Prozess: Der Silikonspray und der Dackel mit dem Löwenherz

12. Juli 2016, 07:00
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Ein 71-Jähriger soll den Nachbarshund angesprüht und verletzt haben. Er leugnet und sieht sich, seine Frau und seinen Dackel als Opfer

Wien – Vielleicht wäre eine Welt ohne Hunde eine friedlichere Welt. Im Fall von Johann G. und Norbert S. ist das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so. Denn G.s Dackel und S.s Schäferhund haben dafür gesorgt, dass G. mit dem Anklagevorwurf der Tierquälerei vor Richterin Marion Hohenecker sitzt.

G. ist 71 Jahre alt und unbescholten. In Wien-Floridsdorf hat er ein Haus mit Garten. Der dummerweise an jenen der Eltern von S. grenzt. Allerdings gibt es eine solide Trennung: Auf einem 80 Zentimeter hohen Betonsockel ist ein Maschendrahtzaun, auch Thujen gibt es.

Am 9. März soll der Pensionist durch diesen Zaun S.s Hund mit Silikonspray angesprüht haben, sodass das Tier eine Bindehautentzündung und eine Wunde an der Schnauze abbekam. Der Angeklagte leugnet das.

Spray für klemmende Eingangstür

"Warum sitzen wir dann hier?", fragt ihn Hohenecker. G. versucht es ihr zu erklären. Am fraglichen Tag seien er, seine Frau und der Dackel nach Hause gekommen. Er habe mit Silikonöl die klemmende Eingangstür repariert.

"Dann bin ich nach draußen gegangen, weil ich mein Handy im Auto vergessen habe." Nachdem er es geholt hatte, hörte er Bellerei. "Ich bin hingegangen, da habe ich gehört, wie S. zu meiner Frau 'Geh scheißen, du Trampel!' gesagt hat."

Das Verhältnis zur Nachbarsfamilie ist gelinde gesagt nicht ganz friktionsfrei. Mit S.s Eltern muss es vor Jahren zu "unschönen Szenen" gekommen sein, man stellte den Kontakt ein. Und S. habe durch sein Verhalten immer wieder provoziert: "Er ist, wenn er zu Besuch war, immer mit seinen Hunden genau an der Grundstücksgrenze entlanggegangen", empört sich der Angeklagte.

Angst um Dackelschnauze

Schäfer und Dackel vertrugen sich nicht und verbellten einander immer wieder. "Meine Frau hat Angst, dass der Schäfer unseren Hund einmal beißt, wenn er die Schnauze durch den Zaun steckt. Er hat ein Herz wie ein Löwe", skizziert er das Wesen des acht Kilogramm schweren Tieres.

Er habe den Nachbarshund schon einmal mit dem Schlauch angespritzt, da er im TV gesehen habe, dass ihn das vertreibt. Tat es nicht. Beim angeklagten Zwischenfall samt Beschimpfung der Gattin habe es ihm gereicht. "Bitte schleich dich endlich mit deinem Hund", soll er gesagt haben.

"Dann habe ich mit dem Spray auf meine Seite der Mauer gesprüht. So, wie ein Schiedsrichter bei einem Elfmeter (gemeint ist ein Freistoß, Anm.) auf den Rasen sprüht." Er wollte damit den Grenzverlauf bekräftigen. Hohenecker versteht das nicht: "Aber das ist ja vom Nachbarsgrundstück nicht einmal einsehbar?" – "Es war einfach eine Reaktion."

Angeklagter leugnet

In die Augen habe er dem Nachbarshund aber garantiert nicht gesprüht. Erstens, da er als Tierliebhaber so etwas nicht machen würde. Und zweitens sei das Tier zu diesem Zeitpunkt schon sieben Meter entfernt beim Herrl gestanden.

Zeuge S. schildert die Situation ganz anders. Er habe mit seinem Hund gespielt, der Dackel sei am Gartenzaun gestanden und habe gekläfft. "Die Frau ist dann mit dem Hund ins Haus gegangen. Ich habe meinen eigenen Pfiff gemacht, damit mein Hund herkommt." Der Angeklagte habe das Tier aber an den Zaun "zurückgelockt".

Das kommt Hohenecker seltsam vor – denn der Zeuge hatte zuvor noch betont, dass sein Schäfer sehr gut abgerichtet sei und schon Turniere gewonnen habe. Auch Verteidigerin Marion Binder bohrt in diese Richtung nach. "So gut ist mein Hund nicht abgerichtet, dass man ihn nicht locken kann", hört sie als Antwort.

"Kumm zuwa, feige Sau"

Jedenfalls habe G. das Tier plötzlich besprüht und gerufen: "Kumm zuwa zum Zaun, du feige Sau, dann wach i di a ein!" Da der Schäfer allerdings winselte, habe er ihn stattdessen gewaschen und den Tierarzt alarmiert.

Der bestätigt bei seiner Aussage die geröteten Augen des Tieres eine knappe halbe Stunde nach dem Vorfall. Zwei Tage später habe es auch eine Wunde an der Schnauze gehabt, die erst drei Wochen später verheilt war.

Nach eineinhalb Stunden zum Thema Hunde ist die Richterin ein klein wenig erschöpft. "Wir haben jetzt die Möglichkeit, dass wir ein Gutachten über die Wirkung von Silikonölspray auf Hunde einholen. Oder wir machen eine Diversion", erklärt sie dem Angeklagten und seinem Kontrahenten.

Die bekommt G. schließlich, sie wird auch rechtskräftig. G. erklärt sich bereit, die Tierarztrechnung von 357,60 Euro zu erstatten. Außerdem wünscht er sich, dass es friedlich bleibt – seit dem Vorfall sei S. nämlich nicht mehr an der Grenze entlangstolziert.

Wunsch nach mehr Geld

Der will mehr Geld – 800 Euro. "Ich habe ja auch bei der Polizei Zeugenaussagen machen müssen, habe beim Tierarzt gewartet und bin jetzt hier", begründet er. "Sie wollen sich jetzt aber nicht am Leid Ihres Hundes bereichern?", wundert sich Hohenecker. "Nein, aber das waren sicher zehn Stunden, ich bin Selbstständiger."

Er werde dann halt zivilrechtlich klagen. "Ich sage Ihnen nur, dass das wenig Aussicht auf Erfolg hat und Sie auf den Prozesskosten sitzenbleiben", gibt ihm die Staatsanwältin einen guten Rat. "Egal, ich habe eh eine Rechtsschutzversicherung", lautet die selbstbewusste Antwort. (Michael Möseneder, 12.7.2016)

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