ZZ Top: Der Boogie macht einen oft ganz woogie

8. Juli 2016, 13:43
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Sie trugen schon Bärte, als die Eltern heutiger Hipster noch Windeln trugen. Wenn die Texaner auf Touren kommen, beginnen ihre Bärte zu wehen, schön synchron. Das gefällt den Damen, heißt es. Den Buben, alt und jung, ebenfalls.

Wien – Einfache Themen bedürfen einfacher Mittel. Die Texaner von ZZ Top haben das früh erkannt und diese Erkenntnis in ihrer Liga zur Meisterschaft geführt. Seit bald 50 Jahren stehen sie auf der Bühne und singen Loblieder auf die Damen. Das bringt zwangsweise einen Sack Probleme mit sich, die ebenfalls besprochen und besungen werden müssen, aber mit einem rockenden und rollenden Blues lässt sich spätestens nach drei Minuten fast jedes Problem aus dem Weg räumen. Danach gibt‘s einen Whiskey. Oder einen Tequilla, por favor, wenn die Bremsen wieder einmal erst unten in Mechiko gegriffen haben.

Ansonsten baut die Band auf die Ausstrahlungskraft eines "sharp dressed man", den jeder liebt. Dieser Einsicht haben Billy Gibbons, Frank Beard und Dusty Hill ebenfalls früh Folge geleistet. Stetson, Sonnenbrille und ein 300-Tagebart sind ihre Markenzeichen. Und längst genießen ZZ Top das Privileg, zu den wenigen Vollbartträgern zu zählen, die bei der Einreise in die USA ohne Nebenhöhlenuntersuchung unterhalb der Gürtellinie durchgewunken werden.

rhino

Am Donnerstag lockten diese beschwingt wehenden Bärte tausende in die Wiener Arena, seit Wochen war das Openairgelände ausverkauft, gut drei Generationen Publikum waren angereist, um dieses eine Lied zu hören, das wahlweise Got Me Under Pressure, Gimme All Your Lovin, Cheap Sunglasses oder Legs heißt.

Aber ZZ Top vorzuwerfen, nur ein Lied zu haben, wäre natürlich Unfug. Niemand würde das den Ramones vorhalten. Schließlich besitzt dieser Song in seinen Variationen alles, was er zur Übermittlung seiner Weisheit braucht. Hinzu kommt ein bisschen Boogie ein wenig Woogie, ein paar härtere Riffs oder das Keyboard, eine Altlast aus den 1980er-Jahren.

Damals beschlossen ZZ Top nämlich aus Gründen der Gewinnmaximierung das selbstauferlegte Reinheitsgebot von Bass, Gitarre und Schlagzeug zu verletzen und sich die Modetorheit Synthesizer anzueignen. Man kennt das aus dem Getränkemilieu, in dem Biere neuerdings nach Grapefruit schmecken sollen dürfen. Dem spartanischen Bluesrock des Trios hat das etwas Schärfe genommen, der Erfolg gab ihrer Entscheidung dennoch recht.

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Blecherner Feuchttraum

Ihre erfolgreichste Veröffentlichung heißt Eliminator, stammt aus jener Phase (1983) und erhöhte nicht nur den Bekanntheitsgrad von ZZ Top beträchtlich. Auch das 1933er Ford Coupé, das das Albumcover ziert, und mit dem ZZ Top fortan auf Brautschau gingen, wurde zum blechernen Feuchttraum der weltweiten Bluesrockgemeinde. Siehe dazu das Video von Legs, in dem Gibbons und Hill mit weiß überzogenen Fellen auf den Gitarren Hansi Hinterseer in die texanische Wüste schickten.

Auch bei der Liveversion in der Arena waren Gitarre und Keyboard für dieses Lied bärig bezogen. Zu dem Zeitpunkt war eine gute Stunde Programm gegeben, darunter einer Version von Foxy Lady von Jimi Hendrix sowie diverse Bluessichtungen, zu denen sich die spinnenhafte Gestalt Gibbons immer wieder synchrontrockenschwimmerisch mit Hills Rhythmus in Gleichschritt brachte. Alles tausendfach abgespult, wirkungssicher.

Das Publikum frohlockte, obwohl die Tres Hombres in keinem Song so etwas wie Spontanität zeigten. Aber gut, ZZ Top sind 66 und 67 Jahre alt, da muss man der Welt nicht mehr jeden Abend in den Arsch treten. Für brav nach der Straßenverkehrsordnung die Sau rauslassende Wochenendbiker reichte es allemal. (Karl Fluch, 8.7.2016)

  • Parallelslalom der Gesichtsmatratzen. ZZ Top gaben in der Arena, was sie hatten. Das Lied von der Anziehungskraft der Frau und die Probleme, die das bringt.
    foto: christian fischer

    Parallelslalom der Gesichtsmatratzen. ZZ Top gaben in der Arena, was sie hatten. Das Lied von der Anziehungskraft der Frau und die Probleme, die das bringt.

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