Geschwächte Deutsche vs. gutgelaunte Franzosen

6. Juli 2016, 23:13
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Nach Italien muss Weltmeister Deutschland nun im Halbfinale gegen die Gastgeber in sein zweites gefühltes Endspiel. Und das mit ziemlichen Vorgaben. Gegen die in Spiellaune geratenen Gastgeber fehlen "la Mannschaft " einige echte Stützen

Marseille – Joachim Löw muss die Seinen im Halbfinale zu Marseille (Donnerstag, 21 Uhr, Liveticker auf derStandard.at) in ihr zweites Endspiel schicken. Wie er das tun wird, ist zurzeit hitziges Tagesgespräch zwischen Waterkant und Alpenostrand (weil der sich ja auch noch peripher interessiert für so was). Der legendäre Riecher des deutschen Bundestrainers allein wird diesmal nämlich zu wenig sein. Zu viel gab es zuvor schon auf die Nase: Mario Gómez und Sami Khedira verletzt, Mats Hummels gelbgesperrt.

Der Halbfinalgegner ist der aufgezuckerte Gastgeber, der sich durch eine zähe Gruppenphase zu einer zuletzt sehr sehenswerten Performance hat hinreißen lassen: Antoine Griezmann, Olivier Giroud, Dimitri Payet machen Dampf, Paul Pogba versorgt die Sturmtruppe mit entsprechender Munition, die er zuletzt auch selber hat explodieren lassen können.

Isländer, Italiener

Bei allem Respekt vor den Isländern: Das waren halt dennoch nur Isländer, die sich so wacker den Franzosen entgegengeworfen haben. Die deutsche Furcht – ist "german angst" nicht ein englischer Topos? – wird also eher bezähmbar sein. Löw überlege – überlegt die Presse zwischen München und St. Pauli, was Löw überlegen könnte – eventuell wiederum eine Dreierabwehr, die gegen Italien immerhin ein stolzes Remis ins Elferschießen gebracht hat. Da wäre wohl auch ein Einsatz von Shkodran Mustafi denkbar. Denkbar aber auch etwas anderes (Viererkette mit Benedikt Höwedes). Löw ließ allerdings mitteilen: "Ich denke noch nach".

Über die Zentrumszentriertheit des französischen Spiels, die nicht bloß das Mittelfeld forciert, sondern auch vorn alles zuspitzt. Freilich denkt nicht nur Löw nach, sondern auch Didier Deschamps, weshalb der Gastgeber auch wieder aufs erprobte 4-3-3 zugreifen könnte, das dem Feld mehr Breite verschaffen könnte.Nicht unwahrscheinlich – wird Löw sich da denken -, dass da auch die Tiefe ein Thema sein kann. Die Franzosen sind schnell, beherrschen jenen langen Ball, den die Deutschen auf Deutsch "packing" nennen und alle anderen "kick and rush". Da gilt es ein bisserl Gegenpacking einzukalkulieren. Thomas Müller, der trotz seiner bislang eher traurigen Gestalt immer noch ein lustiger Kampl ist, wäre wohl auch geeignet, mit Übersicht den von TV-Analytikern gerne "Rückraum" genannten Rückraum zu bedienen.

Nun mal Deutschland

Das alles und noch viel mehr fasste Didier Deschamps so zusammen. "Deutschland ist nun mal Deutschland." La mannschaft sei die beste Mannschaft in Europa – und der Welt. Spielplanmäßig ließe sich die Angelegenheit so denken: "Je mehr wir sie zum Verteidigen zwingen, umso besser." Weil insgesamt, so lehrt der Fußball nicht nur die Franzosen: "Alles ist möglich."Das ist auch deutsches Dafürhalten. Dortmunds Julian Weigl dürfte diesbezüglich in die Fußstapfen des Sami Khedira treten, ins Auge gefasst war auch der Liverpooler Emre Can.

Allerdings hat sich das Hoffen auf Bastian Schweinsteiger gelohnt, der 31-Jährige wurde doch noch fit. "Er wird definitiv beginnen. Er hat die Physis und die Kraft, von Anfang an zu spielen. In so einem Hexenkessel ist seine Erfahrung enorm wichtig", sagte Löw. Auch Mario Götze ist fit. Er wird die eher durchwachsene Innenverteidigung der Franzosen anbohren."Unabhängig von unserer personellen Situation", erläuterte Joachim Löw im täglichen Pressebriefing, "wir wissen, was wir zu tun haben." Beziehungsweise, ganz unmissverständlich: Wir schaffen das. (sid, wei, 6.7. 2016)

Mögliche Aufstellungen zum Fußball-EM-Halbfinalspiel Deutschland – Frankreich am Donnerstagabend in Marseille:

Deutschland – Frankreich (Donnerstag, 21.00 Uhr/live ORF eins, Marseille, Stade Velodrome, SR Nicola Rizzoli/ITA)

Deutschland: 1 Neuer – 21 Kimmich, 17 Boateng, 4 Höwedes, 3 Hector – 14 Can, 18 Kroos – 13 Müller, 8 Özil, 11 Draxler – 19 Götze

Ersatz: 12 Leno, 22 Ter Stegen – 2 Mustafi, 16 Tah – 7 Schweinsteiger, 9 Schürrle, 15 Weigl, 20 Sane – 10 Podolski

Es fehlen: 5 Hummels (gesperrt), 6 Khedira (Adduktorenprobleme), 23 Gomez (Muskelfasserriss im Oberschenkel)

Fraglich: 7 Schweinsteiger (angeschlagen)

Frankreich: 1 Lloris – 19 Sagna, 4 Rami, 21 Koscielny, 3 Evra – 14 Matuidi, 5 Kante, 15 Pogba – 7 Griezmann, 9 Giroud, 8 Payet

Ersatz: 16 Mandanda, 23 Costil – 2 Jallet, 13 Mangala, 17 Digne, 22 Umtiti – 6 Cabaye, 12 Schneiderlin, 18 Sissoko – 10 Gignac, 11 Martial, 20 Coman

Es fehlt: Keiner

  • Die gute Laune von Olivier Giroud (links) und Antoine Griezmann bringt Joachim Löw ins Grübeln.
    foto: imago sportfotodienst/baumann

    Die gute Laune von Olivier Giroud (links) und Antoine Griezmann bringt Joachim Löw ins Grübeln.

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