Griezmann: "Unsere Pflicht, den Franzosen Freude zu bereiten"

8. Juli 2016, 13:49
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Am Sonntag soll für die Équipe tricolore der Titel her, als Balsam auf die Wunden in Zeiten einer schweren politischen Krise

Marseille – Nationalheld Antoine Griezmann tanzte wild über den Rasen, Didier Deschamps umarmte einfach jeden – und so mancher Franzose geriet in völlige Ekstase. Der Einzug ins EM-Finale lässt ganz Frankreich nach Jahren voller Skandale und Tiefschläge von der Rückkehr zu goldenen Fußball-Zeiten träumen. Am Sonntag (21.00 Uhr/ARD) soll für die Équipe tricolore gegen Portugal der Titel her. Auch, um die Wunden des zerrissenen Landes zumindest etwas zu heilen.

"Wir haben Historisches geleistet und schon jetzt Geschichte geschrieben. Das sind wirklich große Emotionen", sagte Teamchef Deschamps nach dem 2:0 (0:0) gegen Weltmeister Deutschland. In den Minuten des Triumphs dachte der 47-Jährige aber zuerst an seine Landsleute: "Wir können dafür sorgen, dass sie für den Moment ihre Probleme vergessen und ihnen Freude bereiten. Auch deswegen freuen wir uns so sehr. In schweren Zeiten ist man sehr froh über diese Atmosphäre."

Pflichtprogramm

Frankreich ist von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen gezeichnet, mit dem Einzug ins Endspiel und der Chance auf den dritten EM-Titel nach 1984 und 2000 sorgen die Fußballer nun für die erhoffte Euphorie. Die Equipe hat die Herzen der Franzosen zurückerobert. "Es war unsere Pflicht, diese Spiele zu gewinnen und den Franzosen Freude zu bereiten, um sie ein wenig davon abzulenken", sagte Antoine Griezmann, das Gesicht der neuen französischen Generation.

Mit seinen beiden Treffern (45.+2/72.) sorgte der 25-Jährige im Alleingang für die Entscheidung. Die Torjägerkrone ist dem Stürmer von Atlético Madrid mit sechs Treffern in sechs Spielen kaum noch zu nehmen – und halb Europa liegt ihm zu Füßen. "Griezmann versenkt Löws Team. Deutschland, Italien hat dich zerstört", schrieb die italienische Gazzetta dello Sport. Marca aus Spanien meinte: "Nationalheld Griezmann. Der kleine Prinz ist jetzt schon der König." Und Frankreichs "L'Equipe schrieb: "Die Ekstase. Macht des Schicksals. Die französische Mannschaft steht im Finale der Euro wie die Generation Platini 1984, wie die Generation Zidane 2000, und man muss sich nicht am Kopf kratzen, um ihr jetzt einen Namen zu geben: Antoine Griezmann."

Extrem lange Durststrecke

58 Jahre lang hatte Frankreich bei keinem großen Turnier gegen die DFB-Elf gewonnen. Erst vor zwei Jahren schied der Weltmeister von 1998 im WM-Viertelfinale mit 0:1 gegen Deutschland aus. Vergessen. "Was Platini, der noch gegen die Mauer von Berlin ankämpfen musste, und Zidane nicht geschafft haben, Griezmann tat es", schrieb das Boulevardblatt Le Parisien.

Im Spielort Marseille gab in der Nacht einen nicht enden wollenden Autokorso mit Hupkonzerten, Zehntausende feierte ihr Team ebenso wie 90.000 in der Fanzone in Paris. "Die Unterstützung ist außergewöhnlich. Aber diese Mannschaft hat alles, um von den Fans geliebt zu werden", sagte Deschamps vor seinem dritten großen Finale.

Deschamps: "Freue mich vor allem für sie, nicht für mich"

Als Kapitän wurde er Welt- (1998) und Europameister (2000), nun greift Deschamps nach seinem ersten großen Titel als Teamchef. "Ich bin richtig stolz auf meine Spieler. Ich freue mich vor allem für sie, nicht für mich", sagt er: "Uns ist ein sehr wichtiger Schritt gelungen, der wichtigste kommt aber erst noch."

