Fernsehen ohne Fernsehempfang: Die Stunde des Live-Tickers

7. Juli 2016, 17:38
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Es begab sich, dass wir im Zug zwischen Graz und Wien unterwegs waren, als Portugal auf Wales traf

Outsourcing ist ein beliebtes Modell, das alle Bereiche der Gesellschaft infiltriert. Wer es sich leisten kann, lässt für sich putzen, kochen und manche sogar ihre Dissertation schreiben. Wir machen alles lieber selbst – auch fernsehen. Zum Beispiel ein Semifinale der EURO. Wer würde das nicht selbst erledigen wollen, anstatt irgendwo einen einsamen Redakteur in einem dunklen Großraumbüro mit abgestandenem Dosenbier als Stellvertreter zu engagieren.

Es begab sich aber, dass wir im Zug zwischen Graz und Wien unterwegs waren, als Portugal auf Wales traf. Trotz WLAN im Zug war die Verbindung für eine Übertragung von bewegten Bildern nur etwas für Geduldsengel. Während es sich also Freunde und Verwandte in Graz und Wien vor Fernsehern und Beamern in geselligen Runden oder auch allein gemütlich machten, ärgerte man sich irgendwo auf dem Semmering über die Tore, die vielleicht (nicht) fielen, während man selbst nur die schwarz-grünen Silhouetten von Tannenbäumen vorüberziehen sah.

Die Freunde meinten es gut. Sie schickten Spielstände und in der zweiten Spielhälfte sogar hin und wieder ein verwackeltes Foto von ihren Fernsehschirmen. Manchmal waren sie schneller als der Live-Ticker. Doch irgendwann wollten sie wieder in Ruhe weiterschauen.

Nur der Live-Ticker machte weiter. Verlässlich. Bis zum bitteren Ende. Die Abwesenheit von bewegten Bildern wurde ein bisschen gemildert, und wir bekamen eine Ahnung davon, warum die Disziplin des Tickerns von Abertausenden so geschätzt wird. Trotzdem: Sollte es wieder einmal zum Äußersten kommen, steigen wir nötigenfalls auf dem Semmering aus und gehen zum nächsten Dorfwirt mit Farbfernseher. (Colette M. Schmidt, 7.7.2016)

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