Brexit-Nachwehen: Rekorde trotz Wechselkurskapriolen

10. Juli 2016, 07:00
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Pfund-Wertverfall als Vorteil für Käufer und Nachteil für Verkäufer

Wie sehr der Marktplatz London an einer krisenbedingten Flaute laboriert, ist derzeit sowohl an den Umsätzen als auch am Angebot im Hochpreissegment ablesbar, das im Vergleich zum Vorjahr rein mengenmäßig deutlich schrumpfte. Dass im Zuge der vergangene Woche abgehaltenen Auktionen der Sparte Contemporary & Post War dennoch der eine oder andere Rekordwert notiert wurde, ist dabei kein Widerspruch.

Der Ausgang des Brexit-Referendums hatte über den Wertverfall des Pfunds hierzu ein Scherflein beigetragen. Während der Impressionist-Versteigerungen war ein Pfund 1,47 Dollar oder 1,3 Euro (Wechselkurs vom 21./22. Juni) wert, sieben Tage später nur noch 1,33 Dollar oder 1,2 Euro (28./29. Juni). Was den Käufern zum Vorteil gereichte, war allerdings zeitgleich ein Nachteil für Einbringer aus den Vereinigten Staaten und Europa. Denn für die Abrechnung gilt der am Tag der Auktion angesetzte Umrechnungskurs.

Saftiger Gewinn

Verkäufer profitierten nur in solchen Fällen, wo das Gerangel unter den "Schnäppchenjägern" einen Zuschlag über den angesetzten Schätzwerten zur Folge hatte: etwa im Falle von Yayoi Kusamas Infinity Nets (200.000- 300.000 Pfund), für das der Hammer bei Sotheby's bei 677.000 Pfund fiel und dem Einbringer – der es 2010 bei Christie's für 63.650 Pfund ersteigert hatte – einen saftigen Gewinn bescherte.

Ähnlich verhielt es sich bei einem Mobile Alexander Calders von 1955 (Christie's New York 2012: 1,65 Mio. Dollar), für das ein asiatischer Privatkäufer nun 1,86 Millionen Pfund (2,47 Mio. Dollar) bewilligte; oder auch im Falle Yves Kleins Untitled Blue Monochrome (IKB 217) von 1957 (Christie's London 2013: 1,72 Mio. Pfund), das nun immerhin für 2,16 Millionen Pfund in eine amerikanische Sammlung wechselte.

Zu den bei Sotheby's verzeichneten Auktionsrekorden gehört jener für Keith Haring (The Last Rainforest, 1989, 4,18 Mio. Pfund) sowie jener beachtliche für Jenny Savilles Shift (1996-97) in der Höhe von 6,8 Millionen Pfund. Letzteres Werk, das einst auch in der legendären Saatchi-Schau in der Royal Academy 1997 ("Sensation: Young British Artists") zu sehen war, fand übrigens in Schanghai eine neue Heimat – im Long Museum, das im vergangenen Jahr Modiglianis 170,4 Millionen Dollar teures Aktbild Nu couché erwarb.

In Summe spielte die Abendformation bei Sotheby's 52,19 Millionen Pfund ein – der Vergleichswert vom Juni 2015 war 130,37 Millionen Pfund gelegen. Bei Kontrahent Christie's lag der Vorjahreswert bei 95,6 Millionen, die auf aktuell 39,56 Millionen Pfund schrumpften, wenngleich sich die Verkaufsquote auf gute 92 Prozent belief.

Nerven verloren

Den höchsten Zuschlag erteilte man dort für Jean-Michel Basquiats Pork (1981) aus der Kunstsammlung von Hollywood-Star Johnny Depp bei 5,12 Millionen Pfund. Gerhard Richters auf ungefähr 14 Millionen Pfund taxiertes, großformatiges Abstraktes Bild aus dem Jahr 1994 war allerdings gar nicht erst aufgerufen worden. Der Verkäufer, der ein Amerikaner sein dürfte, verlor offenbar die Nerven und zog das Zugpferd schon vor der Auktion zurück. (kron, 10.7.2016)

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