Deutsche Fehleranalyse: Stumpfe Attacke und fehlendes Glück

8. Juli 2016, 13:22
831 Postings

Abschlussschwäche als Hauptmanko der Deutschen bei der EURO – Löw resümiert durchwegs positiv: "Toller Teamgeist, tolle Mannschaft, waren mutig, haben viel riskiert, hatten nicht das notwendige Glück"

Marseille – In der Nacht nach dem bitteren Halbfinal-Aus gegen Frankreich grübelten Deutschlands Teamchef Joachim Löw und seine Kicker noch lange darüber, wie sie dieses Spiel 0:2 verlieren konnten. Der Weltmeister hatte die Partie in Marseille über weite Phasen optisch dominiert, konnte daraus aber kein Kapital schlagen. "Wir hatten nicht das notwendige Glück", resümierte Löw schließlich.

Und er erinnerte sich an die jüngere Vergangenheit. "Als wir 2010 und 2012 ausgeschieden sind, hatten uns die Mannschaften etwas voraus. Heute hatten wir den Franzosen etwas voraus", sagte der 56-Jährige, der aller Enttäuschung zum Trotz ein positives Fazit zog. "Es war ein gutes Turnier. Wir hatten gute Energie, haben eine gute Vorleistung gebracht, haben einen tollen Teamgeist gezeigt", erklärte Löw. "So viele Fehler habe ich jetzt nicht festgestellt. Es war eine tolle Mannschaft."

Verletzungspech

Schließlich müsse man auch die diversen Ausfälle in Rechnung stellen, am Mittwoch verlor man beim Stand von 0:1 noch dazu Abwehrbollwerk Jerome Boateng mit einer Oberschenkelverletzung. "Das ist nicht so einfach zu verkraften in so einem wichtigen Spiel, wenn solche Stützen wie Hummels, Khedira, Gomez und dann auch noch Boateng ausfallen. Wir haben alles umgesetzt, waren mutig. Wir haben viel riskiert. Es gibt überhaupt keine Vorwürfe", stellte Löw klar. Über seine Zukunft wollte er erst einmal nicht sprechen, einen Anlauf von Löw auf den zweiten WM-Titel 2018 in Russland zweifelt aber niemand ernsthaft an.

Ähnlich ratlos klang der gegen Frankreich als Ersatz für Sturmspitze Mario Gomez aufgebotene Thomas Müller. "In der Gesamtbetrachtung haben wir den deutschen Fußball gut präsentiert", erklärte Müller, der bei einer EM weiter auf ein Tor warten muss: "Aber Fußball ist auch ein Erfolgssport. Und ob man im Halbfinale ausscheidet oder vorher, ist nicht so entscheidend. Es geht darum, Titel zu gewinnen, die bleiben in Erinnerung."

Müller: "Es hat nicht sollen sein"

Müller konnte Gomez gegen die Franzosen in der Spitze nicht gleichwertig ersetzen. "Es war nicht ganz einfach da vorne drin", stöhnte der 26-Jährige. Für Müller galt, was er allgemein anführte: "Wir haben viel versucht, aber es hat nicht sollen sein." Er selbst konnte seinen "Torfluch", wie er es nannte, nicht überwinden.

Den einzigen Volltreffer für Deutschland nach dem 0:2 gegen Frankreich landete Mats Hummels in der Spielanalyse. Als der gesperrte Abwehrmann in den Stadionkatakomben gefragt wurde, ob er mehr gefehlt habe oder der verletzte Gomez, kam die Antwort von Hummels blitzschnell: "Mario! Wir haben defensiv keinen schlechten Job abgeliefert. Es hat vor allem einer gefehlt, der den Ball reinschießt. Wenn so viele Teams so tief drinstehen, tut einer wie Mario, der einfach körperliche Wucht und Kopfballstärke und Präsenz ausstrahlt, sehr gut", erklärte Hummels.

Fehlende Früchte

Die Torarmut war das Kardinalproblem des Fußball-Weltmeister im EM-Halbfinale – aber eben nicht nur da: Sieben Tore in sechs Turnierspielen sind zu wenig für einen EM-Triumph. Viel Ballbesitz, viel Anrennen, genug Chancen – aber kaum Ertrag.

Am Sieger ließ sich der Unterschied dokumentieren. Antoine Griezmann bezwang Manuel Neuer zweimal. Mit sechs Toren ist Frankreichs neuer Superheld vor dem Finale der erfolgreichste EM-Torschütze. In Joachim Löws Truppe traf allein Gomez doppelt. Mesut Özil und Julian Draxler sorgten für zwei weitere Treffer der stumpfen Abteilung Attacke. "Ich will nicht sagen, dass es Unvermögen war", urteilte Torwart Manuel Neuer: "Wir haben vor dem Tor ein bisschen Pech gehabt."

