Steiner: "Zuwanderer sind im Teufelskreis gefangen"

8. Juli 2016, 09:00
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Die Ausbildungspflicht allein werde nicht allzu viel bringen, warnt IHS-Forscher Mario Steiner. Hilfe müsse früher ansetzen – gerade für Migranten, die oft in Sonderschulen abgeschoben würden

STANDARD: Der Staat will Jugendliche dazu zwingen, nach der Schulpflicht eine weitere Ausbildung zu absolvieren. Ist das nötig?

Steiner: Ja, denn je besser die Qualifikation, desto größer ist die Chance, einen Job zu finden. Jugendliche mit maximal Pflichtschulabschluss sind am allermeisten von Arbeitslosigkeit betroffen, die Quote beträgt um die 13 Prozent. Dieses Risiko halbiert sich mit einem Abschluss der Sekundarstufe II, also etwa einer Lehrausbildung oder Matura. Die Ausbildungspflicht ist deshalb eine wichtige Initiative. Dieser Zwang bietet den Jugendlichen eine große Chance.

STANDARD: Wie vielen Jugendlichen muss geholfen werden?

Steiner: Die Ausbildungspflicht müsste rund 16.000 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren erfassen, 5.500 davon leben in Wien. Österreichweit sind das 7,1 Prozent der gesamten Altersgruppe, doch Vorsicht: Diese Zahlen beziehen sich auf den Stand von 2012, die aktuelle Flüchtlingsbewegung ist darin noch nicht abgebildet.

STANDARD: Sind generell besonders viele Zuwanderer in der betroffenen Gruppe zu finden?

Steiner: Ja. Es ist davon auszugehen, dass bei den Migrantinnen und Migranten der Anteil drei- bis dreieinhalbmal höher ist als bei den in Österreich geborenen Jugendlichen. Eine konkrete Zahl gibt es zu den 15- bis 24-Jährigen: Von jenen Personen, die außerhalb des Landes geboren sind, gelten 30 Prozent als Ausbildungsabbrecher, haben also maximal Pflichtschulabschluss und absolvieren aktuell keine Ausbildung. In der Gruppe mit Geburtsland Österreich sind es nur zehn Prozent.

foto: christian fischer
Die Ausbildungspflicht gebe Bildungsabbrechern eine neue Chance, sagt Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien (IHS) – doch dabei Asylwerber auszuschließen sei fahrlässig.

STANDARD: Woran liegt das?

Steiner: Zuwanderer sind in einem Teufelskreis gefangen. Die Jugendlichen haben Sprachprobleme und brauchen spezielle Unterstützung. Doch statt diese zu erhalten, werden sie oft einfach in Sonderschulen geschickt, obwohl Schwierigkeiten mit Deutsch kein Grund dafür sein dürften. Die Zahl der Migrantinnen und Migranten in den Sonderschulen ist um 50 Prozent höher, als sie gemäß des Anteils an der Bevölkerung sein sollte – besonders stark wird im Westen ausgesiebt. Somit landen die Jugendlichen in einer Einrichtung, die ihnen in der Regel nicht den für eine weitere Bildungskarriere nötigen Schulabschluss bietet. Das ist die eine zentrale Erklärung.

STANDARD: Und die andere?

Steiner: Unser Bildungssystem mit seinen Halbtagsschulen lagert viel an Lernleistung in den privaten Bereich aus. Kinder sind davon abhängig, wie sehr die eigenen Familien sie unterstützen. Darunter leiden besonders Zuwanderer: Ihnen fehlt oft nicht nur Geld, um sich Nachhilfestunden zu leisten, sondern auch das kulturelle Kapital. Wenn die Eltern selbst nicht gut Deutsch können – wie sollen sie dann ihren Kindern helfen? Die Jugendlichen bringen folglich die Leistung nicht und brechen die Schulkarriere ab. Kurz: Unser Bildungssystem ist so aufgebaut, dass Migrantinnen und Migranten benachteiligt werden.

STANDARD: Das heißt: Das Problem entsteht, lange bevor die Ausbildungspflicht greifen kann.

Steiner: So ist es, deshalb wird die Verlängerung der Ausbildungszeit allein nicht so viel bringen, wenn sie nicht um Prävention ergänzt wird. Die Ausbildungspflicht versucht nachträglich zu reparieren, was viel früher verhindert werden müsste: dass so viele Jugendliche überhaupt aus dem Bildungssystem herausfallen. Eine mögliche Lösung wäre die Ganztagsschule, die Erfolg weniger vom sozialen Hintergrund abhängig macht.

STANDARD: Bringt die Ausbildungspflicht dann überhaupt etwas?

Steiner: Doch, denn was will man denn sonst machen? Man kann die Jugendlichen ja nicht sozusagen auf der Straße sitzen lassen. Das Innovative an der Ausbildungspflicht ist, dass sie viele verschiedene Ansätze bietet, statt nur eine simple Verlängerung der Schulpflicht – denn diese war ja offenbar nicht das passende Angebot.

STANDARD: Sollte die Pflicht – wie von SPÖ und Grünen befürwortet, von der ÖVP aber verhindert – auch für jugendliche Asylwerber gelten?

Steiner: Auf jeden Fall. Diese Jugendlichen brauchen eine berechenbare Chance auf Integration, der Großteil will ja etwas tun. Sie bewusst davon abzuhalten, sich zu engagieren, ist fahrlässig. Das ist ein Versäumnis, mit dem sich das Land keinen Gefallen tut.

STANDARD: Reagiert die Politik nicht viel zu spät auf das Problem?

Steiner: Bildungsabbrecher wurden lange nicht als relevantes Thema ernst genommen, zumal EU-Vergleiche für Österreich schmeichelhaft ausfallen. Doch wie sich nun herausgestellt hat, haben die dabei verwendeten Indikatoren nur die halbe Wahrheit abgebildet. Unsere nationalen, präziseren Daten zeigen: Das Problem ist größer, als wir immer gedacht haben. (Gerald John, 8.7.2016)

Mario Steiner, Doktor der Sozialwissenschaften, forscht mit Schwerpunkt Bildung und Arbeitsmarkt seit 1998 am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

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