AUA-Schwester Swiss fliegt auf Airbus-Konkurrenz

6. Juli 2016, 15:22
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Die Swiss nimmt mit der Bombardier-C-Series den weltweit ersten von Grund auf neu entwickelten westlichen Kurz- und Mittelstreckenjet in Betrieb

Zürich – Es ist eine lange erwartete Premiere am Züricher Flughafen Kloten: Die Schweizer Lufthansa-Tochter Swiss hat als erste Fluggesellschaft der Welt eine Maschine der Bombardier-C-Series übernommen. Swiss hatte sich lange dagegen gesträubt, Erstabnehmerin der C-Series zu werden. Am Mittwoch ist Swiss-Chef Thomas Klühr voll des Lobes für den neuen Vogel, der "eine neue Ära des Fliegens einläuten wird". Die CS100 – das kleinere Modell – inklusive der eigens für Swiss entwickelten Innenausstattung wurde das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Ab 15. Juli fliegt der kanadische Jet namens Kanton Zürich mit 125 Sitzplätzen im regulären Einsatz nach Paris.

reuters/christinne muschi
Die CS100 soll den in die Jahre gekommenen Flugzeugtyp Avro RJ100 ersetzen.

Jahrelange Vorlaufzeit

Klühr hat zur Beschreibung seines neuen Fliegers naturgemäß nur Superlative parat: größere Gepäckfächer für mehr Stauraum, übergroße Fenster für mehr Licht und eine bessere Aussicht sowie eine Kabine, die breitere Sitz zulasse. Auch Bombardier-Chef Fred Cromer ist angereist, hat für seinen Auftritt extra das Schweizer "Griazi" erlernt und lobt überschwänglich die vorzügliche Partnerschaft mit den Schweizern. Immerhin will Bombardier mit der C-Series eine neue Produktfamilie für den Regionalflugverkehr promoten. Die Flugzeuge wurden von Grund auf neu entwickelt. An dem Projekt wird seit 2004 gearbeitet – mehr als einmal war es gefährdet, verspätet hat sich die Sache auch.

Satter Rabatt

Bei der Swiss soll die CS100 den in die Jahre gekommenen Flugzeugtyp Avro RJ100 ersetzen. Das etwas größere Modell CS300 soll ab 2017 ausgeliefert werden. 30 Flugzeuge werden am Ende in die Swiss-Flotte aufgenommen – zwei Milliarden Franken (umgerechnet zwei Milliarden Euro) werden investiert, 150 Jobs sollen in den kommenden zwei Jahren neu entstehen, sagt Klühr. Bombardier – globale Nummer drei – will am Ende eine ganze Produktpalette als Alternative zu den Bestsellern von Airbus und Boeing – Airbus A320 und der Boeing 737 sind die weltweit meistverkauften Passagierflugzeuge – anbieten. 72 Millionen Dollar kostet eine CS100 gemäß Preisliste. Experten schätzen den Rabatt, den Swiss ausgehandelt hat, auf rund 20 bis 25 Prozent. Swiss verspricht sich unter anderem einen Spareffekt. Gegenüber den heute noch eingesetzten Avros beträgt er rund 25 Prozent, sagt Klühr. Tatsächlich sind die Flugzeuge dank leistungsfähigerem Motor laut Experten effizienter, leiser und umweltfreundlicher als die Embraer, die die in die Jahre gekommenen Fokker der heimischen AUA ersetzen.

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Kritik im Vorfeld

In der Schweiz wurde der neue Vogel im Vorfeld aber heftig diskutiert und kritisiert. Anlass waren – wie einst bei der heimischen AUA – unter anderem auch die Sitzabstände. In einer Einklassenkonfiguration empfiehlt der kanadische Flugzeugbauer für die CS100 120 Sitzplätze mit einem Abstand von 32 Inch beziehungsweise 81,3 Zentimeter. Die Swiss verfrachtet das Maximum von 125 Passagieren in die C-Series CS100. Der Sitzabstand beträgt dann 30 Inch. Das ist ein Inch (2,54 Zentimeter, Anm.) weniger als in den Avro RJ100 Jumbolinos der Swiss, die schrittweise durch die C-Series ersetzt werden, und gleich viel wie bei den Billigfliegern Ryanair und Easyjet. Zur Erinnerung: Auch die AUA hatte im Herbst des Vorjahres für Aufregung gesorgt, als sie bekanntgab, dass mit der "Rekonfiguration" der 29 Airbusse in der Economyclass bei den A320- und A319-Modellen zweieinhalb Zentimeter gekappt wurden – womit die Abstände auch bei der AUA in etwa dort sind, wo die Billigflieger sind.

Auch dass es kein WLAN gibt und in der Business Class keine "richtigen Business-Sitze", gefiel so manchem Kritiker nicht. Tatsächlich erweisen sich die neu entwickelten Einheitssitze als recht komfortabel, wie der Selbstversuch zeigt. Die Swiss will so flexibel auf verschiedenen Strecken auf die unterschiedliche Nachfrage nach Economy- und Businessklasse reagieren. Auch die Swiss stellte das neue Modell übrigens personalmäßig vor Herausforderungen, weil 2016 auch die Boeing 777 eingeführt wird. Die profitablere Schweizer AUA-Schwester musste innerhalb kürzester Zeit Piloten, Bord- und Bodenpersonal für zwei neue Flugzeugtypen ausbilden. Anders als bei der AUA geht sich das aber aus. In Österreich hat der Umflottungsprozess (die AUA ersetzt die alten Fokker- durch Embraer-Flieger) dazu geführt, dass 300 Flüge vom Sommerflugplan gestrichen werden mussten. (Regina Bruckner aus Zürich, 6.7.2016)

Die Reise nach Zürich erfolgte auf Einladung der Swiss.

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