Börsenexperte: "London wird nicht ausbluten"

Interview7. Juli 2016, 08:39
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War da was? Klar, die Briten haben entschieden. Das Ja zum Brexit war ein lauter Knall Richtung Brüssel. Dort tummeln sich jedoch nur visionslose Politiker, sagt Dirk Müller

STANDARD: Let's talk about... Brexit. Kommt es zur Scheidung nach 43 Jahren, zum EU-Austritt Großbritanniens oder nicht?

Müller: Ja, nein, – niemand kann heute mit Sicherheit sagen, ob es zum Brexit kommt. Wir erleben gerade Slapstick der politischen Sonderklasse. Die Wähler werden schon lange nicht mehr ernst genommen. Jüngstes Beispiel Portugal: Hier wurde eine europakritische Regierung gewählt, doch der Staatspräsident weigert sich, die Regierung anzugeloben, und lässt die alte im Amt. Demokratie wird offenkundig nur dann zugelassen, wenn sie europäischen Plänen entspricht. Großbritannien wird wohl auch den Willen der Wähler ignorieren, davon gehe ich fast aus.

STANDARD: Nach Boris Johnson tritt nun mit Nigel Farage ein weiteres Gesicht des Brexit zurück. Kalte Füße?

Müller: So einfach würde ich das nicht sehen. Vordergründig sieht es zwar so aus, ist aber viel komplexer: Dermaßen extravertierte Menschen verschwinden nicht so einfach in der Versenkung. Es ist verrückt, was sich hier gerade abspielt, mit normalen Abläufen hat das nichts zu tun. Es wäre äußerst spannend zu erfahren, wer hinter den Kulissen welche Fäden zieht.

STANDARD: Pessimisten sehen London schon als Finanzmarkt verloren.

Müller: Das ist Quatsch. Schon im Vorfeld gab es die Diskussion, ob London ausbluten würde. Das wird nicht passieren, warum auch? Die City of London ist ein über Jahrzehnte gewachsener komplexer Organismus mit Hunderttausenden von Knotenpunkten und Netzwerken, die eng miteinander verzahnt sind. London ist eben keine Stadt mit ein paar Arbeitsplätzen und Telefonleitungen, die man zerreißen und beliebig schnell mal irgendwo anders wieder aufbauen kann. Die internationale Bankersprache ist englisch. London ist englisch. Wer kann ernsthaft glauben, dass die Finanz jetzt nach Frankfurt abwandert und vielleicht Hessisch lernt – schon gar nicht in der Provinzstadt Eschborn, wo die Frankfurter Börse ihren Sitz hat. Vermutlich werden einzelne Abteilungen aus juristischer Notwendigkeit nach Frankfurt versetzt. Wir sprechen hier von ein paar Tausend Arbeitsplätzen, also maximal drei Prozent. Die große Masse wird selbstverständlich in London bleiben und sogar noch neues Kapital und Arbeitsplätze anziehen. Es ist zu erwarten, dass London beziehungsweise England ohne die Fesseln Brüssels die Regulierungen für die Banken reduzieren und die Steuersätze für die Unternehmen herabsetzen wird. London wird somit ein noch interessanteres Bankenparadies.

STANDARD: Die Unsicherheit bleibt allerdings. Was bedeutet das für Investitionen?

Müller: Genau das ist das Problem. Der Unternehmer kann sich auf so ziemlich jede Situation einstellen, solange sie kalkulierbar ist. Nicht im Brexit an sich besteht die Gefahr, sondern in der für Monate andauernden lähmenden Planungs- und Rechtsunsicherheit. Wie sieht Groß- oder besser gesagt Kleinbritannien in einem Jahr aus? Wie werden sich die Schotten und Nordiren verhalten? Das wird kurzfristig Belastungen für die Wirtschaft mit sich bringen. Für Europa ist die größte Gefahr, dass dieser Knall, den man aus London hören durfte, zu Ansteckung führt. Die EU-Bürger wollen ja im Prinzip dieses gemeinsame Europa, aber eines der Menschen. Was in Brüssel derzeit jedoch gemacht wird, ist ein Europa der Konzerne, der Interessen der Lobbyisten. Das war die eigentliche Aussage des Brexit, und das ist die Gefahr für Europa.

STANDARD: Das heißt, die Brüsseler Politik geht komplett am Volk vorbei?

Müller: Absolut. Wir haben drittklassige, schwache, visionslose Politiker nach Brüssel geschickt, die wir zu Hause nicht mehr brauchen können, die in Brüssel maßlos dem Getrommel der Lobbys ausgesetzt sind. Ein Beispiel ist das kanadisch-europäische Abkommen Ceta, das abseits der gewählten Parlamente der europäischen Regierungen schon fast zugunsten einiger weniger Konzerne durchgedrückt worden wäre. Hätte man eine Volksbefragung durchgeführt, wäre die überwiegende Mehrheit der europäischen Bürger dagegen gewesen. Gegen TTIP sowieso. Ich habe große Sorge, dass dilettantische, stümperhafte Politiker, die sich für Interessen an große Konzerne verkaufen, Europa an die Wand fahren. Mit der jetzigen Politik sind wir dem ein ganzes Stück näher.

