Dmitri Gluchowski: Eine Zivilisation von Wänden, nicht von Brücken

Interview9. Juli 2016, 09:00
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"Jede Ideologie will eine Seele": Der russische Science-Fiction-Autor hat mit seiner "Metro"-Trilogie, die auch als Computerspiel adaptiert wurde, international für Aufsehen gesorgt. Ein Gespräch über Wladimir Putin, demokratisches Potenzial und die ungeborene "Schneerevolution"

STANDARD: Herr Gluchowski, die ganze Welt rätselt über Wladimir Putin. Europa streitet über den richtigen Umgang mit ihm. Sie haben mit der "Metro"-Trilogie einen Romanzyklus geschrieben, der die Putin-Jahre als Science-Fiction- Roman erzählt. Wie sehen Sie ihn?

Gluchowski: Seine Persönlichkeit ist nicht so schwer zu entziffern. Ein erster Faktor ist: Er hat in der Kindheit echte Not gelitten. Die Familie lebte in einem Gemeinschaftsquartier. Nun steuert er eine Weltmacht und nützt sie als private Firma. Er hatte die Wahl: Sieht er sich als Staatsmann, der mit dem Ölgeld eine einzigartige Chance hat, diese Weltmacht wiederherzustellen? Oder geht es ihm um private Profite, die er dann gar nicht offiziell nützen kann, weil er sie verstecken muss? Inzwischen wissen wir es. Sein politischer Einfluss beruht aber nicht auf Geld, abgesehen vielleicht von einem deutschen Exkanzler, sondern auf Erpressung. Er hat das ganz bewusst gemacht, er hat die Struktur, die in der Jelzin-Ära angelegt wurde, konsolidiert. Das hat ihm erlaubt, ohne Ideologie durchzukommen. Erst jetzt ist der Nationalismus stärker geworden, das war früher ein Bereich für Freaks wie Schirinowski.

STANDARD: Putin hat aber immer schon der Sowjetunion nachgetrauert.

Gluchowski: Dass ihm der Nationalismus gut ins Konzept passt, kommt von dem zweiten Teil seiner Persönlichkeit: seiner Geheimdienstausbildung. Das erklärt, wie er die Welt sieht: als eine Szene der Konfrontation. Von ein paar Technokraten abgesehen, regieren in Russland nur KGB-Leute. Es geht immer darum, Feinde zu finden und verborgene Absichten zu entdecken. Das ist die Psychologie einer belagerten Festung. Russland ist eine Zivilisation von Wänden, nicht von Brücken. Niemand soll hineinkommen, nur Spione sollen hinausgehen. Niemand glaubt an das Gute im Menschen.

STANDARD: Hat Russland nicht auch eher zynisch auf die Panama Papers reagiert?

Gluchowski: Als ich diese Neuigkeiten las, war ich eher ein wenig verwundert. Zwei Milliarden soll Putin versteckt haben? Ein lächerlicher Betrag. Das soll alles sein? Putin ist doch der reichste Mann der Welt. Zwei Milliarden ist eine Beleidigung. Dieser Cellist ist nicht der einzige Strohmann, und Mossack Fonseca ist nur eine Firma von vielen. Die Panama Papers haben im Grunde nur bestätigt, was ohnehin eine klare Sache ist.

Wir erwarteten das von Putin. Patrioten, die auf Putin stolz sind, gehen vollkommen davon aus, dass er korrupt ist. In den letzten zehn Jahren hat die Korruption Russland mehr oder weniger vollständig durchdrungen – wie bei einem Baum, der vollkommen von einem Schwamm übernommen wurde. Wenn man in diesem System loyal ist, dann macht es auch nichts, wenn man eine schwangere Frau überfährt oder minderjährige Prostituierte in einer Sauna trifft. Alles kann vergessen werden, solange man gut funktioniert. Schuld und Schatteneinkommen sind die Instrumente, mit denen Putin das Land regiert.

