Alice Munro: Heldin auf der kurzen Strecke

10. Juli 2016, 12:00
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Sie hatte, sagt sie, nie Zeit gehabt, etwas anderes zu schreiben. So wurde Alice Munro zur unangefochtenen Meisterin der Shortstory. Eine Hommage an die kanadische Literaturnobelpreisträgerin zum 85. Geburtstag

In der Welt, aus der Alice Munro kommt, sind es die "Monicas", die den Alltag regieren. An Seeufern errichten die Monicas Feldlager aus Sonnenschirmen, Handtüchern, Windeltaschen, Picknickkörben und Sonnenschutzmitteln. Sie stehen am Wasser und rufen ihren schwimmenden Kindern Verhaltensanweisungen zu. Sie trompeten in voller, selbstbewusster Lautstärke, und ihr Gang ähnelt einem Watscheln. Sie sind Mitte 20, also nicht älter als Kath und Sonje, die Heldinnen in Alice Munros Kurzgeschichte Jakarta, und doch graut den beiden jungen Ehefrauen vor den Monicas: "Ihre Probleme, ihr zappeliger Nachwuchs, ihre mütterlichen Pfunde und ihre Lebenstüchtigkeit können alles zunichtemachen." Am Strand verschanzen sich Kath und Sonje deshalb hinter großen Bäumen. Kath fühlt sich besonders von den Monicas bedroht, denn sie ist selbst Mutter. "Wenn sie ihr Baby stillt, liest sie oft ein Buch und raucht manchmal sogar eine Zigarette, um nicht im Schlamm des Animalischen zu versinken." In Kath regt sich namenloser Widerstand. Die Selbstgewissheit der Monicas stellt ihr eigenes zweifelndes Ich infrage. Sie schwankt zwischen Trotz und dem Gefühl, nicht zu entsprechen, als Ehefrau, als Geliebte, als Mutter.

Ehefrauen und Mütter

Kath ist eine dieser typischen Frauenfiguren aus Alice Munros Shortstorys: Das Leben hat sie an einen Ort in der kanadischen Provinz gestellt. Zumeist führen sie wohlgeordnete Mittelklasseleben als Ehefrauen und Mütter, erfüllen sicher und eng platziert im Ringelspiel der Familienrituale ihr Plansoll: Heirat bis 25, erstes Kind, zweites Kind. Danach verliert sich der Weg "zunehmend im Dunkeln, und es ließ sich schwer sagen, wo das Ziel lag und wann es erreicht war". Irgendetwas in diesen Frauen will sich nicht damit abfinden, dass Träume mit den Jahren einfach beginnen, ranzig und abgestanden zu riechen.

Es ist das Milieu, in dem Alice Munro, die am 10. Juli ihren 85. Geburtstag feiert, einen Großteil ihres Lebens verbracht hat. Eine Karriere als Schriftstellerin war darin für eine Frau definitiv nicht vorgesehen. Munro wurde erzogen wie alle anderen in den kleinen Ortschaften am Lake Huron in der kanadischen Provinz Ontario, aus der sie stammt: dazu, ihre Sehnsüchte den Alltagsbelangen eines Familienlebens unterzuordnen. Die 1931 geborene Tochter eines Fuchsfarmers, die nach dem Tod ihrer Mutter als Zwölfjährige den Haushalt übernahm, brach später ihr Journalismusstudium ab, heiratete und bekam drei Töchter, von denen eine kurz nach der Geburt starb.

Daneben schrieb Alice Munro immer Geschichten. Die ersten schon, als sie noch nicht einmal 20 war. Lange Jahre schrieb sie immer in Eile und gepeinigt von dem schlechten Gewissen, keine ihrer Rollen auszufüllen. Sie schrieb am Küchentisch, zwischen Herd und Einkauf, und packte alles weg, wenn eine Nachbarin an der Tür läutete oder die Kinder aus der Schule kamen. Die kurze Form der Shortstory, die sie berühmt gemacht hat und mit der ihr Name wie kaum ein anderer in Verbindung steht, war nicht das Genre, für das sie sich aus Neigung entschied. Es war eine Notlösung. Sie habe, sagte sie mehr als einmal, nicht die Zeit gehabt, etwas anderes zu schreiben. Aber wie kaum jemand vor ihr verwandelte Alice Munro diese Beschränkung in einen Höhenflug, und ihre ganze Begabung floss in die kurze Form.

Ihre Anerkennung als Autorin kam langsam, aber sie kam. Und als Alice Munro 2013 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, für den sie davor schon so lange im Gespräch gewesen war, dass sie ähnlich ihrem – bisher unausgezeichnet gebliebenen US-Kollegen Philip Roth – jedes Jahr aufs Neue unter den ewigen Kandidaten aufgelistet war, da herrschte ungewohnte Einigkeit und Freude über die Kür der Kanadierin. Besonders auch unter ihren Schriftstellerkollegen und -kolleginnen. Ein Satz des amerikanischen Romanciers Richard Ford über Alice Munro war da schon längst Common Sense geworden: "Besser wird's nicht."

