Die Rundfahrt ist ein zähes Luder

8. Juli 2016, 15:57
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Seit 1947 gibt es eine Österreich-Radrundfahrt. In den vergangenen Jahren häuften sich Turbulenzen, auch finanzieller Natur. Die 68. Auflage leidet unter gescheiterten TV-Übertragungen. Für die Zukunft besteht trotzdem Hoffnung

Wien – 2014 nahm Ursula Riha nach acht Jahren als Organisatorin der Österreich-Radrundfahrt mit einer düsteren Prognose Abschied von ihrem mühsamen Amt: "Ohne Liveübertragung von Etappen im Fernsehen stirbt die Tour", sagte die Sportmanagerin im Interview mit dem STANDARD. Zwei Jahre danach lebt sie noch, die Tour – ohne TV-Livebilder.

Die Rundfahrt ist, in ihrem 69. Jahr, gewissermaßen ein zähes Luder. Aber es ist ihr schon deutlich besser gegangen. Vor dreieinhalb Wochen, als Rihas Nachfolger, der Salzburger Andreas Weiss, aus gesundheitlichen und privaten Gründen das Handtuch warf, stand sie wieder einmal am Abgrund. Für Weiss übernommen hat Gernot Schaar. Der 48-jährige Jurist aus Graz war insofern greifbar, als er die Geschäfte der Management GmbH des österreichischen Radsportverbandes (ÖRV) führt, in die Tourorganisation also ohnehin involviert war.

Hilfreicher ORF

In Rekordzeit wurde allerlei Liegengebliebenes erledigt. Am 24. Juni überraschte dann die Meldung, dass die Rundfahrt erstmals in ihrer Geschichte Etappe für Etappe live im Fernsehen (ORF Sport+) übertragen wird.

Der ORF, der aus Kostengründen selbst auch im Vorjahr nicht eine komplette, pro Etappe an die 150.000 Euro schwere Liveübertragung stemmen wollte, sollte ein von der Rundfahrt produziertes Signal erhalten und stellte Sendeplätze bereit. Die Finanzierung besorgten nicht zuletzt die Österreichwerbung und sechs Landestourismusorganisationen.

Doch das Kunststück gelang nur am vergangenen Samstag während des 600 Meter langen Prologs am Kitzbüheler Horn. Danach war Mattscheibe, weil die von mehreren TV-Sendern empfohlene private Zulieferfirma an der Produktion eines brauchbaren Live-Signals für den Küniglberg scheiterte. Über die Gründe wird womöglich noch vor Gericht verhandelt, die Rede war jedenfalls von einem "Super-GAU". Die Geldgeber waren schwer verstimmt.

Das Projekt Liveübertragung wurde am vergangenen Montag abgeblasen. Der ORF sprang der Rundfahrt mit einem Motorradkameramann samt Techniker bei und wurde prompt von Tourdirektor Schaar für die gute Zusammenarbeit gepriesen – man wird ihn auch in Zukunft brauchen.

Ordentliche Zahlen

Umgekehrt ist die Rundfahrt augenscheinlich trotz allem noch attraktiv. Das tägliche für den ORF-Spartensender produzierte halbstündige Magazin kommt bei seiner Wiederholung nach Mitternacht auf ORF 1 auf ordentliche Zahlen. Am Donnerstag gaben sich nach Auskunft der Tourorganisation bis zu 150.000 Zuseher den Radsportabsacker nach dem EM-Fußball – immerhin 18 Prozent Marktanteil.

Dabei ist die Besetzung der Rundfahrt in diesem Jahr ziemlich schwach. Schlusspunkt einer Welle von Absagen war jene von Vorjahressieger Victor de la Parte aus Spanien. In Astana nahm nur eine World-Tour-Mannschaft das von der 2. Hors- in die 2.1-Kategorie abgestufte Etappenrennen in Angriff. Der für die Kontakte zu den Teams zuständige Ex-Rundfahrtssieger Harald Morscher begründet das von der Klasse her schüttere Feld mit dem dichtgedrängten Programm wegen Olympia und der Abstufung, die viele Teams von einem Start in Österreich abhält. Der Star des Rennens ist im Grunde die Landschaft, weshalb der Tourismus wohl auch engagiert bleiben wird.

Für Organisator Schaar ist die "erste Priorität der Radsport. Aber das muss man sich auch leisten können." Möglich, dass für Sponsoren die herandräuende WM 2018 in Innsbruck und Umgebung ein Investitionsargument sein kann. Schaar, der wohl im Herbst als Tourdirektor bestätigt werden wird, glaubt an eine Rundfahrt 2017. Völlig überraschend käme sie nicht, denn diese Veranstaltung ist ein zähes Luder. (Sigi Lützow, 8.7.2016)

  • Der Star der Österreich-Radrundfahrt ist die Landschaft. Das gilt für die 68. Auflage ganz besonders.
    foto: apa/jfk

    Der Star der Österreich-Radrundfahrt ist die Landschaft. Das gilt für die 68. Auflage ganz besonders.

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