Frankreich gegen Deutschland: Viel mehr als ein Fußballspiel

7. Juli 2016, 12:24
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Donnerstag, 21 Uhr, Halbfinale in Marseille: Nach dem Brexit geht es für die verbleibenden EU-Größen Deutschland und Frankreich nicht nur um die Vorherrschaft auf dem grünen Feld.

Der Vorfall liegt 34 Jahre zurück, doch den Franzosen ist er in bester Erinnerung. Es war der 8. Juli 1982, im WM-Halbfinale in Sevilla spielte Frankreich gegen Deutschland. Die "Platini-Boys" waren in bester Spiellaune, und Henri Battiston zog mit dem Ball gerade Richtung deutsches Tor, als ihn der Torwart Harald Schumacher in einem fürchterlichen Zusammenprall stoppte. Der Franzose wurde mit einer Gehirnerschütterung, einem angebrochenen Halswirbel und zwei ausgeschlagenen Zähnen vom Feld getragen, während der Deutsche unbeteiligt mit dem Ball spielte. Die geschockten Franzosen gingen noch in Führung, verloren aber die Partie schließlich im Elfmeterschießen.

Die Sieger hatten allerdings auch den Ruf der "hässlichen Deutschen" zurückgewonnen. Und die verbitterten Verlierer hatten eine Rechnung offen. Seit 1958 haben sie die Deutschen in einer Welt- oder Europameisterschaft nie mehr besiegt. Jetzt ist der Moment. Am Donnerstagabend in Marseille haben die "Bleus" Heimvorteil, und im Turnierverlauf spielten sie immer stärker auf. Vor EM-Beginn litten sie unter Starallüren, Rassismusvorwürfen und mangelndem Teamgeist – Ausdruck auch der schweren Krise, die Frankreich seit Monaten mit Terroranschlägen und Sozialprotesten durchmacht. Seit dem letzten, souveränen Sieg gegen Island keimt die Hoffnung. Auch Präsident François Hollande, bei jeder Partie seiner Nationalelf dabei, setzt inbrünstig auf einen Turniererfolg, der ihm die Wiederwahl im kommenden Jahr erleichtern soll.

Dabei sind in Paris für einmal keine chauvinistischen Töne oder gar antideutschen Ressentiments zu vernehmen. Außerdem ist man sich in der "deutsch-französischen Freundschaft" verbunden; erst vor kurzem haben die beiden Weltkriegsrivalen auf dem Schlachtfeld von Verdun zusammen das "Nie wieder" zelebriert. Und schließlich verlangt "la Mannschaft", wie sich die Pariser Medien gerne ausdrücken, in Frankreich einfach Respekt ab.

Das Sagen

Aber niemand würde verhehlen: Frankreich will die Revanche, will endlich einen Sieg gegen den übermächtigen Angstgegner. Und das nicht nur wegen "Sevilla", nicht nur wegen des Fußballs. Seit Monaten, wenn nicht Jahren – also keineswegs erst seit dem Brexit – geht es auch darum, wer in Europa das Sagen hat. Die Franzosen, die laut General de Gaulle "nur im ersten Rang sie selbst" sind, haben das ungute Gefühl, in der EU nur noch Nummer zwei zu sein.

"Hollande macht Vorschläge, aber sie beschließt", brachte es das Pariser Newsportal Atlantico diese Woche auf den Punkt. "Sie", das ist natürlich Angela Merkel, "die Pastorentochter, die nach den wirtschaftlichen auch moralische Lektionen erteilt", wie die Zeitung Libération schon in der Flüchtlingskrise geschrieben hatte. Jetzt, da die Briten der EU den Rücken kehren, wünscht die Regierung in Paris eine ehrgeizigere Wirtschafts- und Investitionspolitik vonseiten der EU. Das heißt weniger deutsche Sparpolitik. "Wenn die Antwort auf den Brexit ein noch deutscheres Europa ist, dann fahren wir gegen die Wand", klagt der konservative Oppositionspolitiker und Sarkozy-Vertraute Henri Guaino.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung räumt ein, dass Berlin und Paris bei den zentralen EU-Themen Griechenland, Flüchtlinge oder Post-Brexit nicht am gleichen Strang ziehen: "Ohne Großbritannien gewinnt das deutsch-französische Tandem in der EU an Gewicht – und damit auch sein eingebauter Konfliktstoff." Die Kritik am linksrheinischen Nachbarn ist aber in Deutschland wie gewohnt weniger offen. Die Süddeutsche Zeitung ortet zwar "Minderwertigkeitskomplexe" bei der einstigen Grande Nation, zieht aber den Hut vor dem "schönen Spiel" der Franzosen und meint zum anstehenden EM-Halbfinale sogar in seltener Großzügigkeit: "Der Triumph wäre den Nachbarn zu gönnen."

Fehlt nur noch, dass Schweinsteiger seinen Elfmeter diesmal absichtlich verschießt. Aber so weit geht die deutsch-französische Freundschaft dann doch nicht. (Stefan Brändle aus Paris, 7.7.2016)

  • Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sind bei allen Gegensätzen manchmal auch sehr zärtlich.
    foto: reuters / regis duvignau

    Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sind bei allen Gegensätzen manchmal auch sehr zärtlich.

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