Nestroy in Reichenau: Vom Hinabwirtschaften zum Hinaufheiraten

6. Juli 2016, 15:34
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Helmut Wiesner inszeniert Nestroys Posse "Liebesgeschichten und Heiratssachen" bei den Festspielen Reichenau

Reichenau an der Rax – Schon bei ihrer Uraufführung im März 1843 war Johann Nepomuk Nestroys Posse Liebesgeschichten und Heiratssachen "ein glänzender Succeß". Das auf der englischen Vorlage Patrician and Parvenu von John Poole basierende Schauspiel verbindet Aufsteigerträume und Absteigerängste zu einer virtuosen Verwechslungskomödie. Es geht um Paare (vermeintlich) ungleichen Standes, Herren, die fest vorhaben, die Beziehungsleiter hinaufzupurzeln, und solche, die im Verdacht stehen, ihren Familien eine "Stammbaumbeschmutzung" zu bescheren.

Am wenigsten um Liebe geht es bei einem raffinierten Herrn mit Namen Nebel, einem abgewirtschafteten Diener und Hochstapler, der zur dringenden Eigensanierung bald hinaufzuheiraten gedenkt. Es ist die zu Lebzeiten vom Possendichter selbst gespielte Rolle; und Miguel Herz-Kestranek vollführt dafür in der Reichenauer Inszenierung Helmut Wiesners ein veritables Nestroy-Ballett. Sein Storchenbeinentanz, seine Mick-Jagger-hafte Knieführung, das Biegen und Strecken seines Rumpfes, das jähe Wenden und Grimassieren – es ist ein Ereignis dieser ganz klassischen, in Pappkulissen arrangierten Arbeit. Da gibt es bis auf ein paar schauspielerische Pirouetten nichts zu meckern.

Den Neureichenchic in der Schloss-Villa des Aufsteigers Herr von Fett (Toni Slama), eines fein den Adelstitel erworben habenden Ex-Fleischselchers, lässt Peter Loidolt nach Glööckler-Art billig schimmern.

Etwas Besseres sein wollen

Weil er ein bisschen was vom kleinen Latinum beherrscht, vermag sich Nebel als etwas Besseres auszugeben, und alle glauben alsbald, er wäre tatsächlich der Sohn des Marchese Vincelli (dämonisch abgehoben: Marcello de Nardo), der seinerseits fälschlich die ruppige Lucia Distel (Chris Pichler) sein edles Erbgut verderben sieht.

Des Weiteren wird Fanny (Karin Lischka) für Ulrike (Emese Fay) gehalten und der Marchese-Sohn Alfred (René Peckl) für einen schnöden Bürohengst. Während Anton Buchner (Alexander Hoffelner) immer der bleibt, der er ist, aber dann doch verschmäht wird, weil sein Vermögen geschrumpft ist. Den gutmütigen, aber aufs Geld schauenden Wirt stattet schließlich Nicolaus Hagg mit einer mikroskopischen Hans-Moser-Hektomatik aus, die zum Juchzen komisch ist.

An Frechdachs Nestroy, sofern man die aufrührerische Kraft seiner Sprache hoch genug hält und die Selbstbefreiungsthemen seiner Stücke ernst nimmt, lässt sich nicht viel herumdoktern. Moderner als manches Jahrhundertwendedrama, das bei den Festspielen in Reichenau zu sehen war, wirken seine Lebenswelten.

Lediglich die Possenstrophen evozieren immer ein Update. Von der an fatalen Späßen reichhaltigen Gegenwart fanden diesmal die Wiederholung der Bundespräsidentenwahl, die Rechtspopulismusmisere, das Projekt Europa und mit ihm das britische Referendum Eingang ins Liedgut. Am Ende heißt es: "Und wer bringt nach dem Brexit nach Brüssel jetzt die Keks mit?" Ja, genau. (Margarete Affenzeller, 7.7.2016)

  • Herr Nebel (Miguel Herz-Kestranek, li.) umtänzelt den Wirt (Nicolaus Hagg) mit Mick-Jagger-hafter Knieführung.
    hans punz / apa

    Herr Nebel (Miguel Herz-Kestranek, li.) umtänzelt den Wirt (Nicolaus Hagg) mit Mick-Jagger-hafter Knieführung.

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