Nötigungsprozess: Der alte Beamte und der junge Rückwärtsfahrer

9. Juli 2016, 15:00
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Ein 64-jähriger Unbescholtener hat aus Ärger über ein Fahrmanöver einen Autolenker angegriffen. Er beharrt auf seiner Unschuld

Wien – Richter Andreas Böhm verhehlt von Beginn an nicht, dass er den Prozess gegen Ernst G. so kurz wie möglich halten möchte. "Das war eine eigenartige Aktion aufgrund eines nichtigsten Grundes", sagt er bereits bei der Überprüfung der Generalien des unbescholtenen 64-Jährigen Beamten.

Da kann man Böhm nicht widersprechen: Der Angeklagte soll am 28. Mai in der Tiefgarage eines Einkaufszentrums einen Autofahrer attackiert haben, da dieser rückwärts gefahren ist. Böhm weist also schon im Voraus darauf hin, dass er sich nach Studium des Aktes auch eine andere Form der Erledigung vorstellen könnte – gemeint ist eine Diversion. Auch der Staatsanwalt kündigt an, das zu akzeptieren.

Angeklagter leugnet trotz Videos

Die Geschichte könnte also ohne Verurteilung erledigt sein, falls G. gesteht, dass die Anklage korrekt ist. Das tut er aber nicht und bekennt sich nicht schuldig. Böhm versucht es noch einmal: "Ich sage Ihnen nur, bei Ihnen geht es um ein Jahr Haft, Ihre Gattin könnte aber Gefahr laufen, für eine falsche Zeugenaussage bis zu drei Jahren zu bekommen." Ist G. egal.

Also schildert er seine Version des Vorfalls an einem Samstagabend im Donauzentrum in Wien-Donaustadt. "Ich bin mit meiner Frau zum Auto gegangen, plötzlich ist der aus einer Parklücke rückwärts herausgeschossen ...", beginnt er. "Der ist ganz normal herausgefahren, das ist auf dem Video zu sehen", unterbricht ihn der Richter.

"Er hat bremsen müssen", beharrt der Angeklagte. "Meine Gattin und ich konnten nur mit einem Sprung ausweichen." – Böhm verdreht die Augen, schließlich ist auf den später vorgeführten Aufnahmen der Überwachungskamera zu sehen, dass das Paar schlicht einen Schritt auf die Seite macht.

Widersprüche zur Polizeiaussage

"Ich wollte ihm sagen, dass er einen Fehler gemacht hat", fährt der Pensionist fort. "Er hat das Fenster aufgemacht und herausgeschimpft." – "Bei der Polizei haben Sie noch gesagt, er hat Unverständliches gesagt?" – "Doch, das habe ich dort auch gesagt." – "Gut. Selbst wenn – wären Sie weitergegangen, würden Sie jetzt nicht hier sitzen." – "Ja, das stimmt."

G. wählte eine andere Option: Er riss die Fahrertür auf. "Es hat eine Diskussion gegeben, dann hat er mit dem Fuß nach mir getreten. Da habe ich ins Auto gegriffen, um mich zu verteidigen." – "Den Fußtritt erwähnen Sie jetzt auch erstmals", sagt Böhm. "Nein, das habe ich auch dem Polizisten gesagt." – "Wir können jetzt auch vertagen und den Beamten laden", knirscht der Richter. "SIE haben angefangen! Man sieht ja auf dem Video, dass Sie die Tür öffnen und sofort eine halbe Minute etwas im Auto machen."

Böhms Stimmung bessert sich, als der Verteidiger ersucht, mit seinem Mandanten kurz vor der Tür sprechen zu dürfen. "Eine Diversion wäre eine recht feine Sache, daher würde mein Mandant gerne seine Verantwortung ändern", sagt der Verteidiger nach der Rückkehr.

Selbstbewusstes Opfer

Nun gesteht er also zu: "Ich habe den Fehler gemacht, die Tür geöffnet und hineingegriffen zu haben." Böhm will dennoch Aleksandar S., das Opfer, noch hören. Der 22-Jährige ist selbstbewusst, redet viel und stellt die Sache wohl auch ein wenig sehr plastisch dar. Mit dem Überwachungsvideo deckt sich seine Version aber grundsätzlich.

"Sie haben einmal die Nerven verloren, warum auch immer", bescheidet Böhm G., ehe er sich für eine rechtskräftige Diversion mit einer Geldstrafe von 3.000 Euro entscheidet. "Danke", sagt der Angeklagte. (Michael Möseneder, 9.7.2016)

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