Ende des Ramadan: Worüber Sarajevo lacht

6. Juli 2016, 13:25
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Ein ehemaliger Großmufti wird durch eine neue Wortkreation zur Zielscheibe des Spottes, er hat sich bereits in den vergangenen Jahren als Populist hervorgetan

Der ehemalige Großmufti hat vor der großen Party die ganze Stadt zum Lachen gebracht. Geht es nach dem Willen von Mustafa Cerić, soll Bajram, das Fastenbrechen, nämlich künftig Hižaslav heißen. Hiža ist ein altes slawisches Wort für "Haus", und "slavi" kommt von "slaviti", also feiern. Die Umbenennung klingt ein bisschen so, als würde man statt Camping "Fuhrwerkabstellen" oder statt Semesterferien "Schulhalbzeitpause" sagen. Der ehemalige Reis ul-ulema Cerić hat sich in den vergangenen Jahren mehr als populistischer Politiker denn als religiöse Autorität hervorgetan. Als er vor ein paar Jahren zur Präsidentschaftswahl antrat, verlor er viel an Glaubwürdigkeit. Mit der Kreation "Hižaslav" wurde er in Sarajevo aber jetzt zum Hauptstadtkomiker.

Er argumentierte, dass Bajram ein persisches Wort sei, Hižaslav klinge slawischer. Offensichtlich geht es ihm darum, an dem nationalistischen Narrativ der Bosniaken von einer uralten Nation zu basteln. Zu den nationalistischen Narrativen auf dem Balkan gehört immer, dass man über die jeweils andere Gruppe behauptet, sie sei "später" zugereist als man selbst.

Schimpfwort des Großmuftis

Jüngst bezeichnete der derzeitige Großmufti, Reis ul-ulema Husein Kavazović, "Serben" als "Wlachen", die in Srebrenica nicht "regieren" sollten. Wlachen sind eine Volksgruppe auf dem Balkan, die eine romanische Sprache spricht. In Bosnien-Herzegowina wird die Bezeichnung aber als Schimpfwort für Serben verwendet. Mit der beleidigenden und blöden Aussage hat der Großmufti aber offensichtlich darauf angespielt, dass es sich angeblich um Leute handeln würde, die erst später gekommen sind. Damit wollte er offensichtlich insinuieren, dass die Bosniaken schon vorher da waren.

Der frühere Mufti vom Sandžak, Muamer Zukorlić, behauptete sogar, die Bosniaken seien die älteste Volksgruppe auf dem Balkan. Mit Fakten hat das alles nichts zu tun: Der Islam kam im 14. Jahrhundert nach Bosnien, und die Bezeichnung "Bosniaken" für die Muslime als Gruppe hat sich erst seit der Kriegszeit (1992–1995) so richtig durchgesetzt. Die Bezeichnung "Volksgruppen" für die verschiedenen Angehörigen von "Religionsgruppen" ist ohnehin mehr als fragwürdig, aber das ethno-religiöse Denken ist tief verwurzelt. Viele Leute glauben wirklich, dass sie von irgendeiner Volksgruppe abstammen.

Bier und Jägermeister

Dem Ethno-Nationalismus-Wettbewerb soll nun sogar das Fastenbrechen geopfert werden, das seit Jahrhunderten in Bosnien-Herzegowina einfach Bajram heißt. Punkt. Ob das nun Persisch ist oder nicht, ist den Bosniaken auch egal, Hauptsache es gibt genug zu essen. An keinem Abend wird in der bosnischen Hauptstadt mehr Bier getrunken als zu Bajram. Das Sarajevsko ist schon lange eingekühlt. Das Sarajevsko nulla, also Bier ohne Alkohol, heißt auch Hadžijsko, weil man es sogar beim Hadsch trinken kann. Aber anlässlich des Bajram trinken viele Sarajlis Alkohol. Beliebt ist etwa der "jeger", also Jägermeister.

Die Diaspora ist heuer zu Bajram auch schon im Land – jedes Jahr kommen tausende Auslandsbosnier zu Ferienbeginn zu den Verwandten in die ehemalige Heimat und parken die Stadt zu, was bei den anderen Sarajlis für Unmut sorgt. Dafür muss man sich jetzt nach dem Ramadan wenigstens nicht mehr um Brot anstellen. Denn jedes Mal, wenn es während des Fastenmonats am Abend nach Hause geht, stehen die Leute bei der Bäckerei Alifakovac Schlange, fast bis hinunter zur Moschee, und warten auf den Somun, der ganz frisch auf den Tisch kommt, nachdem von oben am Berg der Böller in die Luft gegangen ist. Mit dem Iftar-Böller, der das Fastenbrechen ankündigt, fällt ein kugelförmiges rotes Feuerwerk über die Stadt herab. Erst dann darf gegessen werden.

"Hižaslav Šerif Mubarek Olsun"

Das Ramadan-Ende ist ein Familienfest, zuerst geht man zu den Lebenden, der Familie des Vaters, der Familie der Mutter, dann muss man sich von der Diaspora aus Schweden, Deutschland, Österreich oder Australien anhören, wie viel besser alles dort sei und wie hinterwäldlerisch Bosnien ist. An allen Ecken der Stadt werden Blumen verkauft. Und dann besucht man die Friedhöfe, die in die Stadt integriert sind, so als wären die Toten weiter ein Teil der Familie. Und dann muss man wieder essen. Zum Spaß wünscht man sich heuer statt "Bajram Šerif Mubarek Olsun" "Hižaslav Šerif Mubarek Olsun". (Adelheid Wölfl aus Sarajevo)

  • Mit einer Kanone wird in Sarajevo das Ende des täglichen Fastens eingeleitet.
    foto: afp photo / elvis barukcic

    Mit einer Kanone wird in Sarajevo das Ende des täglichen Fastens eingeleitet.

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