Ephesische Eindrücke: Wie eine Lehrgrabung abläuft

Blog7. Juli 2016, 07:56
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Aus dem Leben von Archäologiestudierenden

"Ich studiere Klassische Archäologie." – "Ach cool! Hast du schon viele Dinosaurierknochen gefunden? Wie Indiana Jones?" Diesen oder einen ähnlichen Dialog kennen die meisten von uns nur zu gut. Dabei weist der Bereich der Archäologie weit mehr Facetten auf als Hollywood jemals vermitteln könnte. Zugegeben, wir mussten während unseres Studiums noch nie vor tückischen Fallen oder riesenhaften Steinkugeln flüchten. Dennoch hat das Archäologiestudium einiges an Nervenkitzel zu bieten.

Eine gute Gelegenheit, diesen voll auszukosten, bot die diesjährige Lehrgrabung der Universität Wien in Ephesos. Geleitet wurde diese Lehrveranstaltung von Sabine Ladstätter und Helmut Schwaiger, beide vom Österreichischen Archäologischen Institut. Drei Wochen durften wir, sieben Studierende, am regen Forschungsleben teilhaben – sowohl in Ephesos, in der spätantiken Residenz, als auch in den Funddepots im Grabungshaus in Selçuk. Das bedeutete für die meisten von uns eine drastische Änderung des Alltagslebens, denn der Tag beginnt früh und endet spät.

Aufs Feld!

Die morgendliche Fahrt zur Grabung bietet für Langschläfer die letzte Möglichkeit, die Müdigkeit loszuwerden. Wir Studierende schauen mit Staunen dem eingespielten Team bei der Vorbereitung des Grabungstages zu, bevor wir Aufträge für den Tag erhalten. Die Grabungstätigkeit wird sogar immer wieder unterbrochen, um uns die verschiedenen Arbeitsweisen einer archäologischen Grabung näher zu bringen. Entgegen weit verbreiteter Meinung geht es natürlich nicht nur ums einfache Buddeln von Löchern.

Schichten, die sich oft nur durch geringe Farb- oder Konsistenzunterschiede voneinander abgrenzen lassen, müssen erkannt, freigelegt und genau dokumentiert werden. Eine Vermischung kann zu Ungenauigkeiten in der Datierung oder falscher Interpretation der Funktion und Nutzung eines Bereiches führen. Neben analogen Methoden, wie dem händischen Zeichnen von freigelegten Befunden mithilfe einer Messlatte, werden auch moderne Dokumentationstechniken, etwa 3D-Laserscanning oder die Verwendung eines GIS (Geografisches Informationssystem), erklärt und sofort praktisch umgesetzt. Damit werden nicht nur die Umrisse von Räumen oder Mauern aufgenommen, sondern auch die Lage eines jeden einzelnen Fundes aufgezeichnet, um später eine Rekonstruktion zu ermöglichen.

Einblick in andere Fachbereiche

Neben der Feldarbeit gibt es auch Gelegenheit, Einblicke in andere Fachbereiche der Archäologie zu erhalten. So werden wir in die Bearbeitung von keramischem Fundmaterial eingeführt, haben die Möglichkeit, die fachgerechte Bergung von Bodenfunden durch den Restaurator mitzuerleben, und die weitere Behandlung von Fundobjekten im Restaurierungslabor erklärt zu bekommen.

Daneben ergibt sich durch die Anwesenheit von Spezialisten auch die Chance, einige naturwissenschaftliche Anwendungen in der klassischen Archäologie aus erster Hand kennenzulernen: Im Bone-Lab des Grabungshauses werden uns die Möglichkeiten der Archäozoologie nähergebracht oder welche Informationen die organischen Reste auf dem Gebiet der Archäobotanik über die spätantike, frühbyzantinische Umwelt geben können.

Beste Bedingungen in Ephesos

Ephesos bietet aufgrund seines reichen Antikenbestands und dem regen internationalen Austausch von Forschern verschiedenster Fachrichtungen beste Bedingung zum Erlernen archäologischer Feldmethoden. Aber wir erlangen auch Einblick in Bereiche des Ruinengeländes, wie sie den Besuchern normalerweise verwehrt sind, oder erhalten exklusive Führungen von Leitern benachbarter Projekte – etwa Notion und Milet.

Die Lehrgrabung stellt uns aber auch vor ganz andere Herausforderungen. Es werden Kämpfe mit Spinnen und Schlangen aufgenommen. Auch die hohen Leitern erweisen sich als tückisch. Als blutiger Anfänger gerät man hin und wieder in Situationen, über die hartgesottene Archäologen wohl nur schmunzeln können. Obwohl die Arbeit in der Hitze sehr kräftezehrend ist, schöpfen wir dennoch sehr viel Motivation daraus, das in der Theorie Gelernte praktisch umsetzen zu können. Durch den klar geregelten Tagesablauf lebt man sich sehr schnell ein, das Grabungshaus wird bald zu einem zweiten Zuhause. Das enge Zusammenleben mit den Studienkollegen lässt erst gar keine Einsamkeit aufkommen. Anstrengende Arbeitstage klingen am Abend durch gemeinsame Kartenspielrunden und Plaudereien gemütlich aus.

