Frankreichs Griezmann verabschiedet Weltmeister Deutschland

7. Juli 2016, 23:14
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Frankreich steht vor dem zweiten Titelgewinn bei einer Heim-EM nach 1984. Treffer von Antoine Griezmann, der bei sechs Turniertoren hält, warfen Weltmeister Deutschland aus dem Rennen. Am Sonntag wird in Saint-Denis die finale Messe gegen Portugal gelesen

Marseille – "Der Tag des Ruhmes ist gekommen" hatte "L’ Équipe" vor dem Spiel aus der Marseillaise zitiert und damit das Gefühl der Gastgeber auf den Punkt gebracht. In dem natürlich durch 64.078 Zuseher ausverkauften Stade Vélodrome von Marseille stieg am Donnerstagabend nicht weniger als das Finale dieser EURO, das Ringen um das Privileg, am Sonntag, im eigentlichen Endspiel, den Außenseiter Portugal schlagen zu dürfen.

Coach Didier Deschamps vertraute jener Elf, die die EM-Lieblinge aus Island mit 5:2 gestoppt hatte. Und Les Bleus begannen wie in den besten Momenten ihres Viertelfinales. Sie suchten den schnellen Torerfolg. Der hätte schon nach sieben Minuten gelingen können, allerdings parierte Manuel Neuer einen Schuss von Antoine Griezmann, den Blaise Matuidi freigespielt hatte.

Anfängliche Abstimmungsprobleme – Liverpools Emre Can ersetzte den gesperrten Mats Hummels, verdichtete aber das Mittelfeld, für den verletzten Mario Gómez wirkte Julian Draxler in der Offensive – bekam der Weltmeister jedoch recht flott durch Verschleppung in den Griff. Nachdem Frankreichs Elan abgewürgt war, begann die Mannschaft von Joachim Löw zu kombinieren.

Den Vollzug der vorläufigen Wende signalisierte Thomas Müller, der in eine Vorlage Cans grätschend das Tor von Hugo Lloris knapp verfehlte (13.). Nur eine Minute später versuchte es Can selbst, seinen Schuss parierte Lloris. Die Franzosen versuchten zu kontern, das gelang gegen die von Bastian Schweinsteiger hervorragend dirigierten Deutschen selten. Atempause brachten Freistöße von Dimitri Payet (25.) und Paul Pogba (37.), die Neuer allerdings geradezu dramatisch unterforderten. Dagegen hatte sich Lloris bei einem Schweinsteiger-Schuss gehörig zu strecken (26.).

Hand am Ball

Lediglich Griezmann blieb bei den Franzosen gefährlich – wie nach 42 Minuten bei einem Schuss ins Außennetz. Und in der Nachspielzeit der ersten Hälfte bauschte der 25-Jährige von Atlético Madrid das Netz sogar von innen. Schweinsteiger war nach einer weiten Flanke im Zweikampf mit Patrice Evra mit der Hand am Ball gewesen, Schiedsrichter Nicola Rizzoli zeigte, von seinem Assistenten gut beraten, auf den Punkt. Und Neuer musste seinen erst zweiten Gegentreffer im Turnier erneut aus einem Handelfmeter zulassen.

Die Anfangsphase der zweiten Hälfte glich jener der ersten. Die Franzosen begannen stürmisch, die Deutschen beruhigten. Statt eines Torerfolgs kassierten sie aber den nächsten Tiefschlag – Abwehrchef Jérôme Boateng musste verletzt vom Platz. Löw ersetzte ihn durch Shkodran Mustafi und setzte mit Mario Götze alles auf eine Karte. Der Tausch wirkte allerdings erst nach der Entscheidung. Die besorgte Griezmann mit seinem sechsten Turniertreffer. Nach Pass von Pogba tunnelte er Neuer und stürzte die Fans in einen Begeisterungstaumel (72). In dem ging fast unter, dass Kimmich bald darauf nur die Stange traf (74.) und Deutschland insgesamt gehörig Dampf machte.

