Attentat in Istanbul: Mutmaßlicher Drahtzieher mit Spur nach Österreich

9. Juli 2016, 12:00
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Türkische Behörden baten laut Medienberichten die USA um Hilfe bei der Jagd nach Ahmed Tschataev

Ob Ahmed Tschataev Zeit hat, Mitte Juli seinen Geburtstag zu feiern, ist nicht klar. Denn nach dem 36-Jährigen Jihadisten soll weltweit gefahndet werden. Wie das "Wall Street Journal" nun berichtet, hat die Türkei die USA darum gebeten, bei der Jagd nach dem mutmaßlichen IS-Mitglied zu helfen. Offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht. Kurze Zeit nach den Attentaten in Istanbul am 28. Juni war Tschataev als mutmaßlicher Mastermind des Anschlags in türkischen Medienberichten aufgetaucht. Nun scheint sich die Verdachtslage offenbar erhärtet zu haben.

foto: afp photo / ozan kose
Mehr als 200 Menschen wurden bei dem Attentat am Flughafen von Istanbul verletzt.

Insgesamt kamen bei dem Angriff mit Sprengsätzen und Maschinengewehren mindestens 45 Menschen ums Leben, mehr als 230 wurden verletzt – zum Großteil waren die Opfer türkische Staatsbürger. Die Terrormiliz "Islamische Staat" (IS) wird hinter dem Attentat vermutet, bekannt hat sich bislang aber noch niemand.

Flüchtling in Österreich

Bei der Suche nach Tschataev wird man wohl auch bei den österreichischen Behörden anklopfen. Tschataev wurde nach der Flucht aus Russland 2003 in Österreich zunächst Asylstatus zuerkannt. Der im russischen Vedeno geborene Jihadist kämpfte im zweiten Tschetschenischen-Krieg und verlor dabei laut russischen Medienberichten einen Arm. Seither hatte er in Russland den Spitznamen "Ahmed der Einarmige". In Österreich angekommen, forderte Russland umgehend seine Auslieferung – ohne Erfolg: Die Gefahr, in russischer Haft gefoltert zu werden, war zu groß. Die Russen gaben aber nicht auf und versuchten Tschataevs bei jeder Reise ins Ausland habhaft zu werden.

Auch Tschataev blieb nicht inaktiv. 2008 wurde er in Schweden zunächst zu 16 Monaten Haft verurteilt, nachdem er versucht hatte, eine automatische Waffe, zwei Handfeuerwaffen und Munition zu schmuggeln. Gegenüber Behörden behauptete er, die Waffen seien von russischen Agenten im Auto platziert worden, er wollte nur nach Norwegen, um dort Freunde zu treffen und um zu fischen. Nach zehn Monaten Haft wurde er entlassen.

Festnahmen

Seine Reiseaktivitäten nahmen allerdings nicht ab. Am 3. Jänner 2010 wurde er in Uschhorod an der slowakisch-ukrainischen Grenze aufgrund eines russischen Haftbefehls von den ukrainischen Behörden festgenommen. Eine Auslieferung erfolgte aufgrund seines Flüchtlingsstatus und Protesten von Menschenrechtsorganisationen allerdings nicht.

Im Mai 2011 wurde er erneut festgenommen – diesmal an der bulgarisch-türkischen Grenze auf russisches Begehren hin. Ein Berufungsgericht lehnte eine Auslieferung nach Russland allerdings ab.

Erneut taucht Tschataevs Name im August 2012 in Georgien auf. In Lopota, im Osten des Landes, kam es nahe der russisch-georgischen Grenze zu schweren Kämpfen zwischen Islamisten und georgischen Sicherheitskräften, bei denen 14 Menschen, elf Islamisten und drei georgische Beamte, ums Leben kamen. Im September wurde Tschataev von den Behörden im Zusammenhang mit dem Vorfall festgenommen. Bei seiner Festnahme hatte er eine Schusswunde, die sich später infizierte. Aufgrund der Infektion musste ihm sein linkes Bein amputiert werden. Im Jänner 2013 wurde er von einem georgischen Gericht aber von allen Vorwürfen freigesprochen.

Auftritt in Syrien

Danach verlor sich zunächst seine Spur, bis im Jänner 2015 auf Youtube ein Video auftauchte, das Tschataev mit dem prominenten IS-Kämpfer Abu Jihad aus dem Nordkasus zeigt. In dem dreiminütigen Video grüßt Tschataev Jihadisten aus Dagestan, die dem IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi die Treue geschworen haben. Danach ruft er alle Islamisten in Tschetschenien, die dem Anführer des "Islamischen Staates" noch nicht die Treue geschworen haben, dazu auf, dies zu tun.

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Ausschnitt aus einem Video, das Ahmed Tschataev (rechts) zeigt und im Jänner 2015 veröffentlicht wurde.

Zu diesem Zeitpunkt soll Tschataev bereits Kommandeur einer Gruppe von Kämpfern aus dem Kaukasus in Syrien gewesen sein. Ein Umstand, der ihn vermutlich auch im Oktober 2015 auf die Terrorliste des US-Finanzministeriums gebracht hat. Die Gruppe soll aber bei Kämpfen um Kobane schwere Verluste erlitten haben. Seither gab es auch keine öffentlichen Auftritte Tschataevs mehr. (Stefan Binder, 9.7.2016)

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