So bezwang Frankreich den Weltmeister

Infografik8. Juli 2016, 14:24
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Effiziente Franzosen, nachlässige Deutsche: Spielentscheider schlagen Spielbestimmer im Halbfinale der Euro

Sie können auch anders: Während die Franzosen im Viertelfinale gegen Island noch mit Beziehungsrobustheit und Passorgien glänzten, besiegten sie die Deutschen im Halbfinale mit gleichsam italienischer Effizienz. Zum Vergleich: Bei deutschem Ballbesitz durchlief das Spielgerät durchschnittlich 5,4 Stationen, die Franzosen hielten ihn gerade einmal über 2,9 Stationen in ihren eigenen Reihen.

Die Spielzüge, Pässe und Zweikämpfe werden codiert, statistisch und netzwerkanalytisch ausgewertet und interpretiert. Das Passnetzwerk bildet die Ballwege zu den drei wichtigsten Partnern jedes Spielers ab, die Kreisgrößen zeigen die Summe der Pässe.

Der weite Abschlag von Torhüter Lloris auf Stürmer Giroud nahm eine zentrale Rolle im Spiel nach vorn ein (siehe Netzwerk). Abgesehen davon bildete sich lediglich am rechten Flügel über Sagna und Sissoko eine tragfähige Achse in der Fütterung der beiden Offensivgeister Griezmann und Giroud.

Wie die Aktivitätskurve zeigt, beschränkte sich das französische Team in puncto Ballbesitzdominanz jeweils auf die Anfangsminuten der beiden Hälften. Von Beginn an entfaltete sich zwischen den beiden Teams ein äußerst dynamischer Schlagabtausch mit vergleichsweise vielen gefährlichen Momenten.

Die Analysen werden von einer chronologischen Aufzeichnung des Spielverlaufs begleitet, die, in Abstände von fünf Minuten zerlegt, die Anzahl der Pässe und der Zweikämpfe der beiden Mannschaften veranschaulicht und so die Aktivitätskurve der Mannschaften am Ball und "am Mann" über die gesamte Spielzeit verdeutlicht.

Frankreich begann überfallsartig mit hohem Pressing und erzeugte zunächst reichlich Verblüffung in den deutschen Reihen. Auf zehn flotte Minuten folgte ein partisanenartiger Rückzug in die eigene Hälfte, in der sich zusehends das deutsche Passregime breitmachte.

Kroos, Schweinsteiger und Özil organisierten die ringartige Belagerung, in die Draxler, Müller und vor allem der auf dem rechten Flügel mehr oder minder Narrenfreiheit genießende Kimmich Lücken zu reißen versuchten.

Die Grafik zur taktischen Typologie setzt die Rollen der Spieler ins Verhältnis zur Performance ihres Teams. Sämtliche Werte des Passspiels (x-Achse) bzw. des Zweikampfverhaltens (y-Achse) werden über den Wert 1 normalisiert. Die Anzahl der Pässe setzt sich aus gegebenen und angenommenen Pässen zusammen, die der Zweikämpfe aus aktiven, passiven, ungerichteten Zweikämpfen. Der Wert des Einzelspielers weist seine Position innerhalb der Gesamtperformance aus und verortet ihn in Bezug auf seine taktischen und spielerischen Aufgaben.

Der tiqui-taca-artige Würgegriff zerbrach in gewisser Weise an zwei traumatischen Ereignissen: das Elfertor vor dem Pausenpfiff und der Schock nach dem Ausfall von Boeateng, der ein ebenso großes Loch in das unerschütterliche deutsche Selbstvertrauen riss.

In der taktischen Typologie finden wir bei den Deutschen die zentralen Mittelfeldmotoren Kroos und Schweinsteiger als Schlüsselspieler, bei den Franzosen in Giroud, Griezmann und Pogba tatsächlich die Spielentscheider: Effizienz versus Dominanz, auf knappstem Raum versammelt. (Helmut Neundlinger, 8.7.2016)

Analytikerinnen und Analytiker

FASresearch war bei den Weltmeisterschaften 2006, 2010 und 2014 sowie bei den Europameisterschaften 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den STANDARD auch die laufende EURO in Frankreich.

Team: Harald Katzmair, Helmut Neundlinger, Ruth Pfosser, Andrea Werdenigg, Agnes Chorherr, Philipp Angermaier, Michael Schütz

fas-research.com

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