STANDARD: Die Arbeit an Ihrem "Metro"-Zyklus begann in der Zeit, in der Wladimir Putin an die Macht kam. Ich erinnere mich noch, dass ich damals auch diesen Spin plausibel fand: Russland, so schien es, braucht einen starken Mann, Modernisierung kann nur von oben kommen.

Gluchowski: Ich habe das auch geglaubt. Ich begann Metro, um ein Porträt der damaligen Gesellschaft zu zeichnen, das Gefühl eines zusammengekrachten Imperiums. Man versucht, auf dessen Ruinen zu überleben. Man zieht sich in ein Tunnelsystem zurück, in ein Museum der sowjetischen Epoche. Neues wird nicht geschaffen, weil die Ressourcen fehlen, alle leben von der Vergangenheit. Alle möglichen Ideologien, die während der Sowjetzeit unterdrückt wurden, verschaffen sich nun Geltung.

Die Demokraten nennen sich zwar so, es geht ihnen aber nur um Geld. Es gibt diverse Kulte, und es gibt die Intelligenzija mit ihren Hoffnungen. Ein Typ wie ich geht von einer Station zur nächsten. Jede Ideologie will seine Seele. Das war Russland in den 1990er-Jahren. Mit Band zwei kommen wir in die Zeit von Medwedew, der Putin ein paar Jahre den Präsidentensessel warmhielt. Da gab es gewisse Hoffnungen, die jedoch enttäuscht wurden. Nun aber, da alles in Richtung Diktatur geht, betrauern wir unsere ungeborene "Schneerevolution" ...

STANDARD: ... die Proteste auf dem Bolotnaja-Platz 2011/12 ...

Gluchowski: ... das war für Putin gefühlt der Thermidor. In Metro 2035 geht es also um meine Fehldeutungen. Ich wollte immer wissen: Wer hat die Macht? Hat die Macht etwas Heiliges? Hat sie eine historische Mission? Nach 25 Jahren Hoffnung auf Freiheit geraten wir in keine stalinistische Diktatur, sondern eine lateinamerikanische. Wir sind eine riesige Bananenrepublik. Wir meinten, der Zug wäre nach Westen unterwegs, nun merken wir gerade, dass draußen Sibirien auftaucht.

Menschen machen Fehler oft mehrmals. 20 Jahre lang wussten wir nicht, was wir mit der Freiheit anfangen sollten. Nun haben wir das schreckliche Gefühl von Verantwortung endlich los. Die Sklaverei in Russland war immer Versklavung von Russen durch Russen, getrennt nur durch Bildung, und auch das nicht immer. In der Sowjetunion waren wir Sklaven des Staates. Und jetzt herrschen wieder Russen über Russen. Keine Kolonisatoren, keine Außerirdischen. Allerdings wird Putin langsam ein wenig hysterisch, seine letzten Manöver ...

STANDARD: Sie meinen die Aufstellung einer Nationalgarde?

Gluchowski: Eine Privatarmee mit 400.000 Mann, gesteuert von seinem Leibwächter. Die Nationalgarde hat die Erlaubnis, in die Menge zu schießen, und darf überall jederzeit eindringen. Die Demonstrationen während der "Schneerevolution" haben nichts gebracht. Die Anführer haben das für persönliche PR genutzt. Alexei Nawalni ist ein wichtiger Mann, aber er hat auch nur dazu beigetragen, dass Druck abgelassen wurde. Nicht, dass eine Explosion besser gewesen wäre, aber wenn man auf die Straße geht, muss man konkrete Forderungen haben. Nach der Krim hat man das Gefühl, sich in einer absoluten Minderheit zu befinden.

STANDARD: Man dachte für eine Weile, das Internet wäre ein wichtiges Instrument der politischen Opposition. Sie sind ein Kind des Internets. "Metro" wurde anfangs online publiziert. Teilen Sie die vielfache Enttäuschung darüber?