Der Reiz einer Grabung sind eben nicht allein die spannenden Funde einer Schicht, sondern auch die soziale Komponente. Man trifft viele internationale Kollegen, knüpft Kontakte und schließt neue Freundschaften. Aufgrund der direkten Nähe zu anderen ephesischen Sehenswürdigkeiten kommt man auch in Kontakt mit vielen interessierten Touristen, die durch die antike Stadt wandern. Aus den Gesprächen wird erkennbar, dass große Wissbegier für die Antike vorhanden ist und die öffentliche Präsentation archäologischer Forschungsergebnisse für ein breites Publikum umso wichtiger ist.

Warum Archäologie?

Abgesehen von den oben genannten spannenden Tätigkeitsfeldern: Weshalb studiert man Archäologie? Auch diese Frage ist unvermeidlich in Gesprächen und auch vor beziehungsweise während des Studiums selbst. Eine pauschale Antwort darauf gibt es mit Sicherheit nicht, da jede Archäologin, jeder Archäologe einen eigenen Beweggrund dazu hat.

Häufig sind die Faszination der Vergangenheit und die Neugier auf das Leben des Menschen der Antike die Gründe. Die Veränderung und Entwicklung der menschlichen Lebensweise mit all ihren gesellschaftlichen Facetten bewegt viele der in diesem weiten Feld tätigen Menschen. Auch die Chance, selbst etwas zur Erweiterung des Wissensstandes im jeweiligen Forschungsgebiet beitragen zu können, ist eine große Motivation.

Unstillbare Neugier

Fest steht, dass die Entscheidung für ein Archäologiestudium nicht unüberlegt getroffen wird, sondern auf großem Interesse und unstillbarer Neugier beruht. Genau deshalb sind wir alle der Meinung, dass es sich auszahlt, in eine Tätigkeit zu investieren, für die man brennt. Es wäre falsch, aufgrund der schlechten Jobsituation und Finanzierungslage in der archäologischen Forschung einen anderen Weg einzuschlagen und nicht das Risiko einzugehen, unserer Leidenschaft zu folgen so lange wir die Möglichkeit dazu haben.

Oder, mit den Worten eines Römers: "Lass jedermann das tun, was er am besten versteht." Marcus Tullius Cicero hat's gesagt. (Sophie Koblinger, Felix Eder, Florian Oppitz, Jasmin Hangartner, Sophie Insulander, Barbara Hopfensperger, Theresa Rinner, 7.7.2016)

Sophie Koblinger, Felix Eder, Florian Oppitz, Jasmin Hangartner, Sophie Insulander, Barbara Hopfensperger, Theresa Rinner sind Studierende der Klassischen Archäologie an der Universität Wien und waren vom Mai bis Juni Teilnehmer der Lehrgrabung in Ephesos.

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  • Studierende beim Abnehmen von Lehmstampfböden im Hausinneren.
    foto: öai/öaw/h. schwaiger

    Studierende beim Abnehmen von Lehmstampfböden im Hausinneren.

  • Freiputzen von Mauerwerk.
    foto: öai/öaw/h. schwaiger

    Freiputzen von Mauerwerk.

  • Zeichnerische Dokumentation ohne digitale Hilfsmittel – falls die Technik einmal versagt.
    foto: öai/öaw/h. schwaiger

    Zeichnerische Dokumentation ohne digitale Hilfsmittel – falls die Technik einmal versagt.

  • Hier werden Reste eines Opus-Sectile-Bodens freigelegt.
    foto: öai/öaw/h. liedl

    Hier werden Reste eines Opus-Sectile-Bodens freigelegt.

  • Die Bergung von Ganzgefäßen aus einem zusammengefallenen Regal.
    foto: öai/öaw/e. baudouin

    Die Bergung von Ganzgefäßen aus einem zusammengefallenen Regal.

  • Artikelbild
    foto: öai/öaw/e. baudouin
  • Besuch in Notion. Projektleiter Chris Ratté erklärt – am Boden liegend – eine Zisterne.
    foto: öai/öaw/h. schwaiger

    Besuch in Notion. Projektleiter Chris Ratté erklärt – am Boden liegend – eine Zisterne.

  • Besuch bei der Nachbargrabung Milet mit Führung durch den Grabungsleiter Philipp Niewöhner.
    foto: öai/öaw/h. schwaiger

    Besuch bei der Nachbargrabung Milet mit Führung durch den Grabungsleiter Philipp Niewöhner.

  • Im Bone-Lab erklärt Alfred Galik anhand der Vergleichssammlung die Möglichkeiten der Archäozoologie.
    foto: öai/öaw/h. liedl

    Im Bone-Lab erklärt Alfred Galik anhand der Vergleichssammlung die Möglichkeiten der Archäozoologie.

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