Michel Houellebecq: Der Hund im Biest

Ansichtssache7. Juli 2016, 06:00
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Wien – Michel Houellebecq ist nicht mehr nur ein großer Autor, sondern auch ein Adjektiv. Das Paradoxon zwischen dem theoretischen System und der Unmöglichkeit seiner Verwirklichung sei geradezu "houellebecqsch", schreibt die Kuratorin Stéphanie Moisdon zu Beginn der Ausstellung Rester vivant ("Am Leben bleiben") im Palais de Tokyo, dem Pariser Tempel der Gegenwartskunstszene.

Die ersten Räume sind verdunkelt, man tastet sich vorbei an unsichtbaren Wänden, die eine doppelte Wirkung haben: Zum einen bringt die Nachtschwärze die Fotografien von Steinen, Strandgut, Tang und Betonsilos an tristen Meeresküsten zur Geltung, zum anderen soll sie wohl auch aufzeigen, wie dunkel es im Inneren des 60-jährigen und doch so junggebliebenen Autors aussieht. "Ich hatte nicht mehr als die meisten Leute einen wirklichen Grund, mich umzubringen", zitiert Houellebecq in einem Wandspruch aus seinem letzten Roman Unterwerfung.

Leere Strände, Raucherzimmer

Dann, nach der langen Depression des houellebecqschen Labyrinths, folgt plötzlich der Schock der Helligkeit, wie wenn man auf einen Strand im gleißenden Sonnenlicht tritt. Heitere Saxofonklänge begleiten den Gang über einen Teppich aus Postkarten französischer Ferienorte; an der Wand hängen Fotos von Fuerteventura – einige von Houellebecqs besten Aufnahmen. Doch die Autobahnraststätten bleiben trostlos, die Strände leer und steinig wie auf dem Mond; die verschachtelte Balkonlandschaft einer spanischen Ferienresidenz wird auch nicht schöner dadurch, dass sie Beverly Hills heißt.

Im Endlosfilmausschnitt daneben sagt die Pariser Kitsch-Ikone Arielle Dombasle: "Die Stadt der Zukunft wird von Kannibalen beherrscht werden." Eine Jugenderinnerung Houellebecqs? Nach einem Raucherzimmer, wo die vorwiegend jungen Besucher pausieren, inszeniert Frankreichs bekanntester lebender Autor über mehrere Räume hinweg Werke von Freunden, am ausführlichsten jene von Robert Combas.

Gedichte und Relikte

Seine eigenen Beiträge stehen nur kleingedruckt auf den Hinweistäfelchen, wie etwa ein mit "M. H." signiertes Gedicht: "Der Eindruck der Abtrennung ist total / Ich bin im Mittelpunkt des Abgrundes / Die erhabene Fusion wird nicht stattfinden / Das Ziel des Lebens ist verpasst / Es ist zwei Uhr Nachmittag." Es folgt noch die Nachstellung eines chaotischen Arbeitszimmers mit Objekten aus einer verstaubten Zeit: Vinylschallplatten, Bierdosen, Aschenbecher und eine Peitsche, die das Einzige ist, was einen unverbrauchten Eindruck macht.

Langsam kommt Houellebecq zur Sache. Im folgenden Raum mit Tierfelldekor gibt es viel nackte Haut von Teenagermädchen hart am Schutzalter, eines auf Knien und mit einer Hundekette um den Hals. Männerfantasien von Schönen und dem Biest, irgendwo zwischen Latex und Playboy, Trash und schmalziger David-Hamilton-Erotik. Aber so richtig überzeugend wirkt das nicht, vielleicht zollte Houellebecq nur seinem Skandalimage Tribut.

Tod eines Hundes

Der Höhepunkt der sehr durchdachten Präsentation ist dann ganz anders. Er besteht aus etwas, das im Reiche des Autors nichts mit Sex zu tun hat: Liebe, oder genauer gesagt das Abhandenkommen der Liebe. Ein ergreifender Wandausschnitt aus dem Roman Die Möglichkeit einer Insel beschreibt den Tod eines Hundes. Seines Hundes.

Unendliche Zärtlichkeit, grenzenlose Traurigkeit sprechen aus den kurzen, lakonischen Zeilen, die Houellebecqs ganze Schreibkunst beweisen. Im holzgetäfelten Raum danach, dem zentralen und seltsamsten der Schau, stellt er Objekte des Hundealltags aus, Spielzeugknochen, Plüschtiere, dazu kleine, zarte Aquarelle. Eines zeigt nur das treue Hundeauge von Clément, in das der Zyniker Houellebecq mehr aufrichtige Liebe verdichtet, als er wohl allen Frauen in den vorangegangenen Sälen entgegengebracht hat.

Das wird auch im nachfolgenden Raum klar, der wieder leer, kalt und dunkel ist – wie zu Beginn der Ausstellung. "Wir bewohnen die Absenz", heißt es zur Trauer um den Tod des geliebten Gefährten, und die Absenz, man spürt es, ist für Houellebecq bodenlos. Selbst Hardcore-Houellebecqianer staunen wohl: Der verbiesterte Misanthrop hegt nicht nur ehrliche Gefühle der Liebe – genauer des Verlusts der Liebe -, er scheut sich auch nicht mehr, sie auf völlig unironische, fast peinlich naive Weise auszubreiten. Man würde dem Enfant terrible der französischen Literatur wünschen, dass er auch einmal mit einem sprechenden Wesen eins wird. Aber Hand aufs Herz, wäre dann Houellebecq noch Houellebecq? (Stefan Brändle aus Paris, 7.7.2016)

Bis 11. 9.

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foto: courtesy michel houellebecq / air de paris, paris

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