Der vielgeliebte, vielgeschmähte Ronaldo wünscht sich nun Freudentränen

7. Juli 2016, 16:00
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Portugal kam mit wenig Brillanz, aber mit einem brillanten Cristiano Ronaldo ins EM-Finale. Der so inbrünstig verhöhnte und gefeierte Starkicker will dort dann endgültig seine Karriere krönen

Lyon – Nein, ein Sympathieträger im engeren Sinn ist er wohl nicht, der Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro. Durch alle Internetforen der Welt – Sachverstandsagglomerationen dem jeweiligen Selbstverständnis nach – ist er schon gewatscht worden. Blasiert, arrogant, eigensinnig, eitel! Alles ist er schon geheißen und genamelt worden, gerade bei dieser Europameisterschaft, bei der sein Team Portugal sich sieg- und glanzlos aus der Österreichgruppe ins Halbfinale mehr oder weniger geschummelt habe. Und Ronaldo sei daneben hergelaufen, blass und blässer.

Jetzt, einen sehenswerten Kopfballtreffer und nicht minder sehenswerten Assist später, heißt es zum Beispiel in der heimatlichen O Jogo: "Ronaldo hat die Geschichte angehalten, als wäre er Michael Jordan." Die South Wales Evening Post widerspricht nicht: "Der EURO-Traum ist endgültig vorbei, zerschmettert von der portugiesischen Bedrohung, die Cristiano Ronaldo genannt wird."

Rekordjäger

Ganz so ist es natürlich nicht, dass im portugiesischen Team nur Ronaldo den Takt vorgibt. Aber ja, er setzt den Ton. Nani, der gesperrte Pepe – oder auch der demnächst in München geigende 18-jährige Renato Sanches horchen schon aufmerksam auf CR7, wie sie ihn wegen seiner Rückennummer ja auch nennen.

Und sie nennen ihn – aller Divenhaftigkeit zum Trotz – voller Respekt so. Drei Champions-League-Siege, vier Meistertitel, dreimal Cupsieger kommen nicht einfach so. Mit seinem Tor gegen Wales hat er mit neun Goals zum allzeitbesten EM-Torschützen, dem nunmehr abgehalfterten Uefa-Chef Michel Platini aufgeschlossen.

Nur der EM-Titel fehlt noch. Vor zwölf Jahren wäre es, daheim noch dazu, fast so weit gewesen. Da standen ihm aber die Griechen – die damals auch alles gewesen sein mögen, ballesterische Sympathieträger aber sicher nicht – im Weg. Luís Figo musste den 19-jährigen Springinsfeld trösten. Jetzt aber, so der portugiesische Spielführer: "Ich hoffe, ich weine am Sonntag Freudentränen."

"Ich habe immer davon geträumt, etwas mit Portugal zu gewinnen", sagt Ronaldo mit großer Inbrunst. Und er sagt, getragen von nicht ganz wenig Selbstbewusstsein: "Ich verdiene es, Portugal verdient es, die Fans verdienen es, jeder Portugiese verdient es." In der Reihenfolge.

Ronaldos Klubkollege von Real, Gareth Bale, der vom gelbgesperrten Allen Ramsey alleingelassene Spielführer der Waliser, zieht den Hut. Aber nur kurz. Denn der EM-Debütant, der Kraft auch daraus schöpfte, das letzte auf dem Kontinent verbliebene britische Team gewesen zu sein, hat noch etwas vor, droht Gareth Bale. "Das war noch lange nicht alles. Unser Hunger ist größer als je zuvor." Da gäbe es schon ab Herbst einige, die mit Haut und Haaren zu verspeisen wären: Serbien, Irland, Moldau und dieses Österreich, gegen das der lusitanische Finalist über ein 0:0 nicht hinweggekommen ist. Und man erinnert sich: Da war ein Elfmeter von Ronaldo dabei.

Große Gelassenheit

Nicht nur deshalb stand dieser Ronaldo in weitläufiger Kritik und Häme. Das mit großer Gelassenheit nicht nur durchzuhalten, sondern langmütig die aufdringlichsten Selfie-Begehren zu erfüllen wie vorm Spiel gegen Wales, das zeugt von Nervenstärke. Und dann zu CR7 gefunden zu haben, das ist Qualität. "Es ist", sagt er, "immer besser, schwach zu starten und mit einem Knall aufzuhören. Vielleicht hat das Turnier nicht so gut begonnen, wie wir es wollten. Aber das ist kein 100-Meter-Rennen, sondern ein Marathon. Jetzt ist es nur noch ein Schritt."

Gratulationen fürs Erreichte lehnt auch sein Trainer Fernando Santos ab. "Jemand hat einmal zu mir gesagt: Es geht nicht darum, ein Finale zu spielen – sondern es zu gewinnen." Und, so sagt er mit seitlichem Augenzwinkern, "es geht dabei nicht um einen Schönheitspreis." (sid, wei, 7.7.2016)

Pressestimmen

Expresso, Portugal: Das ist der moderne Fußball. Wir müssen ihn akzeptieren, auch wenn er manchmal in der Seele wehtut – und in den Augen. Es gibt aber auch Götter, die uns daran erinnern, dass Fußball mit dem Herzen gespielt wird. Wie Kapitän Cristiano Ronaldo.

A Bola, Portugal: Ein historischer Auftritt. Ronaldo schreibt Geschichte."

South Wales Argus: Dreieinhalb Minuten haben gereicht. Es ist hart, dass das Märchen auf diese Weise endet.

Southwest Evening Post, Wales: Es gibt einen uralten Spruch, dem zufolge sich niemand an geschlagene Halbfinalisten erinnert. Nicht in diesem Fall. Keine Chance. Für die Jungs hat die Reise erst begonnen. Es wird noch viele solcher Momente geben.

L'Équipe: Ronaldo war beim Rendezvous. Wales hat während der EM wunderbare Spuren hinterlassen.

Ouest France: Portugal hat das Finale, Wales die Ehre. Ohne außergewöhnlich zu sein, haben die Kollegen von Ronaldo ein zu zögerliches Wales um Bale bezwungen.

Gazzetta dello Sport: Portugal wird von einem Ronaldo ins Finale gezerrt, der in der ersten Spielhälfte schläft und später überragt. Gazzetta dello Sport

Marca: Man sagt, der Mensch könne nicht fliegen, aber Ronaldo setzt die physikalischen Gesetze außer Kraft. Ronaldo, das Biest, war nicht zu kontrollieren.

El País: Cristiano hat die Champions League im Rucksack, und am Sonntag könnte er in Paris wieder gekrönt werden.

  • Ronaldo jubiliert: Mit einem wuchtigen Kopfball erzielte er sein drittes Turnier- und neuntes EM-Tor. Man nennt ihn ...
    foto: afp/romain lafabregue

    Ronaldo jubiliert: Mit einem wuchtigen Kopfball erzielte er sein drittes Turnier- und neuntes EM-Tor. Man nennt ihn ...

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