Nach dem verdienten Sieg gegen den Weltmeister sind die EM-Gastgeber im Stade de France gegen Portugal um Superstar Cristiano Ronaldo in der Favoritenrolle. In 24 Begegnungen gab es bisher 18 Siege, darunter im EM-Halbfinale 2000 und im WM-Halbfinale 2006. "Ich hoffe, wir können dieses Finale gewinnen. Aber wir müssen unsere Füße auf dem Boden halten. Noch haben wir nichts erreicht", sagte Griezmann. (sid, 8.7.2016)

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PRESSESTIMMEN

FRANKREICH:

"La Provence": "Merci. Ein großgeschriebenes MERCI, das größtmögliche für diese sportliche Heldentat und für diesen seltenen Moment, den ihr uns geschenkt habt. Ihr habt gewonnen, was man das 'Spiel des Jahrhunderts genannt hatte'. (...) Kolossal. Die Legende des 7. Juli. Griezmann, der Euro-Star."

"Le Figaro": "Und am Ende, dieses Mal, hat Frankreich gewonnen. Ein Sieg für die Geschichte. Sie haben es geschafft! Ein Erfolg, der in der Geschichte des französischen Fußballs verewigt sein wird. Gegen Deutschland, den Weltmeister. Der Angstgegner seit 1958."

"L'Equipe": "Die Ekstase. Macht des Schicksals. Die französische Mannschaft steht im Finale der Euro wie die Generation Platini 1984, wie die Generation Zidane 2000, und man muss sich nicht am Kopf kratzen, um ihr jetzt einen Namen zu geben: Antoine Griezmann."

"Liberation": "Griezmann streckt Deutschland nieder. Frankreich ist im Finale. Beherrscht in der ersten Halbzeit, schaffen es 'Les Bleus' dank eines großzügigen Elfmeters und einer Gala von Griezmann."

"Aujourd'hui": "Was für ein Fuß! Dank eines Doppelpacks von Griezmann schlagen 'Les Bleus' Weltmeister Deutschland. Griezmann Präsident."

DEUTSCHLAND:

"Bild": "Adieu, du schöner Titel-Traum! Frankreich schießt Jogis Jungs nach Hause."

"Süddeutsche Zeitung": "Verflixter Handelfmeter – Deutschland scheidet aus. Jede 58-jährige Serie endet mal."

"kicker": "Doppelpacker Griezmann schickt DFB-Team heim."

"Tagesspiegel": "Mit Hand und ohne Fuß. Deutschland verliert gegen Gastgeber Frankreich."

"Frankfurter Rundschau": "Der Weltmeister kann nicht Europa."

"B.Z.": "Trauriges Halbfinal-Aus gegen Frankreich. Wir waren besser, aber glücklos. Trotzdem ein Dank an Löw und seine Jungs. Sie haben alles gegeben."

ITALIEN:

"Gazzetta dello Sport": "Deutschland, Italien hat dich zerstört. Ohne Gomez kein Tor, und Müller trifft kein einziges Mal."

"Corriere della Sera": "Die Franzosen fliegen ins Finale, nachdem sie Deutschland geschlagen haben: ihren Angstgegner, so wie es Italien für die Deutschen war."

"Corriere dello Sport": "Deutschland war nicht in Form, vielleicht waren sie nach der Schlacht gegen Italien müde."

GROSSBRITANNIEN:

"Guardian": "Die Franzosen müssen nie wieder vor der Erinnerung der Traumata, die sie durch ihre Gegner in Sevilla und Guadalajara vor drei Jahrzehnten (...) erlitten hatten, erschauern. Sie haben sich von dem Griff der Deutschen befreit, den sie seit über einem halben Jahrhundert in Turnieren haben, und haben zugleich die Weltmeister aus der EM befördert."

"Telegraph": "58 Jahre der Schmerzen sind vorbei. (...) Frankreich demonstrierte die Sehnsucht, den Willen, den Mut, zeitweise allen Widrigkeiten zum Trotz, um das Land zu schlagen, das so regelmäßig den Gastgeber schlägt."

"Independent": "Deutschland hatte gegenüber dem jungen, vielversprechenden französischen Team, denen die Erfahrung der Weltmeister fehlte, die psychologische Oberhand. Es waren Männer gegen Jungs, aber der französische Trainer Didier Deschamps – der Kapitän von Aime Jacquets Mannschaft, die 1998 Weltmeister wurde -war entschlossen, kühn zu sein, und ermutigte sein junges Team, in die Offensive zu gehen."