Todsicheres Gefühl für Timing

Munros Storys handeln von ganz normalen Leben, von Eltern und Kindern, von Ehemännern und Ehefrauen, von gemeinsamen Urlauben und Alltagsszenen, von Trennungen, Konflikten, Erinnerungen. Es ist besonders auch das viel bewunderte, todsichere Gefühl für Timing, das diese Geschichten so grandios macht. Kurze Absätze können darin ganze Leben umspannen; zwischen zwei Absätzen Jahrzehnte liegen, Rückblicke aus großer zeitlicher Entfernung sich bruchlos mit Szenen im Jetzt abwechseln.

Da ist etwa die 26-jährige Pauline aus Die Kinder bleiben hier, einer von Munros berühmtesten Shortstorys, die zu Recht Aufnahme in den Jubiläumsband Ferne Verabredungen mit ihren schönsten Erzählungen gefunden hat. Die Mutter zweier kleiner Mädchen bricht von einem Tag auf den anderen aus einer gar nicht so schlechten Ehe mit einem Lehrer aus, um mit einem hochtrabenden, blutjungen Laienschauspielregisseur durchzubrennen. Der Anstoß dazu kommt nicht von ihr. Trotzdem tut sie, "was Anna Karenina getan hatte und Madame Bovary hatte tun wollen". Pauline geht in der momentanen Überzeugung, "dass ihr nie mehr wieder wichtig sein würde, in welchen Räumen sie lebte und was für Sachen sie anzog", im akuten Schmerz um den Verlust ihrer Kinder und endet – viele Jahre später – in der Einsicht, dass ihre ohne sie erwachsen gewordenen Töchter sie zwar nicht hassen, ihr aber auch nicht vergeben haben. Paulines Liebhaber von damals ist längst zu jemandem verblasst, "mit dem ich eine Weile zusammengelebt habe".

Das ist die Geschichte. Im Rückblick hat sich der dramatische Paukenschlag von Paulines Familiensprengung zu einem einfach etwas höheren Wellenkamm im normalen Auf und Ab des Lebens gewandelt. Das ist typisch für Alice Munro: der vom Vergehen der Zeit abgemilderte Schmerz, die sanfte Resignation, die von einem banalen Leben, schlechten Startvoraussetzungen oder Schicksalsschlägen zurechtgestutzten, träumerischen Frauenseelen. Aus solchen großen Gefühlsräumen baut sie ihre berückend dichten Geschichten. Dabei liebt sie das Motiv der – im Letzten – ausbleibenden Katastrophe und die Andeutung, dass etwas Schreckliches in der Luft liegen könnte. Darum sind ihre Storys spannend wie Krimis. Nur stammt bei ihr die Spannung aus der inneren Zerrissenheit ihrer Heldinnen. Und wenn tatsächlich Dramatisches passiert, nimmt Munro ihm oft die Spitze, indem sie ihren Figuren die Gelegenheit gibt, aus großer zeitlicher Distanz darauf zurückzublicken. Nichts ist bei ihr schwarz-weiß, das Leben eine Abfolge von Grauschattierungen.

Grausamer Teenager-Trick

Wie sie das genau macht, bleibt ihr großes Geheimnis. Man kann ihre einfachen Sätze noch so lange anstarren. Es scheint alles schlicht und unausweichlich angeordnet und ist dabei so kunstvoll. Meist setzen Munros Heldinnen einen kleinen Akt, der das Spiel ins Rollen bringt – zu ihrem Nachteil, doch manchmal auch zu ihrem Vorteil; und sei es um den Preis, dass sie die Wahrheit einfach nicht mitkriegen (wollen) wie in Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit. Die wenig anziehende Haushälterin Johanna fällt darin auf einen grausamen Teenager-Trick herein, bei dem ihr gefälschte Briefe die Zuneigung eines Mannes vorgaukeln. Auf welche Weise Alice Munro die-sem von einem knochenharten Schicksal gebeutelten weiblichen Arbeitstier seine Wünsche erfüllt, ohne sie dabei zu verraten oder zu verhehlen, dass es sich um einen erkauften Pyrrhussieg handelt, lässt einen wie so oft bei ihr sprachlos zurück. (Julia Kospach, Album, 10.7.2016)

  • Alice Munroe: Nichts ist bei ihr schwarz-weiß, das Leben eine Abfolge von Grauschattierungen.
    foto: epa/derek shapman

    Alice Munroe: Nichts ist bei ihr schwarz-weiß, das Leben eine Abfolge von Grauschattierungen.

  • Alice Munro, "Ferne Verabredungen. Die schönsten Erzählungen". S. Fischer, 444 Seiten, € 23,70.
    cover: s. fischer-verlag

    Alice Munro, "Ferne Verabredungen. Die schönsten Erzählungen". S. Fischer, 444 Seiten, € 23,70.

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