Experte: Krankenkassen sollen Gestalter statt Verwalter sein

7. Juli 2016, 08:03
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Gesundheitsökonomen fordern breiten Auftrag für Studie zur Effizienz der Sozialversicherungsträger

Wien – Bis Anfang 2017 soll auf dem Tisch liegen, wo bei den Sozialversicherungsträgern Potenzial zur Effizienzsteigerung schlummert. Dann soll das Ergebnis einer Studie vorliegen, die Sozialminister Alois Stöger (SPÖ) nun in Auftrag geben soll, wie die Regierung diese Woche beschlossen hat. Ulrike Rabmer-Koller, Chefin des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger – dem organisatorischen Dach über Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung -, begrüßte das Vorhaben.

Wer mit der Studie betraut wird, ist noch unklar. Maria M. Hofmarcher-Holzhacker, Ökonomin und Expertin für Gesundheitssysteme, spricht sich im STANDARD-Gespräch für ein Konsortium aus Instituten und Einzelpersonen aus, Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) für das Einbeziehen eines "internationalen Partners".

Relativ geringe Verwaltungsausgaben

Czypionka warnt davor, zu große Hoffnungen in das Einsparungspotenzial unmittelbar bei der Verwaltung zu setzen. Das IHS nahm 2010 eine Bestandsaufnahme der Verwaltung im Gesundheitssystem vor, der zufolge Österreich 2008 mit rund 3,5 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben verglichen mit anderen Sozialversicherungsländern verhältnismäßig wenig für Verwaltung der Gesundheitsversorgung ausgab. Ausgaben für Verwaltungspersonal in Fondsspitälern (knapp 460 Millionen Euro) waren nicht in der Quote enthalten, stiegen aber stark an.

Hofmarcher-Holzhacker, unter anderem am Department für Public Health der Meduni Wien tätig, hielte neun starke, regionale Krankenkassen für ausreichend. Damit würde man dem föderalen System gerecht. Die sogenannten kleinen Kassen – wie Beamten-, Bauern-, Betriebskrankenkassen, SVA – würden dann in die Gebietskrankenkassen eingegliedert. "Eine andere Variante wäre, vier berufsständische Kassen einzurichten. Das halte ich aber für noch schwieriger durchsetzbar", sagt Hofmarcher-Holzhacker. Es sei wichtig, diese Debatte überhaupt zu führen.

Wettbewerbselemente andenken

Man müsse generell über die Steuerung und die Finanzierung des Gesundheitssystems diskutieren. Wenn man an der Kassenlandschaft nichts ändern wolle, solle auch über Wettbewerbselemente zwischen den Kassen nachgedacht werden.

Czypionka zufolge müsse man vielmehr die Qualität der Verwaltung erhöhen und die Sozialversicherungsträger "in die Lage versetzen, dass sie vom Verwalter zum aktiven Gestalter" werden. "Die Sozialversicherung kann beispielsweise im Spitalswesen gar nichts machen. Positiv wäre eine aktivere Rolle der Prozessgestaltung", sagt der Gesundheitsökonom. Dafür brauche es passende Rahmenbedingungen.

Patienten sollten sich nicht alleingelassen im Gesundheitssystem zurechtfinden müssen, sondern die Sozialversicherung solle Wege vorzeichnen und das nötige Service bieten. Vor allem für chronisch Kranke, auf die 75 Prozent der Kosten entfielen. (Gudrun Springer, 7.7.2016)

  • Oft ist der Weg zur Gesundheitseinrichtung nicht so klar vorgegeben: Patienten sollten sich nicht alleingelassen im Gesundheitssystem zurechtfinden müssen, meint Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom IHS.
    foto: apa/helmut fohringer

    Oft ist der Weg zur Gesundheitseinrichtung nicht so klar vorgegeben: Patienten sollten sich nicht alleingelassen im Gesundheitssystem zurechtfinden müssen, meint Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom IHS.

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