Scofield/Mehldau/Guiliana: Im Dienste des Groove

6. Juli 2016, 14:05
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John Scofield entfachte mit Brad Mehldau und Mark Guiliana in der Staatsoper ein Funk-Fest

Wien – Gift in vielen Bands sind bekanntlich jene unglücklichen Bassisten, die erst als gescheiterte Gitarristen zu ihrem Instrument gefunden haben. Anstatt den Rhythmus zu befeuern, bringen sie ihn mit allzu vielen Tönen zur Strecke. Was aber, wenn ein ausgewiesener Weltmeister der Gitarre im Konzert für einzelne Passagen zum Bass greift?

Genau das hat nämlich John Scofield bei seinem Gipfeltreffen mit zwei anderen Großmeistern, Pianist Brad Mehldau und Schlagzeuger Mark Guiliana, in der Wiener Staatsoper getan. Und dabei als Bass-Novize mit selbstlosem Minimalismus dem Groove gehuldigt.

foto: rainer rygalyk
Ein ungewohnter Anblick: Bei seinem Auftritt mit Brad Mehldau (li.) und Mark Guiliana beim Jazzfest Wien griff Gitarrengott John Scofield (re.) wiederholt zur Bassgitarre.

Dass die Vorzeichen auf Funk standen, wie ihn der umtriebige Scofield etwa auch mit seinem Überjam-Projekt praktiziert, ließ sich bereits erahnen, als sich der Gitarrist statt seiner lang gedienten Jazzgitarre eine Telecaster umschnallte. Jene dienstälteste und wenn man so will primitivste, u.a. von Soul- und R&B-Jüngern ob ihrer Unverwüstlichkeit und Charakterstärke heiß geliebte E-Gitarre, aus der sich ganz vorzüglich funkige Licks schaben lassen.

Bevor die Rechnung vom gemeinsamen Groove-Fest aufging, stand die Ampel aber zunächst auf rot. Zwar sind Mehldau und Guiliana ein bestens eingespieltes Duo – unter dem Namen Mehliana betreiben sie eine hoch geschätzte Plattform für Mehldaus Elektronik-Exkursionen. Der Opener Wake Up, bei dem Mehldau auf seinen Synthesizern Klangteppiche in den Zuschauerraum wälzt und Scofield auf der Gitarre aufwärmt, gerät zunächst diffus.

Beim zweiten Stück, dem Überjam-Song Pop Ho lichten sich die Klangnebel. Wie Scofield übernimmt auch Mehldau wiederholt die Bassistenrolle, allerdings am Synthesizer. Im fliegenden Wechsel zu E-Piano und Flügel entfaltet er jene Meisterschaft für die er gerühmt wird, ein faszinierendes mehrstimmiges Spiel, bei dem linker und rechter Hand gleiches Gewicht zukommt.

Nicht weniger gefinkelt das knackige, polyrhythmische Schlagzeugspiel von Mark Guiliana, das dennoch nicht um Aufmerksamkeit heischt, sondern vor allem als Puls zu spüren ist. Dieser Mann, zu hören auch auf David Bowies Abschiedsalbum Blackstar, würde selbst auf umgedrehten Mistkübeln eine Band zum Tanzen bringen.

Das passt gut zum grooveverliebten Scofield und seinem sinnlichen Gitarrenspiel, dessen besondere Qualitäten man eben nicht auf Notenpapier bannen kann. Mit seinen Fingern gibt er jedem Ton Färbungen mit, durch die auch minimale Phrasen zum Erlebnis werden. Zieht er eine Saite, meint man deren Widerstand unter den eigenen Finger zu spüren.

Nirgendwo wird das deutlicher als bei Love the Most, einer Ballade Scofields, die allen drei Musikern genügend Raum bietet, ihre Feinheiten auszuspielen. Schon das nur aus wenigen Tönen bestehende Gitarrenintro von Love the Most geht unter die Haut.

Wolfgang Muthspiel

Als ein Musiker, der seine Stärken gerade aus einer bewussten Selbstbeschränkung zu entwickeln versteht, erweist sich im ersten Teil dieses Abends auch der heimische Gitarrist Wolfgang Muthspiel. Während Scofield den angezerrten Ton pflegt, favorisiert Muthspiel auch auf der E-Gitarre sozusagen den Naturklang seines Instruments. Bei seinem Solauftritt greift er vor allem zur akustischen Konzertgitarre. Wenn er Effektpedale einsetzt, dann um sich mit Loops selbst zu begleiten oder seine Stimme zu vervielfachen.

Mit einer Youssou N’Dour gewidmeten Komposition entführt er nach Afrika, fällt in einen Walking Blues, um wieder in den Senegal zurückzuschwingen. Wie bei einem Wetterumschwung lösen einander bruchlos Stimmungen ab, öffnen sich neue Räume. Kein Wunder also, dass es das Publikum nicht eilig hat, Muthspiel von der Bühne zu lassen. (Karl Gedlicka, 5.7.2016)

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