Ronaldo legt sich die zweite Titelchance auf

6. Juli 2016, 23:10
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Portugal steht zum zweiten Mal nach 2004 im Finale der Europameisterschaft. Cristiano Ronaldo entscheidet das Duell mit Klubkollege Gareth Bale für sich und schickt die tapferen Waliser mit einem Rekordtreffer und einem Assist nach Hause

Lyon – Vor zwölf Jahren war bei der Heim-EM alles angerichtet gewesen für die sogenannte Goldene Generation Portugals – aber der erste Titel blieb nach zwei Niederlagen gegen Außenseiter Griechenland, im Eröffnungsspiel (1:2) und im Finale (0:1), ein vielbeweinter Traum.

In Frankreich ist von den Goldenen nur noch Cristiano Ronaldo übrig, der seinerzeit als 18-Jähriger gegen die Griechen sein erstes EM-Tor erzielt hatte. Und in Frankreich gab sich Portugal bis zur 50. Minute des gestrigen Halbfinales gegen Wales ziemlich griechisch. Nach dem ersten innert 90 Minuten errungenen Sieg steht die Seleção das Quinas jedoch zum zweiten Mal in einem EM-Endspiel – dank Ronaldo, dem Goldenen, dem Rekordler.

Vor der Pause hatte Gareth Bale seinen Klubkollegen noch in den Schatten gestellt. Die mutigeren Waliser erarbeiteten sich schnell ein leichtes Übergewicht, auch weil sich die Abwehr der Lusitanier neu zu sortieren hatte. 75 Minuten vor Anpfiff im Stade de Lyon war nämlich Abwehrchef Pepe mit muskulären Problemen ausgefallen, für ihn kam Bruno Alves erstmals bei der EURO zum Einsatz, ebenfalls ein Routinier.

Auf der Gegenseite fehlte Ben Davis in der walisischen Abwehr, also kümmerte sich James Collins um Ronaldo. Der grimmige Rotbart von West Ham umarmte den Superstar nach zehn Minuten herzhaft und verhinderte damit dessen Kopfballversuch. Ronaldo, der sich vor Anpfiff Umarmungen zweier Fans noch lächelnd gefallen hatte lassen, reklamierte nach der elferreifen Szene erbost, aber vergeblich beim schwedischen Schiedsrichter Jonas Eriksson.

Bale, durch die Gelbsperre von Aaron Ramsey eines wichtigen Balllieferanten beraubt, ließ sich regelmäßig bis auf Höhe der Mittellinie zurückfallen, um Joe Allen beim Spielaufbau zu unterstützen. Portugal verteidigte erneut sehr tief, machte die Mitte dicht und ließ Wales kommen. Das führte auch zu zwei guten Gelegenheiten für Bale (19., 23.), der zudem weite Wege ging, um seiner Defensive zu helfen.

Rekord, Rekord

Die zweite Hälfte begann mit der Ahnung, dass nur ein Geniestreich – von Ronaldo oder eben Bale – einen überlangen Fußballabend verhindern können würde. Nach 50 Minuten holte sich der Portugiese den Lorbeer. Nach kurz abgespieltem Eckball brachte Raphael Guerreiro von Dortmund den Ball zur Mitte, wo Ronaldo James Chester und Collins um ein Hochhaus übersprang und per Kopf mit seinem insgesamt neunten Treffer, dem dritten im aktuellen Turnier, Rekord-EM-Torschütze Michel Platini einholte. Übrigens in seinem 20. EM-Spiel – diesen Rekord hält der 31-Jährige alleine. Und nur drei Minuten später war es um die walisischen Resthoffnungen auch schon geschehen. Ronaldo versuchte sich mit einem Schuss von der Strafraumgrenze, der Ball fand den Fuß von Nani, Goalie Wayne Henessey flog in die falsche Ecke – 2:0.

Wales steckte natürlich nicht auf, hatte aber bei weitem nicht das Vermögen der Isländer, die bei ihrem Abschied im Viertelfinale gegen Frankreich immerhin noch getroffen hatten. Nach 66 Minuten hätte Adrien Silva die Führung ausbauen müssen, er zielte aber nach dem von Henessey zu kurz abgewehrten Schuss von Nani vorbei. Danach ließ Portugal nur noch die Zeit arbeiten.

Der walisische Anhang feierte seine Truppe bis zum Abpfiff unverdrossen, danach tauschten Ronaldo und Bale noch Artigkeiten aus. Die Siege gegen Russland, Nordirland und Belgien waren weit mehr, als man von den Roten Drachen erwarten hatte dürfen. Das nächste Ziel der Mannschaft von Trainer Chris Coleman ist die WM 2018 in Russland. Auf dem Weg dorthin wartet in der Qualifikation Österreich. (lü, 6.7. 2016)

Fußball-EM 2016, Halbfinale:

Portugal – Wales 2:0 (0:0). Stade de Lyon, 55.679 Zuschauer, SR Eriksson/SWE

Tore: 1:0 (50.) Ronaldo, 2:0 (53.) Nani

Portugal: Rui Patricio – Cedric, Bruno Alves, Fonte, Raphael Guerreiro – Renato Sanches (74. Andre Gomes), Danilo, Adrien Silva (79. Moutinho), Joao Mario – Nani (86. Quaresma), Ronaldo

Wales: Hennessey – Gunter, Collins (66. J. Williams), A. Williams, Chester, Taylor – Allen, Ledley (58. Vokes), King – Robson-Kanu (63. Church), Bale

Gelbe Karten: B. Alves, Ronaldo bzw. Allen, Chester, Bale

Stimmen

Cristiano Ronaldo (Torschütze Portugal): "Wir haben einen langen, harten Weg hinter uns. Aber wir haben immer an uns geglaubt. Es ist besser, schwach anzufangen und dann stark aufzuhören. Aber noch haben wir nichts gewonnen. Es ist ein Traum für Portugal, es ist ein Traum für mich, ich will für Portugal gewinnen. Wir sind knapp dran, ich denke, dass wir es schaffen können. Ich hoffe, wir gehen am Sonntag lachend vom Platz und müssen nicht weinen wie vor zwölf Jahren."

Nani (Torschütze Portugal): "Wir sind ein unglaubliches Team, haben hart gearbeitet. Aber wir haben noch das Finale vor uns. Für das Finale kann man sich den Gegner nicht aussuchen. Wir müssen an uns glauben und unser Bestes geben."

Cédric (Verteidiger Portugal): "Wir sind sehr glücklich. Es ist fantastisch. Alle Spieler haben zusammengehalten. Wir haben zu Beginn abwartend gespielt und auf Konter gelauert. Im Finale kann nun alles passieren. Ich hoffe, wir gewinnen."

José Fonte (Verteidiger Portugal): "Wales hat eine super Mannschaft. Sie haben es uns schwer gemacht. Unser Plan war es, die erste Hälfte gut herumzubekommen und irgendwann zuzuschlagen. Das hat in der zweiten Hälfte sehr gut geklappt. Wir sind hinten sehr gut gestanden und haben kaum etwas zugelassen. Uns wird nachgesagt, dass wir nicht attraktiven Fußball spielen können, aber wir haben uns sehr gut durchgesetzt. Frankreich und Deutschland sind tolle Mannschaften. Das wird hart, egal wen wir bekommen."

  • Ronaldo köpfelt mit seinem insgesamt neunten Endrunden-Goal das portugiesische Führungstor. Luftstand: 2,53 Meter.
    foto: reuters/recine

    Ronaldo köpfelt mit seinem insgesamt neunten Endrunden-Goal das portugiesische Führungstor. Luftstand: 2,53 Meter.

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