Dem E-Mail-Wahn folgt die Tyrannei der Benachrichtigungen

9. Juli 2016, 09:55
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Mossberg: Messenger und Co. sind keine Lösung für Überforderung sondern machen alles noch schlimmer

Wessen Arbeitsalltag auch nur irgendwie mit dem Computer zu tun hat, der wird das Phänomen sicherlich kennen. Ein paar Tage nicht aufgepasst, und die eigene Mail-Inbox wird zu einem unübersichtlichen Desaster. Zudem kann die Last der abzuarbeitenden Mails schon mal überwältigend werden. Kein Wunder also, dass Softwarehersteller laufend nach Alternativen zu dem mittlerweile mehrere Jahrzehnte alten Service suchen. Ein durchaus nobles Unterfangen, das Problem dabei: In Wirklichkeit machen sie alles nur schlimmer, attestiert nun der bekannte Tech-Jounalist Walt Mossberg in einem aktuellen Eintrag für The Verge.

Eine Zentrale

Schon vor einigen Jahren habe er rund 350 Mail täglich erhalten, rechnet Mossberg vor. Eine solche Menge abzuarbeiten sei nicht nur zeitintensiv sondern schlicht auch nervenaufreibend. Doch zumindest einen Vorteil hatte diese Zeit: Die wichtige Kommunikation fand wenigsten nur über einen einzigen Kanal statt. Die eigenen E-Mails konnte man so am Abend wenigstens noch zur Seite schieben, das kann man über all die neuen Kommunikationsformen längst nicht mehr sagen.

Neue Unterdrücker

Eine Tyrannei der Benachrichtigungen nennt Mossberg den Status Quo. Längst sind viele Gespräche auf Messenger ausgelagert worden, und da man offenbar vom Boom der Instant Messenger in den späten Neunziger Jahren nichts gelernt hat, handelt es sich hier um eine Fülle unterschiedlicher Silo-Lösungen, die alle nicht miteinander kompatibel sind. Und natürlich verwendet jede soziale Gruppe unterschiedliche Services.

Also muss jeder nun eine Vielzahl verschiedener Messenger installiert haben, die alle mit ihren Benachrichtigungen nach der Aufmerksamkeit der Nutzer rufen – und zwar umgehend. Eine Ruhepause gibt es nicht mehr, eine stete Abfolge an Benachrichtigungen lenkt von den eigentlich anstehenden Aufgaben ab. Natürlich lassen sich solche Benachrichtigungen deaktivieren, aber manche dieser Kanäle sind eben auch für wichtige Nachrichten gedacht, die natürlich durchkommen sollen. Die Benachrichtigungseinstellungen für all die verwendeten Messenger individuell vorzunehmen ist schon für techaffine Menschen ein gehöriger Aufwand. Für weniger versierte Nutzer stellt dies schlicht eine Überforderung darf, vor der immer mehr User kapitulieren

Ausblick

Leider ist auch keinerlei Besserung in Aussicht, ganz im Gegenteil zeichnet sich ab, dass die Situation in den kommenden Monaten noch schlimmer werden dürfte. Während hierzulande WhatsApp bislang dominiert, will Facebook auch seinen Messenger immer weiter dorcieren. Apple arbeitet eifrig an iMessage und Google möchte mit seiner Neuentwicklung Allo ebenfalls die Massen für sich begeistern. Und da sind all die anderen Kanäle wie Snapchat, WeChat oder das klassische SMS/MMS noch gar nicht eingerechnet – von Business-Lösungen wie Slack ganz abgesehen.

Die Lösung ist ebenso naheliegend wie – zumindest derzeit – ziemlich unwahrscheinlich: Sie heißt Interoperabilität. So wurde einst auch der Instant Messenger-Wust durch einen Fokus auf den gemeinsamen Standard XMPP/Jabber beendet, mit dem all die Programme untereinandere kommunizieren konnten. Gerade mit all den bereits existierenden und noch kommenden Bot-Plattformen und dem Fokus auf künstliche Intelligenz, mit der sich die einzelnen Hersteller von der Konkurrenz absetzen wollen, scheint eine Vereinheitlichung in ferner Zukunft.

Eingeständnis

Im Endeffekt heißt dies, dass die unzweifelhaften Vorteile von Messengern zur direkten Kommunikation durch die Masse und die Zersplitterung der App-Landschaft wieder zunichte gemacht werden. So werden viele schon bald die "gute alte Zeit" wieder herbeisehnen, in der sie sich "nur" mit ihrer E-Mail-Inbox herumschlagen mussten, und parallel dazu versuchen die Masse an Benachrichtigungen am Smartphone irgendwie unter Kontrolle zu bringen. (red, 9.7.2016)

  • Die Smartphone-Nutzung kann ganz schön herausfordernd sein (im Bild der russische Finanzminister Alexei Kudrin)
    foto: reuters

    Die Smartphone-Nutzung kann ganz schön herausfordernd sein (im Bild der russische Finanzminister Alexei Kudrin)

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