The Avalanches: Bastel-Pop mit Klappcomputer

8. Juli 2016, 06:04
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Die australischen Sampling-Nerds haben auf der Müllhalde der Popgeschichte nach 16 Jahren Pause wieder genügend Material gefunden, um damit die Zeit auszuhebeln

Wien – Die Frage, was Zeit ist und warum wir in ihr gefangen sind – und ob sie wirklich ein oder kein Kontinuum ist, kann auch heute wieder nicht geklärt werden. Als sicher gilt aber, dass 16 Jahre ganz schön viel Zeit sind. Vor allem, wenn man sie sich lässt. Natürlich ist das alles angesichts des Raumschiffs Erde (Staubkorn im Universum) und der Geschichte der Menschheit (Wimpernschlag Gottes) völlig unerheblich. Ob jemand in dieser Zeit also etwas macht oder nicht macht, solange er keinen Blödsinn macht, muss uns nicht weiter kümmern. Im Wesentlichen ist es so, dass man Leute zufällig auf der Straße trifft, die man ewig nicht gesehen und fast vergessen hat, und sich dann denkt: Maria, der ist aber auch alt geworden.

foto: xl recordings
Nach 16-jähriger Pause haben die Avalanches wieder ihre Sampler eingeschaltet und damit komplett irren, aber gut hörbaren Beach-Boys-Operetten-Registrierkassen-Kinderspielzeugkrach-Pop gebastelt.

Deshalb muss man angesichts des neuen Albums des australischen Trios The Avalanches auch nicht sonderlich erstaunt sein, dass es sie wieder gibt. Sie sind halt wieder da. Sie haben halt ein bisschen länger gebraucht, um nach ihrem Debüt Since I Left You von 2000 jetzt Wildflower zu veröffentlichen.

The Avalanches produzierten damals zu einer Zeit, in der es noch nicht möglich war, abertausende Sounddateien abzurufen und damit im schnurlosen Taschentelefon Nummer-eins-Hits für Ö3 zu produzieren, eine Musik, die schon damals völlig aus der Zeit fiel. Sie hebelte sämtliche lineare Geschichtlichkeit aus, indem sie Vergangenheit, Gegenwart, Vorfreude und Nachdurst gleichzeitig zum Synchrontanz bat. Basierend auf einem Leben, in dem das stunden- und tagelange Herumwühlen in Secondhand-Schallplatten-Geschäften die Hauptbeschäftigung ausmachte, entstanden so fröhlich dem kompletten Unsinn verpflichtete Popsong-Collagen, die zum Beispiel den wehmütigen Schmelz der Beach Boys mit der Discophase der Bee Gees kombinierten, um darunter fette Hiphop-Beats zu legen. Die wurden mit Geräuschen britischer Dampfloks des frühen 20. Jahrhunderts kombiniert, um schließlich von christlichen Chören aus Süditalien nach Peru zu den Panflöten geführt zu werden, die von einer Trompete aus dem Frühbarock begleitet wurden.

Dieser komplette Irrsinn hörte sich nicht nur verdammt gut an. Er fußte auch auf seriös geschätzten 3500 Sound-Samples. Weltrekord. Auf dem neuen Album Wildflower wird dieser super-nerdige Eklektizismus beibehalten.

theavalanchesvevo

Die aktuelle Single Frankie Sinatra lässt den ersten Popstar der Geschichte über einer balkanesischen Polka Calypso tanzen, und sie tut überhaupt so, als wären die alten Rock-meets-Dancefloor-Zeiten des Big Beat der Jahrtausendwende mit Acts wie den Chemical Brothers, The Prodigy oder Fatboy Slim noch immer topaktuell – was hiermit zu beweisen war.

Hiphop und Nasenflöte

Ob Robbie Chater, Darren Seltmann und Tony di Blasi noch immer in muffigen Plattenläden nach Perlen aus dem Genre der tibetanischen Nasenflöten, den schönsten Registrierkassen-Klängen der Sowjetunion oder einem Königreich der Operette Ausschau halten, ist nicht gesichert. Man hat ja heute im Laptop eh das ganze Staubkorn im Universum parat. Über eine Stunde lang wird auf Wildflower allerdings eine ökonomische, sicher nicht stilistische Verschlankung betrieben, die sich im Wesentlichen auf nur drei bis fünf statt 350 Samples pro "Song" verlässt.

Mit Gastsängern wie Jonathan Donahue von Mercury Rev, Toro y Moi, Father John Misty oder Jennifer Herrema von Royal Trux (sowie dem offiziellen Sampling-Segen von Sir Paul McCartney!) brettert man in Stücken wie The Wozard of Iz Richtung beckenfreundlicher Funk. Lustige Pilze und Sixties-Psychedelia werden auch aufgetischt. Kinderspielzeug-Hiphop sorgt für dicke Hose.

Kindisch sein und bleiben ist übrigens eine Technik, mit der man die Zeit gut aushebeln kann. Sie gibt sich dann geschlagen. Halt, Blödsinn. Schmäh. (Christian Schachinger, 8.7.2016)

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