Nachgefragt: Wie lebt es sich als digitaler Nomade?

15. Juli 2016, 05:30
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Strand, Sommer, Sonne, exotische Länder. Ist das Leben als digitaler Nomade wirklich so spektakulär? Vier, die diese Arbeitsform wählten, erzählen

Sie lassen ihr Leben hinter sich, um ihre Laptops an Stränden, in Hostels und Co.-Working-Spaces in Südamerika und Südostasien aufzuklappen: Die digitalen Nomaden. Wo es ihnen gefällt, da bleiben sie. Manche wählen auch das Homeoffice. Das Leben, da sind sich die Online-Arbeiter jedenfalls einig, ist zu kurz, um es im Büro zu verbringen. Aber wie gestaltet sich das Arbeiten als digitaler Nomade wirklich? Stimmt das Klischee "Sonne, Strand und Hängematte"? Und funktioniert die Arbeitsweise auch mit Kindern? Der KarrierenSTANDARD hat vier digitale Nomaden nach ihrer Geschichte gefragt.

foto: officeflucht
"Das Leben als digitaler Nomade ist kein Leben in der Hängematte", sagt Blogger Bastian Barami.

STANDARD: Wie sind Sie zum digitalen Nomaden geworden?

Barami: Der Grund war große Unzufriedenheit. Ich bin selber nur gelernter Hotelfachmann, habe zwei Mal die Uni geschmissen und sonst nur Gelegenheitsjobs gemacht. Daher bin ich definitiv nicht besser dafür ausgebildet oder geeignet als die meisten anderen, die einen Computer bedienen können. Aber das Schöne an der Digitalisierung ist ja auch, dass wir alles lernen können. All das Wissen, das wir brauchen, um die Dinge zu lernen, die wir möchten, finden wir ohne Probleme im Internet. Was es aber braucht, ist nun mal Eigeninitiative. Mein Blog Officeflucht ging vor einem Jahr online. In der kurzen Zeit hat sich alles um 180 Grad gedreht.

STANDARD: Inwiefern?

Barami: Ich kann meinen Tag völlig autonom gestalten, sowohl zeitlich als auch örtlich. Ich war vor einem Jahr viel unsicherer. Jetzt bin ich in der Position, in der andere etwas von MIR lernen wollen und toll finden, was ich mache. Ich verdiene wesentlich besser, als wenn ich das Studium an der Uni zu Ende gemacht hätte. Ich kann zwar Zahlen nennen aber möchte nicht, dass diese im Artikel landen. Also wirklich, alles ist vollkommen anders als noch vor einem Jahr.

STANDARD: Stimmt das Klischee "Sonne, Strand, Hängematte"?

Barami: Zu oft wird der digitale Nomade mit dem Backpacker gleichgestellt. Das Reisen steht bei ihm aber gar nicht im Vordergrund, zumindest zieht man nicht wie bei einer klassischen Backpacker-Reise rastlos von Ort zu Ort. Und manche digitalen Nomaden reisen ja auch gar nicht. Insofern bietet das Leben als digitaler Nomade eine "Chance“, sein Leben und seinen Job selbst in die Hand zu nehmen. Aber es bedeutet nicht ein Leben in der Hängematte.

living101
Auf seinem YouTube-Channel spricht Life Coach Chris Gsellmann über sein Leben als Digitalnomade.

STANDARD: Wie ist Ihre Geschichte?

Gsellmann: Ich war immer schon ein Sunshine-Typ und wollte etwas daraus machen. Ich habe zuerst in Fittnesscentern gearbeitet und dort tolle Erfahrungen sammeln dürfen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass da noch mehr ist. Also habe ich Bücher gelesen, mich selbst kennengelernt. Das war ein tolles Gefühl. Ich wollte auch anderen die Möglichkeit geben, das zu erfahren. Also habe ich meinen ersten Blog gelauncht, in dem ich über meine Erfahrungen in der Persönlichkeitsentwicklung schreibe. Später habe ich ein Seminar gestartet namens "You matter – Du bist wertvoll." mit bereits 20 Teilnehmern. Durch die folgenden Seminare konnte ich bereits ein wenig verdienen: etwa 30 bis 50 Euro pro Ticket.

In den persönlichen Coachings helfe ich Menschen, ihr Leben zu verbessern und mit Problemen konstruktiv umzugehen. Im Oktober 2015 bin ich mit meiner Freundin für fünf Monate in die Dominikanische Republik geflogen, und mache seither die Coachings auch über Skype.

STANDARD: Wie viel verdienen Sie damit?

