Immer kleiner

Kolumne6. Juli 2016, 17:00
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Der Trend zum Kleinen scheint seit Jahrzehnten eine Konstante in Europa zu sein

Kleinbritannien statt Großbritannien, schreiben die Zeitungen seit dem Brexit. Wenn Schotten und Nordiren in der Europäischen Union bleiben und sich dadurch von England lösen wollen, müsste eigentlich auch der stolze Union Jack, die Flagge des Vereinigten Königreichs, sein Erscheinungsbild ändern. Der Union Jack zeigt das rote Sankt-Georgs-Kreuz für England, das weiße St-Andrews-Kreuz für Schottland und das ebenfalls schräg stehende St.-Patricks-Kreuz für Irland, das seit der irischen Unabhängigkeit nur noch für Nordirland steht. Klein statt groß. Einfalt statt Vielfalt.

Dieser Trend zum Kleinen scheint seit Jahrzehnten eine Konstante in Europa zu sein. Einen "fürchterlichen Rückschritt" nannte Stefan Zweig in einem seiner letzten Essays den Zusammenbruch des Römischen Reiches und zog eine Parallele zu seiner eigenen Epoche, den Dreißigerjahren und dem Aufstieg des Faschismus. Hintereinander sind die großen Vielvölkerstaaten verschwunden, vom Osmanischen Reich über die Habsburgermonarchie und das britische Empire bis zur Sowjetunion. In jüngerer Zeit zerriss Jugoslawien, das Reich der Südslawen, und verwandelte sich in einen Fleckerlteppich instabiler Kleinstaaten, und die Tschechoslowakei trennte sich nach der deutschen auch von der slowakischen Minderheit. Erlebt die Europäische Union, das große Hoffnungsprojekt der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, heute einen ähnlichen Auflösungsprozess?

Ich bin klein, mein Herz ist rein, darf niemand herein, nur du, mein liebes Jesulein, beteten einst die Kinder. Klein, klein, klein (minus Jesulein) wollen heute offensichtlich auch die Völker sein. Ein Infantilisierungsphänomen? Das kleine Häuschen mit dem kleinen Gärtchen, umgeben von einem festen Zaun gegen alle fremden Eindringlinge, drinnen nur die sich selbst genügende engste Familie – dieser Spießertraum scheint für viele Europäer die neue Leitidee geworden zu sein.

Die jüngsten Wahlgänge, in Österreich wie in Großbritannien, haben das gleiche Grundmuster ergeben. Die Pessimisten, die Alten, die von Abstiegsängsten Geplagten, haben überwiegend den antieuropäischen Weg gewählt. Wer sich, zu Recht oder zu Unrecht, vor der großen Welt da draußen fürchtet, zieht sich auf sich selbst zurück, will sich zu Hause einbunkern und vor allem Fremden seine Ruhe haben. My home is my castle!

Stefan Zweig beschwört in seinem Europa-Essay die Erneuerungskraft der Europäer, die sich in der Geschichte vielfach bewährt hat, und setzt auf eine Trendwende zu Weltoffenheit und Völkerfreundschaft. Freilich, am Ende verlor er, der sein berühmtestes Buch Erinnerungen eines Europäers genannt hatte, seinen Optimismus und wählte den Freitod.

Wie die derzeitige Europakrise sich weiterentwickelt, vermag niemand verlässlich zu sagen. Ob die EU durch den Ausstieg Großbritanniens schwächer geworden ist oder eine Chance zur Stärkung gewonnen hat, ist ein Streitpunkt unter den Experten.

Eins ist allerdings jetzt schon ziemlich eindeutig: Je kleiner die Länder geworden sind, desto langweiliger sind sie geworden. Immer kleiner heißt auch: immer fader. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 6.7.2016)

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