Prozess um zwei Tote im Alu-Werk: Gutachter abberufen

8. Juli 2016, 17:03
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Verfahren wegen fahrlässiger Tötung verzögert sich. Richterin sagt, Gutachten sei mangelhaft und unschlüssig

Salzburg – Im Prozess um den Tod von zwei Arbeitern im März 2012 im Aluminiumwerk Lend ist am Freitag einer der Hauptgutachter abberufen worden. Damit wird sich das Verfahren, das vier Jahre nach dem Unglück begann, massiv verzögern. Nunmehr acht Angeklagten, darunter auch die Aluminium Lend GmbH, wird fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen angelastet. Nun muss ein neuer elektrotechnischer Sachverständiger gefunden werden, bis dahin wurde der Prozess vertagt.

Staatsanwältin Sandra Lemmermayer hatte zuvor die Enthebung des Gutachters beantragt, obwohl ein Großteil der Anklage auf den Erkenntnissen aus dem Gutachten basiert. Richterin Anna-Sophia Geisselhofer hat dem Antrag am Freitagvormittag stattgegeben und den Sachverständiger seines Amtes enthoben. Das Gutachten sei "mangelhaft, unklar und unschlüssig", begründete die Richterin ihre Entscheidung. Dem Sachverständigen fehle es zudem an Sachkenntnis und Professionalität für dieses Verfahren, sagte Geisselhofer.

Der Gutachter machte zuvor auf Nachfragen widersprüchliche Angaben. Als er am Mittwochnachmittag dann nicht sagen konnte, ob eine bestimmte ÖNorm für ein Tor anwendbar sei, wurde die Verhandlung sogar kurzzeitig unterbrochen. Woraufhin die Staatsanwältin die Absetzung des Mannes beantragte. Auch Opferanwalt Stefan Rieder unterstützte den Antrag. Die Verteidiger der Angeklagten forderten schon zu Prozessbeginn am 15. Juni, den Gutachter zu entheben.

Hätte eine Warnhupe geben müssen

Am Freitag kam noch ein audiologischer Gutachter zu Wort, der klären sollte, ob eine Warnhupe den beiden Arbeitern die Möglichkeit gegeben hätte, die Vorwärmkammer rechtzeitig zu verlassen. Ein Schlosser und ein Leiharbeiter wollten einen Schaden in einer Vorwärmkammer begutachten, als sich die Tür schloss und der Heizvorgang startete. Die beide verbrannten in der rund 400 Grad heißen Kammer bis zur Unkenntlichkeit.

Der Akustiker stellte fest, dass es eine Anlaufwarnhupe hätte geben müssen. Diese Hupe hätte die beiden Arbeiter trotz Kopfhörern warnen können, bevor sich die Vorwärmekammer schloss. Die Warnhupen wurden bei zwei Lokalaugenscheinen im Aluminiumwerk Lend ausgetestet.

Formalfreisprüche für neun Angeklagte

Die Abberufung des Gutachters war nicht die erste unerwartete Wende im Prozess um den Arbeitsunfall in Lend. Schon vor drei Wochen wurden neun der insgesamt 17 Beschuldigten formal freigesprochen, weil die Staatsanwältin die Anklage gegen die ehemals handelsrechtlichen Geschäftsführer der Aluminium Lend GmbH zurückgezogen hatte. Nach den Einvernahmen stellte Lemmermayer fest, dass die Sicherheitsvorkehrungen im Betrieb nicht in den Zuständigkeitsbereich der handelsrechtlichen Geschäftsführer fallen. (Stefanie Ruep, 8.7.2016)

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