"We had quite forgot that fart"

Kolumne8. Juli 2016, 17:00
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Storys aus Zeiten, als die Scham noch bekannt war

Aus aktuellem Anlass tischt der Krisenkolumnist heute eine alte britische Anekdote auf. Von Edward de Vere (1550-1604), dem 17. Earl of Oxford, wird berichtet, dass ihm bei einer Audienz bei Queen Elizabeth der Ersten (1533-1603) ein mächtiger Furz entfuhr. Die Erklärung für den Earl'schen Vapeur ist trivial (Aufregung, vornübergebeugte Haltung beim Bückling). Die Reaktion des Earls war es nicht.

Aus Bestürzung über den Vorfall floh er sieben Jahre ins Exil. Als er aber nach London zurückkam, da hieß ihn Queen Elizabeth willkommen und sagte: "My Lord, den Furz hatten wir schon vergessen" ("My Lord, we had quite forgot that fart").

Die Story ist lehrreich, weil sie auf einen gravierenden Wandel der politischen Sitten hindeutet. Wo man de Veres Verhalten heute als übertrieben schamhaft interpretieren würde, da mangelt es den Produzenten der jüngsten politischen Flatulenzen in Großbritannien an jedem Genierer. Sie erinnern an jene Scherzbolde, die im Fahrstuhl heimlich einen Gruß aus Darmstadt entbieten und sich dann entfernen, als hätten sie nichts damit zu tun.

Von einem anderen fulminanten Koffer berichtet, dies nebenbei, schon 1001 Nacht. Abu Hassan, ein Kaufmann aus Bagdad, gab aus Anlass seiner Hochzeit ein riesiges Fest. Als er sich spätabends in die ehelichen Gemächer zurückziehen wollte, widerfuhr ihm vor seinen Gästen das gleiche Missgeschick wie später dem Earl of Oxford. Auch Abu Hassan verging fast vor Scham und versteckte sich zehn Jahre lang in Indien, auf dass sein Fauxpas in Vergessenheit gerate.

Zuletzt fasste er sich ein Herz und reiste inkognito nach Bagdad zurück. Auf dem Weg durch die Vorstädte kam er an einem offenen Fenster vorbei und hörte dort ein Kind und eine Mutter miteinander sprechen. "Mama, wann bin ich denn auf die Welt gekommen?", fragte das Kind. Die Mutter antwortete lachend: "Du? Das war in dem Jahr, als Abu Hassan gefurzt hat."

Werden die von David Cameron, Boris Johnson und Nigel Farage aufgespannten Schirme längerfristig so einprägsam sein wie die von de Vere und Abu Hassan? Aber ja doch! Das Pfund rast zu Tal, Finanz- und Immobilienmärkte kollabieren, die Folgen der orkanstarken Auslassungen von Cameron und Co werden wir alle so schnell nicht vergessen. Aber deshalb muss sich ja keiner schämen! (Christoph Winder, Album, 8.7.2016)

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