Polizeigewalt: Wenn Social Medial zum einzigen Notruf wird

8. Juli 2016, 10:57
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Video dokumentiert Erlebnisse nach den Schüssen – temporäre Löschung der Aufzeichnung bringt Facebook in Kritik

Die USA werden erneut von Polizeigewalt gegen schwarze Bürger erschüttert. Besondere Aufmerksamkeit erweckt der Fall Philando Castile. Er war bei einer Verkehrskontrolle in seinem Auto erschossen worden. Seine Freundin hat den Vorfall teilweise live auf Facebook gestreamt. Die Aufzeichnung und die Tatsache, dass sie kurzzeitig von der Plattform verschwunden war, sorgt für Diskussionen.

Livebericht

Das Video setzt ein, kurz nachdem der Streifenpolizist mehrfach auf Castile geschossen hat. Der 32-Jährige sitzt mit blutgetränktem Hemd auf dem Fahrersitz, ehe er auf die Seite und nach hinten kippt. "Bleib bei mir", fleht Diamond Reynolds. Gleichzeitig wiederholt sie immer wieder, was sie gerade erlebt hat.

foto: diamond reynolds/facebook
Diamond Reynolds dokumentierte live die Ereignisse nach den Schüssen auf ihren Freund Philando Castile.

Castile habe bei der Kontrolle wegen eines kaputten Rücklichts nach seiner Geldtasche gegriffen, in der er Ausweis und Führerschein verwahrte. Der Polizist hatte aber offenbar angenommen, der lizenzierte Waffenträger würde nach seiner Pistole fassen und ihn aufgefordert, sich nicht zu bewegen und die Hände zu heben. Noch während er der Anweisung gefolgt sei, sei trotzdem auf ihn geschossen worden, beschreibt sie. Reynolds wird schließlich aus dem Wagen beordert und setzt ihren Bericht später aus einem Polizeiauto fort.

Die Aufnahme wurde bisher fünf Millionen Mal angesehen und mehr als 300.000-mal geteilt. Sekündlich schnellt der Zähler weiter nach oben.

Social Media als Dokumentationswerkzeug

Für Castile, der den Schusswunden erlag, seien soziale Medien der einzige Notruf gewesen, argumentiert Wired in einem ersten Bericht zur Dokumentation des Vorfalls. Für Castiles Freundin wäre der Polizeinotruf in dieser Situation aus offensichtlichen Gründen keine Option gewesen. Facebook und Co werden nicht zum ersten Mal zum Hilfsmittel, wenn die Behörden versagen oder man ihr Fehlverhalten dokumentiert.

Immer öfter werden Ereignisse wie dieses online dokumentiert wie auch die Erschießung von Alton Sterling, gerade einmal einen Tag zuvor. Das Video von Reynolds unterscheidet sich allerdings von jenem von Sterling. Es stellt in einer verzweifelten Situation einen Schrei nach Hilfe dar. In Echtzeit und an die Öffentlichkeit, die aber mit Tweets und Kommentaren keine unmittelbare Hilfe leisten kann.

Löschung sorgt für Aufregung

Der Clip verschwand etwas später von ihrer Seite. Gelöscht von Facebook, was der Plattform heftige Kritik einbrachte. Nach einer Stunde wurde es schließlich wiederhergestellt. Während Inhalte zumeist gelöscht werden, weil Mitarbeiter des Konzerns sie für eine Verletzung der Richtlinien halten, soll die Aufzeichnung laut offizieller Begründung jedoch einem "technischen Fehler" temporär zum Opfer gefallen sein, schreibt Gizmodo. Näher erläutert wurde dieser nicht.

Es ist jedoch nicht das erste Video oder Posting, für dessen Entfernung man sich entschuldigen musste. Auch andere legitime Botschaften, darunter ein Solidaritätsaufruf mit Kritik an der Verwendung des Begriffs "schwul" als Schimpfwort als Reaktion auf den Anschlag in Orlando, sind gelöscht und später wiederhergestellt worden.

Auch im Rahmen der Debatte um Hasspostings ist die scheinbar willkürliche und oft widersprüchliche Auslegung der Richtlinien schon länger ein Thema. Das Netzwerk ist für Millionen Menschen ein wichtiger Nachrichtentransporteur und eine Quelle zur Meinungsbildung.

Zuckerberg äußert sich

Mittlerweile hat sich auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg mit einem Statement zu Wort gemeldet. "Mein Herz ist bei der Familie Castile und allen anderen Familien, die derartige Tragödien erleben mussten", schreibt er. "Die Bilder, die wir diese Woche gesehen haben, sind brutal und herzzerreißend, und sie zeigen die Angst auf, mit der Millionen unserer Mitglieder täglich leben müssen. Es erinnert uns daran, warum es so wichtig ist, zusammen eine offenere und vernetztere Welt zu schaffen – und wie weit unser Weg dahin noch ist."

Bei einer an sich friedlich verlaufenden Demonstration gegen Polizeigewalt ist es in Dallas derweil zu einer tödlichen Eskalation gekommen – die von Anwesenden ebenfalls live dokumentiert wurde. Ein Scharfschütze hat mehrere Polizisten erschossen. Am Freitagmorgen war die Fahndung noch in vollem Gange.

"Ich will, dass die Menschen Zeugen sind"

Reynolds hat in der Nacht ein weiteres Video veröffentlicht, in dem sie ihr Vorgehen argumentierte und über ihre Erlebnisse in Polizeigewahrsam sprach. Sie und ihre Tochter seien bis fünf Uhr in der Früh getrennt festgehalten worden und hätten weder Essen noch Wasser erhalten.

Den Livestream habe sie gestartet, damit möglichst viele Leute sehen könnten, wer sich richtig und wer sich falsch verhalten habe. "Ich will, dass die Menschen hier die Zeugen sind." (gpi, 8.7.2016)

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