Gsellmann: Ich konnte seit meinem Start einiges verdienen und hatte somit ein tolles zusätzliches Taschengeld. Es beläuft sich auf weniger als ich in einem Vollzeitjob bekäme, reicht aber allemal. Die Einnahmen seit dem Start der Selbstständigkeit haben jedoch alle Erwartungen übertroffen, da ich niemals dachte, dass es so schnell gehen kann, etwas dazuzuverdienen.

STANDARD: Was sind weitere Herausforderungen? Ist es schwer, online an neue Kunden zu kommen?

Gsellmann: Man muss sich selbst gut präsentieren können und digitale Tools nutzen. Für Online-Unternehmer ist Durchhaltevermögen wichtig. Auch Selbstdisziplin, eine Vision und Motivation. Wenn man es nicht aus wirklichen Antrieb macht, sondern nur weil es "cool" oder ein Trend ist, wird es langfristig nicht funktionieren und auch nicht glücklich machen. Was die organisatorischen Dinge angeht: Post ist beim ortsabhängigen Arbeiten kein Problem. Man kann sich längst per Mail verständigen. Was will einem jemand schicken, das er nicht auch fotografieren kann?

STANDARD: Und was ist mit Freunden?

Gsellmann: Ich finde es total schön, auch mal weg von allem Gewohnten zu sein, das Leben von außen zu betrachten. Wenn man keine Freunde in direkter Umgebung hat, kann man auch über sich hinaus wachsen. Es gelingt besser, seine Perspektiven und Werte zu reflektieren. Ich sehe es also als eine Möglichkeit zu wachsen. Aber natürlich gibt es Tage, an denen man Menschen vermisst. Umso schöner ist es, dann wieder zurückzukommen und alte Freunde in den Arm zu nehmen. Ich durfte dadurch viel über Wertschätzung lernen.

foto: ho
Marcus Meurer und Felicia Hargarten auf Bali. Momentan weilen sie in Griechenland.

STANDARD: Was sind die Vorteile des digitalen Nomadentums?

Meurer: Das schönste ist für mich die ultimative Freiheit. Man sieht die Welt, man lernt andere Sitten kennen.

STANDARD: Und die Nachteile?

Meurer: Der größte Vorteil ist gleichzeitig auch der größte Nachteil. Örtlich und zeitlich selbstbestimmt zu sein, kann auch überfordern. Studien zeigen: Jemand, der zwischen drei Marmeladen wählen kann, ist glücklicher als derjenige, der nur eine zur Auswahl hat. Hast du aber sechs wirst du unglücklicher. Das Gefühl, eventuell die falsche Entscheidung zu treffen, belastet.

STANDARD: Braucht es bestimmte persönliche Eigenschaften?

Hargarten: Es hilft sehr, wenn du Optimist bist, begeisterungsfähig, Durchhaltevermögen besitzt und gut im Netzwerken bist. Wenn du öfter deinen Lebensmittelpunkt auf verschiedene Kontinente verlegst, musst du offen und anpassungsfähig sein. Wichtig ist auch Lernbereitschaft. Nirgendwo sind die Dinge und Tools schneller veraltet als Online. Da gilt es, dran zu bleiben.

STANDARD: Gibt es Berufe, die sich besonders für diese Arbeitsform eignen?

Meurer: Marketing Manager, Social Media Manager, Produktmanager, Entwickler, Consultant, Coach – eigentlich alles was mit Betriebswirtschaft und Online Marketing zu tun hat. Es lohnt sich nicht nur zu schauen: Was kann ich gut? Sondern auch: Was mache ich gerne? Wenn du das verbindest und es dann noch eine Nachfrage gibt, kann das schon die Grundlage für eine Businessidee sein.

STANDARD: Geht digitales Nomadentum auch mit Kindern?

Hargarten: Ja. Es gibt digitale Nomaden mit Kindern. In der Regel sind diese viel langsamer unterwegs und verlegen immer mal wieder ihre "Homebase". Das spielt aber keine Rolle. Denn beim digitalen Nomadentum spielt es keine Rolle, viel zu reisen. Sondern nur die Möglichkeit zu haben, die Wahl. Ein Problem ist aber zum Beispiel die Schulpflicht. In der Szene ist "Homeschooling" oder sogar "Unschooling" populär. (lib, 15.7.2016)

Bastian Barami ist zweifacher Uni-Abbrecher, digitaler Nomade und leidenschaftlicher Reisender. Auf seinem Blog Officeflucht schreibt er über Themen wie Housesitting, E-Commerce oder gemeinnütziges Gründen.

Michael Meurer und Felicia Hargarten sind Online-Unternehmer und seit 2012 digitale Nomaden. Sie veranstalten jährlich die DNX – Digitale Nomaden Konferenz in Berlin.

Chris Gsellmann ist Autor und Coach für Persönlichkeitsentwicklung in Wien – und im Netz. In Kürze launcht er eine Online-Akademie.

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