Abschlussschwäche

Effektivität fehlte dem deutschen Team aber nicht erst in Frankreich, sondern zog sich schon durch die gesamte holprige EM-Qualifikation. Löw monierte die Abschlussschwäche immer wieder. Sie zu beheben, wird eine seiner Hauptaufgaben auf dem Weg zur WM 2018 in Russland sein. "Ich weiß aber auch nicht, wie sehr man das trainieren kann", meinte Hummels.

"Wir hatten gute Chancen, aber der Ball wollte nicht rein. Wir sind sehr enttäuscht, dass wir jetzt ausgeschieden sind, trotz einer guten Leistung", sagte Kapitän Bastian Schweinsteiger. Der 31-jährige Anführer kämpfte sich nach mehreren Knieverletzungen wieder in die Mannschaft. Dass sein unglückliches Handspiel der Partie gegen die Franzosen ihre Richtung gegeben hatte, fiel für Löw in die Kategorie "Pech".

"Wir fahren jetzt heim und versuchen es in zwei Jahren wieder", bemerkte Gomez. Immerhin dürfen sich der Fiorentina-Legionär und seine Kollegen mit einem Urlaubsgeld von jeweils 100.000 Euro trösten. Der DFB muss zwei Jahre nach dem WM-Triumph diesmal "nur" ein Drittel des Betrags ausschütten. (APA, dpa, 8.6.2016)

PRESSESTIMMEN

FRANKREICH:

"La Provence": "Merci. Ein großgeschriebenes MERCI, das größtmögliche für diese sportliche Heldentat und für diesen seltenen Moment, den ihr uns geschenkt habt. Ihr habt gewonnen, was man das 'Spiel des Jahrhunderts genannt hatte'. (...) Kolossal. Die Legende des 7. Juli. Griezmann, der Euro-Star."

"Le Figaro": "Und am Ende, dieses Mal, hat Frankreich gewonnen. Ein Sieg für die Geschichte. Sie haben es geschafft! Ein Erfolg, der in der Geschichte des französischen Fußballs verewigt sein wird. Gegen Deutschland, den Weltmeister. Der Angstgegner seit 1958."

"L'Equipe": "Die Ekstase. Macht des Schicksals. Die französische Mannschaft steht im Finale der Euro wie die Generation Platini 1984, wie die Generation Zidane 2000, und man muss sich nicht am Kopf kratzen, um ihr jetzt einen Namen zu geben: Antoine Griezmann."

"Liberation": "Griezmann streckt Deutschland nieder. Frankreich ist im Finale. Beherrscht in der ersten Halbzeit, schaffen es 'Les Bleus' dank eines großzügigen Elfmeters und einer Gala von Griezmann."

"Aujourd'hui": "Was für ein Fuß! Dank eines Doppelpacks von Griezmann schlagen 'Les Bleus' Weltmeister Deutschland. Griezmann Präsident."

DEUTSCHLAND:

"Bild": "Adieu, du schöner Titel-Traum! Frankreich schießt Jogis Jungs nach Hause."

"Süddeutsche Zeitung": "Verflixter Handelfmeter – Deutschland scheidet aus. Jede 58-jährige Serie endet mal."

"kicker": "Doppelpacker Griezmann schickt DFB-Team heim."

"Tagesspiegel": "Mit Hand und ohne Fuß. Deutschland verliert gegen Gastgeber Frankreich."

"Frankfurter Rundschau": "Der Weltmeister kann nicht Europa."

"B.Z.": "Trauriges Halbfinal-Aus gegen Frankreich. Wir waren besser, aber glücklos. Trotzdem ein Dank an Löw und seine Jungs. Sie haben alles gegeben."

ITALIEN:

"Gazzetta dello Sport": "Deutschland, Italien hat dich zerstört. Ohne Gomez kein Tor, und Müller trifft kein einziges Mal."

"Corriere della Sera": "Die Franzosen fliegen ins Finale, nachdem sie Deutschland geschlagen haben: ihren Angstgegner, so wie es Italien für die Deutschen war."

"Corriere dello Sport": "Deutschland war nicht in Form, vielleicht waren sie nach der Schlacht gegen Italien müde."

GROSSBRITANNIEN:

"Guardian": "Die Franzosen müssen nie wieder vor der Erinnerung der Traumata, die sie durch ihre Gegner in Sevilla und Guadalajara vor drei Jahrzehnten (...) erlitten hatten, erschauern. Sie haben sich von dem Griff der Deutschen befreit, den sie seit über einem halben Jahrhundert in Turnieren haben, und haben zugleich die Weltmeister aus der EM befördert."

"Telegraph": "58 Jahre der Schmerzen sind vorbei. (...) Frankreich demonstrierte die Sehnsucht, den Willen, den Mut, zeitweise allen Widrigkeiten zum Trotz, um das Land zu schlagen, das so regelmäßig den Gastgeber schlägt."