SPANIEN:

"El Pais": "Griezmann schlägt Kapital aus zwei dummen Fehlern der Deutschen. Mit den Aussetzern in der Abwehr verhilft der Weltmeister den Franzosen zum Einzug ins Finale."

"El Mundo": "Die Deutschen haben ein ausgezeichnetes Team. Es spielt weltweit den besten Fußball. Aber es ist in brenzligen Situationen zu gutartig. Der Weltmeister hatte es jedoch nicht verdient, durch einen dummen Handelfmeter in Rückstand zu geraten."

"La Vanguardia": "Das Elfmetertor unmittelbar vor der Pause warf das deutsche Team psychisch stark zurück. Der Weltmeister hatte gerade erst mit viel Mühe zu seinem Spiel gefunden."

"Marca": "Griezmann gegen Cristiano Ronaldo: Das EM-Finale wird zur Revanche für das Endspiel der Champions League. Die Deutschen bewiesen Größe. Sie schieden im besten Spiel der EM aus."

PORTUGAL:

"Publico": "Die Deutschen dominieren, aber Frankreich wird Portugals Gegner im Finale sein. Der Weltmeister muss nach Hause fahren, aber er gewann bei der EM in Jonas Hector einen Linksverteidiger."

"Diario de Noticias": "Die Portugiesen treffen im EM-Finale auf ihren Angstgegner Frankreich. In der Partie gegen das Team des portugiesischstämmigen Griezmann wollen sie Revanche nehmen für ihre Schlappen von 1984, 2000 und 2006."

SCHWEIZ:

"Blick": "Doppelter Griezmann schießt Deutschland ab! Schweinsteigers Handspiel im Strafraum unmittelbar vor der Pause stellt alles auf den Kopf."

"Neue Zürcher Zeitung": "Natürlich Griezmann. Der Ausfall Boatengs während des Spiels erweist sich für die Deutschen als entscheidende Schwächung."

"Tages-Anzeiger": "Dämonen austreiben in Marseille – Ausgerechnet Bastian Schweinsteiger also sollte es sein, der den Untergang seiner Mannschaft einleitete."

"Basler Zeitung": "Die große Show des Antoine Griezmann – auf den Spuren des großen Michel Platini. Frankreich bodigt Weltmeister Deutschland – und feiert frenetisch diesen Teufelskerl Antoine Griezmann"

SCHWEDEN:

"Aftonbladet": "Deutschland hatte alles auf einmal gegen sich: Verletzungen, die Müdigkeit und einen geplatzten Boateng-Muskel. Joachim Löw hatte alles auf eine Karte gesetzt, aber es reichte nur für die beste Halbzeit der EM."

"Dagens Nyheter": "Jetzt ist der kleine Kaiser Antoine Griezmann der König des französischen Fußballs. Und jetzt ist Didier Deschamps nur einen Sieg davon entfernt, als Trainer dort weiterzumachen, wo er als Spieler aufgehört hat. (...) Die Liebe des Volkes hat Frankreich schon gewonnen. Jetzt bleibt nur noch das EM-Finale."

GRIECHENLAND:

"Goal": "Französische Revolution. Der kleine Prinz Griezmann hat die Königin Deutschland gestürzt und träumt davon, am Sonntag den Thron zu besteigen".

"To Fos": "Fehlerloses Frankreich mit dem gewaltigen Griezmann als Anführer hat das wunderbare Deutschland rausgeworfen und spielt im Endspiel gegen Ronaldo und Santos".

  • Die Équipe tricolore hat allen Grund zu feiern. Die Realisierung des Traums ist zum Greifen nahe.
    foto: reuters/john sibley livepic

    Die Équipe tricolore hat allen Grund zu feiern. Die Realisierung des Traums ist zum Greifen nahe.

  • Antoine Griezmann avancierte im Halbfinale gegen Deutschland endgültig zum neuen Nationalhelden.
    foto: reuters/john sibley livepic

    Antoine Griezmann avancierte im Halbfinale gegen Deutschland endgültig zum neuen Nationalhelden.

  • Und nicht nur in Marseille wurde einmal mehr ausgelassen gefeiert.
    foto: reuters/stefano rellandini

    Und nicht nur in Marseille wurde einmal mehr ausgelassen gefeiert.

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