" zu den Themen Brexit und Flüchtlinge an den Grundfesten des Dichand-Journalismus gerüttelt hat. Warum sollen einfache Antworten automatisch falsch sein? jammerte der nebenberuflich dichtende Advokat. Wenn mich jemand fragt, wieviel 2+2 ist, und ich antworte darauf: "4", so ist das eine einfache Antwort, die richtig ist.

Und das gilt nicht nur in der höheren Mathematik. Dass die Behauptung, "einfache Antworten würden nicht funktionieren", gerade in der Flüchtlingskrise falsch ist, zeigt die Schließung der Balkanroute: Seit die Grenzen im Süden dicht sind, kommen keine Neuankömmliche mehr an. Das kann man für verwerflich halten, es funktioniert aber trotzdem, schließlich fragt bei der Addition von 2 und 2 auch niemand nach der Humanität der Operation. Und würde man die EU-Außengrenzen endlich sichern und die Menschen nicht auf das Festland weiterreisen lassen, sondern – wie Australien – in Asylzentren unterbringen, dann hätte man das derzeitige Chaos auch gelöst.

Die Welt könnte so einfach sein wie 2+2. Aber die Wahrheit ist, dass etablierte Politiker einfache Antworten nicht gerne hören. Nicht, weil diese falsch sind, sondern weil Besitzstandswahrer aller Couleurs davon leben, uns die herrschenden Zustände als "sehr kompliziert" darzustellen. Das ist ein Herrschaftsmittel: Die Bürger sollen glauben, dass sie die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Zustände nicht so einfach ändern können. Wieso dann die "Krone" in all ihrer geistigen Einfachheit sämtliche dieser Zustände nicht schon längst geändert hat, sondern sie nur beschwört, blieb leider offen.

Thomas Chorherr hingegen, zu subtileren Gedankengängen durchaus fähig, stieß sich an Christian K., Proletarier im Nadelstreif, und zwar insbesondere an dessen Selbstdefinition: "Ich bin von meiner Herkunft her proletarischer als viele meiner Vorgänger." "Profil" habe den Ausspruch nur verkürzt wiedergegeben: "Ich bin proletarischer als viele meiner Vorgänger", was für Chorherr einer Irreführung gleichkommt, denn der Unterschied spricht Bände der Marximuslehre: Ist Kern ein Proletarier, oder stammt er aus einer proletarischen Familie? Könnte er in einem Dressman-Werbespot auftreten, oder hält er es nach der Maxime: "Sozialdemokraten müssen kein Armutsgelübde ablegen"? Und ist Christian Kern, Bundeskanzler der Republik Österreich, Obmann der SPÖ, ein Prolet?

Spätestens da beginnt man sich in dieser Marxismuslehre nach einer einfache Antwort à la "Krone" zu sehnen und erfährt, Kern wolle zeigen, dass man auch als männliche Modepuppe politisch reüssieren kann – aber als Proletarier, nicht "Prolet im Nadelstreif". Einfache Antwort. (Günter Traxler, 10.7.2016)

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