Gluchowski: Am Tahrir-Platz haben wir gesehen, dass soziale Netzwerke etwas bewirken. Menschen können über digitale Kanäle entflammt werden, das sind nicht alles nur Sofakrieger. Aber inzwischen dient das Netz als Informationsumgebung nicht mehr der Verbreitung der Wahrheit. Das Gegenteil nimmt überhand: irrelevante, unbegründete, verrückte "Wahrheiten", zu denen auch das russische "Wahrheitsministerium" kräftig beiträgt. Information kann überall entstehen, also geht es nun um diese Jamming-Methoden, die ich in Metro 2035 beschreibe. Wenn es irgendwo um eine wichtige Frage geht, dann wird die Wahrheit mit alternativen, verschwörerischen Versionen regelrecht überladen.

STANDARD: Sehen Sie in Russland derzeit oppositionelles, demokratisches Potenzial?

Gluchowski: Wir sagen: Es geht immer um Fernseher gegen Kühlschrank. Wenn der Kühlschrank leer wird, verliert das Fernsehen. Derzeit regiert das Fernsehen in Russland. Es liefert eine umfassende Theorie von allem, von Napoleon bis Obama, es zeigt, wie Rothschilds die Welt regieren und wie Russland die letzte Bastion ist. Die einzige Hoffnung ist ein ökonomischer Kollaps, dass also der Kühlschrank wichtiger wird als der Fernseher. Aber will man das? Die letzte Revolution in Russland beseitigte ein ungerechtes Imperium durch einen mittelalterlichen Kult, der auf der Opferung von Millionen von Menschen beruhte.

STANDARD: Sie sprechen vom Sowjetkommunismus. Wenn eine Revolution also unwahrscheinlich ist, welche anderen Szenarien gibt es dann?

Gluchowski: Man weiß nie, was Überraschendes geschehen kann. Der Diktator von Turkmenistan starb 2006 unerwartet an Herzversagen.

STANDARD: Auffällig ist, dass Putin keinen Kronprinzen hat.

Gluchowski: Seine ganze Politik beruht auf Unersetzlichkeit. Er genießt es zutiefst, der Zar zu sein. Und je mehr er so gesehen wird, desto mehr genießt er es. Sein ganzes Umfeld weiß: Wenn er geht, müssen sie auch weg. Er ist ein geschickter Politiker, aber die Leute um ihn herum sind komplett mittelmäßig. Eine Zufallsmenge aus St. Petersburg. Dass Russland sich das bieten lässt, ist das eigentlich Unverständliche. (Bert Rebhandl, Album, 9.7.2016)

Dmitri Gluchowski, geboren 1979 in Moskau, hat mit der "Metro"-Trilogie einen äußerst erfolgreichen Science- Fiction-Zyklus vorgelegt, der auch als Computerspiel vorliegt. "Metro" gilt als herausragende politische Allegorie auf Russland unter Putin. Der dritte Band "Metro 2035" ist dieses Jahr bei Heyne erschienen.

Dmitri Gluchowski, "Metro 2035". Aus dem Russischen von M. David Drevs. € 15,50 / 784 Seiten. Heyne-Verlag, München 2016

  • "Es geht immer um Fernseher gegen Kühlschrank. Wenn der Kühlschrank leer wird, verliert das Fernsehen. Derzeit regiert das Fernsehen in Russland": Gluchowski in der Moskauer Metro.
    foto: ksenia tavrina

    "Es geht immer um Fernseher gegen Kühlschrank. Wenn der Kühlschrank leer wird, verliert das Fernsehen. Derzeit regiert das Fernsehen in Russland": Gluchowski in der Moskauer Metro.

  • Dmitri Gluchowski, "Metro 2035". Aus dem Russischen von M. David Drevs. € 15,50 / 784 Seiten. Heyne-Verlag, München 2016
    foto: heyne

    Dmitri Gluchowski, "Metro 2035". Aus dem Russischen von M. David Drevs. € 15,50 / 784 Seiten. Heyne-Verlag, München 2016

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