Draxler mit einem Schuss (76.) und Höwedes (82.) per Kopf kamen dem Anschlusstreffer sehr nahe. Aber die Zeit verrann, Deutschlands Hoffnungen schwanden. Nach einer Minute der Nachspielzeit holte Deschamps Griezmann vom Feld, den Spieler des Turniers schon vor dem Duell mit Cristiano Ronaldo am Sonntag. Die Parade des zweiten Halbfinales zeigte Lloris nach einem Kopfball von Kimmich. Der Goalie ersparte Frankreich damit eine nervenzerfetzende Schlussminute. (lü, 7.7.2016)

EM 2016, Halbfinale:

Deutschland – Frankreich 0:2 (0:1). Marseille, Stade Velodrome, 64.078 Zuschauer, SR Rizzoli/ITA

Tore:
0:1 Griezmann (45.+2/Elfmeter)
0:2 Griezmann (72.)

Deutschland: Neuer – Kimmich, Boateng (61. Mustafi), Höwedes, Hector – Can (67. Götze), Kroos, Schweinsteiger (79. Sane) – Özil, Müller, Draxler

Frankreich: Lloris – Sagna, Koscielny, Umtiti, Evra – Pogba, Matuidi – Sissoko, Griezmann (92. Cabaye), Payet (71. Kante) – Giroud (78. Gignac)

Gelbe Karten: Can, Özil, Schweinsteiger, Draxler bzw. Evra, Kante

Statistik:

Torschüsse: 6 bzw. 7
Schüsse: 12 bzw. 11
Fouls: 8 bzw. 12
Eckbälle: 6 bzw. 5
Abseits: 3 bzw. 0
Pässe angekommen: 573 bzw. 244
Ballbesitz: 65 bzw. 35 Prozent

Stimmen:

Didier Deschamps (Trainer Frankreich): "Ich freue mich für die Spieler, weil sie es verdienen. Wir haben ein großes Team. Als wir zum Stadion gefahren sind, haben wir die Fans gesehen. Die Begeisterung war Wahnsinn. Am Sonntag wird sie noch größer sein. Ich habe immer an meine Spieler geglaubt, sie haben diesen Sieg verdient."

Joachim Löw (Trainer Deutschland): "Ein Riesenkompliment an die Mannschaft. Wir haben besser gespielt als der Gegner, waren feldüberlegen. Die Mannschaft ist dominant aufgetreten. Die EM war für uns trotz allem gut. Wir haben gute Spiele gemacht, die Mannschaft hatte einen guten Zusammenhalt."

Antoine Griezmann (Frankreich): "Ich habe den Elfmeter im Champions-League-Finale verschossen und wollte ganz sichergehen, dass ich ihn versenke, Das ganze Land steht hinter uns. Das war sehr viel Arbeit, die wir geleistet haben. Alle haben sich voll ins Zeug gelegt. Wir werden heute Abend das meiste aus diesem Abend ziehen. Ich fühle mich noch etwas entfernt von Michel Platini. Aber ich hoffe, eines Tages näherzukommen."

Toni Kroos (Deutschland): "Wir haben heute unser bestes Spiel bei der EM gemacht, so komisch das klingt nach einem 0:2. Ich kann der Mannschaft nichts vorwerfen. Wir hatten gute Möglichkeiten. Hinten raus hatten wir drei, vier Riesenkopfballchancen. Wir geraten wieder nach so einer blöden Aktion in Rückstand."

  • Bastian Schweinsteigers Aussetzer im Duell der Routiniers mit Patrice Evra. Frankreich nahm das Geschenk dankend an.
    foto: reuters/michael dalder livepic

    Bastian Schweinsteigers Aussetzer im Duell der Routiniers mit Patrice Evra. Frankreich nahm das Geschenk dankend an.

  • Nur drei Tore, zwei aus Handelfmetern, musste Manuel Neuer bei der EM hinnehmen. Gegen jenen von Antoine Griezmann war er völlig chancenlos.
    foto: afp/ franck fife

    Nur drei Tore, zwei aus Handelfmetern, musste Manuel Neuer bei der EM hinnehmen. Gegen jenen von Antoine Griezmann war er völlig chancenlos.

  • Im Abschluss meisterlich: Antoine Griezmann.
    foto: reuters/christian hartmann livepic

    Im Abschluss meisterlich: Antoine Griezmann.

  • Die Équipe Tricolore feiert im Stade Vélodrome.
    foto: afp/ bertrand langlois

    Die Équipe Tricolore feiert im Stade Vélodrome.

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