STANDARD: Das Votum der Briten richtet sich auch gegen die Flüchtlingspolitik. Hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zum Austritts-Ja der Briten beigetragen?

Müller: Absolut. Hier zieht Merkel ihr ganz eigenes Ding durch, völlig am Interesse der eigenen Bevölkerung und anderer Regierungen vorbei. Auch das gehört zu dem, was Europa zerstört.

STANDARD: Deutsche und Londoner Börse wollen fusionieren. Aktionäre der LSE haben mit 99,9 Prozent für einen Zusammenschluss votiert. Noch ist aber strittig, ob der Firmensitz von London nach Frankfurt verlegt wird?

Müller: Sollte es zur Fusion kommen, kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Börsenplatz in London bleibt. Warten wir ab. Es ist ja schon der dritte Anlauf, die ersten beiden Versuche sind katastrophal gescheitert.

STANDARD: Zerfällt mit dem Brexit der Euro?

Müller: Wir haben die Eurokrise nie überwunden. Zehn Jahre hatten viele Staaten Europas die für sie falsche Währung, zehn Jahre lang haben sich Spannungen aufgebaut und summiert, um sich dann explosionsartig, wie bei einem Erdbeben, 2010 zu entladen. Der Schaden war enorm. Mit unglaublich viel Aufwand wurden dann die schlimmsten Folgeschäden behoben, ohne jedoch die Ursachen zu bekämpfen. Dieser Kreis schließt sich immer wieder. In Griechenland hat sich nichts zum Positiven verändert, im Gegenteil, die Verschuldung ist höher als je zuvor, Spanien, Portugal sind in der Misere, die italienischen Banken stehen vor dem Kollaps – es hat sich nichts zum Vorteil verändert, wir haben lediglich Zeit gewonnen, ohne das Grundproblem zu lösen. Bei unterschiedlichen Wirtschaftsräumen gibt es nur zwei Möglichkeiten: unterschiedliche Währungen oder große Transferzahlungen. Bis heute ist die EU nicht bereit, beides durchzuführen. Die nächste Eurokrise kommt bestimmt. So wie der Euro jetzt konstruiert ist, wird er dauerhaft nicht zu halten sein. Vielleicht macht er es ja noch zehn, zwanzig Jahre – kein Thema. Schließlich wussten wir auch, dass der Kommunismus nicht funktioniert, und trotzdem hat er siebzig Jahre lang durchgehalten.

STANDARD: Vom Euro zum Bargeld. Denken Sie, dass Scheine und Münzen abgeschafft werden?

Müller: Bargeld wird es weiterhin geben, aber man wird Obergrenzen für Bargeldzahlungen einführen – und diese Obergrenzen Schritt für Schritt nach unten setzen. Ich finde das pervers. Bargeld ist das einzig legale Zahlungsmittel, das wir haben, alles andere ist nur Anspruch auf Zahlungsmittel. Durch Obergrenzen bei Bargeldzahlungen würde der einzelne Bürger sehr viel Freiheit und natürlich auch Anonymität verlieren. Wer hat daran Interesse? Natürlich die Industrie, weil für sie die Kosten in vielen Bereichen wesentlich geringer werden und sie in die Zahlungsströme ihrer Kunden einblicken kann. Die Banken haben Interesse daran, weil sie sich auch sehr viele Kosten sparen und für jeden elektronischen Zahlungsvorgang Gebühren verlangen können. Und natürlich die Politik, die Kontrolle über ihre Bürger hat. Sie kann Schwarzarbeit eingrenzen, Bürger können sich auch einer Bankenpleite nicht entziehen. Die Menschen selbst scheinen sich zum Großteil wenig dafür zu interessieren. Ein paar mucken auf. Denen wird dann erzählt, es wäre zu ihrer Sicherheit. Doch wie sagte schon ein amerikanischer Politiker: "Wenn man euch erzählt, es wäre zu eurer Sicherheit, kostet es entweder euer Geld oder eure Freiheit. Im Zweifel beides." (Sigrid Schamall, 7.7.2016)

foto: finanzethos gmbh
Dirk Müller, bekannt als Mr. Dax, ist Börsenexperte, Fondsmanager und Buchautor. Der 46-Jährige betreibt die Finanzinformationsplattform cashkurs.com und gilt als Dolmetscher zwischen den Finanzmärkten und den Menschen außerhalb der Börse. Müller lebt in Deutschland.
  • Die City of London am Boden? Keineswegs. Nach dem Brexit könnte ein neues Bankenparadies mit zigtausend neuen Jobs entstehen.
    foto: reuters/reinhard krause

    Die City of London am Boden? Keineswegs. Nach dem Brexit könnte ein neues Bankenparadies mit zigtausend neuen Jobs entstehen.

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