"Independent": "Deutschland hatte gegenüber dem jungen, vielversprechenden französischen Team, denen die Erfahrung der Weltmeister fehlte, die psychologische Oberhand. Es waren Männer gegen Jungs, aber der französische Trainer Didier Deschamps – der Kapitän von Aime Jacquets Mannschaft, die 1998 Weltmeister wurde -war entschlossen, kühn zu sein, und ermutigte sein junges Team, in die Offensive zu gehen."

SPANIEN:

"El Pais": "Griezmann schlägt Kapital aus zwei dummen Fehlern der Deutschen. Mit den Aussetzern in der Abwehr verhilft der Weltmeister den Franzosen zum Einzug ins Finale."

"El Mundo": "Die Deutschen haben ein ausgezeichnetes Team. Es spielt weltweit den besten Fußball. Aber es ist in brenzligen Situationen zu gutartig. Der Weltmeister hatte es jedoch nicht verdient, durch einen dummen Handelfmeter in Rückstand zu geraten."

"La Vanguardia": "Das Elfmetertor unmittelbar vor der Pause warf das deutsche Team psychisch stark zurück. Der Weltmeister hatte gerade erst mit viel Mühe zu seinem Spiel gefunden."

"Marca": "Griezmann gegen Cristiano Ronaldo: Das EM-Finale wird zur Revanche für das Endspiel der Champions League. Die Deutschen bewiesen Größe. Sie schieden im besten Spiel der EM aus."

PORTUGAL:

"Publico": "Die Deutschen dominieren, aber Frankreich wird Portugals Gegner im Finale sein. Der Weltmeister muss nach Hause fahren, aber er gewann bei der EM in Jonas Hector einen Linksverteidiger."

"Diario de Noticias": "Die Portugiesen treffen im EM-Finale auf ihren Angstgegner Frankreich. In der Partie gegen das Team des portugiesischstämmigen Griezmann wollen sie Revanche nehmen für ihre Schlappen von 1984, 2000 und 2006."

SCHWEIZ:

"Blick": "Doppelter Griezmann schießt Deutschland ab! Schweinsteigers Handspiel im Strafraum unmittelbar vor der Pause stellt alles auf den Kopf."

"Neue Zürcher Zeitung": "Natürlich Griezmann. Der Ausfall Boatengs während des Spiels erweist sich für die Deutschen als entscheidende Schwächung."

"Tages-Anzeiger": "Dämonen austreiben in Marseille – Ausgerechnet Bastian Schweinsteiger also sollte es sein, der den Untergang seiner Mannschaft einleitete."

"Basler Zeitung": "Die große Show des Antoine Griezmann – auf den Spuren des großen Michel Platini. Frankreich bodigt Weltmeister Deutschland – und feiert frenetisch diesen Teufelskerl Antoine Griezmann"

SCHWEDEN:

"Aftonbladet": "Deutschland hatte alles auf einmal gegen sich: Verletzungen, die Müdigkeit und einen geplatzten Boateng-Muskel. Joachim Löw hatte alles auf eine Karte gesetzt, aber es reichte nur für die beste Halbzeit der EM."

"Dagens Nyheter": "Jetzt ist der kleine Kaiser Antoine Griezmann der König des französischen Fußballs. Und jetzt ist Didier Deschamps nur einen Sieg davon entfernt, als Trainer dort weiterzumachen, wo er als Spieler aufgehört hat. (...) Die Liebe des Volkes hat Frankreich schon gewonnen. Jetzt bleibt nur noch das EM-Finale."

GRIECHENLAND:

"Goal": "Französische Revolution. Der kleine Prinz Griezmann hat die Königin Deutschland gestürzt und träumt davon, am Sonntag den Thron zu besteigen".

"To Fos": "Fehlerloses Frankreich mit dem gewaltigen Griezmann als Anführer hat das wunderbare Deutschland rausgeworfen und spielt im Endspiel gegen Ronaldo und Santos".

  • Deutsche Niedergeschlagenheit in Person von Mesut Özil.
    foto: reuters/kai pfaffenbach livepic

    Deutsche Niedergeschlagenheit in Person von Mesut Özil.

  • Das DFB-Team realisiert das Scheitern.
    foto: reuters/michael dalder livepic

    Das DFB-Team realisiert das Scheitern.

  • Bundestrainer Joachim Löw zunächst der Verzweiflung nahe. Später aber sagte er: "So viele Fehler habe ich jetzt nicht festgestellt. Es war eine tolle Mannschaft."
    foto: reuters/john sibley livepic

    Bundestrainer Joachim Löw zunächst der Verzweiflung nahe. Später aber sagte er: "So viele Fehler habe ich jetzt nicht festgestellt. Es war eine tolle Mannschaft."

Share if you care.