Portugal vs. Wales: Spiel der umgedrehten Steine

5. Juli 2016, 17:55
47 Postings

Die Außenseiter Portugal und Wales bestreiten das erste Halbfinale. Für Chris Coleman, den 46-jährigen Trainer der Briten, wird die Erinnerung an seinen Vorgänger, den verstorbenen Gary Speed, aufgefrischt. Wie jeden Tag

Lyon – Chris Coleman denkt noch immer an Gary Speed, jeden Tag. "Speed wird ewig ein Teil von mir sein. Nicht nur beim Fußball", sagt der Trainer der walisischen Nationalmannschaft über seinen Vorgänger und Jugendfreund, der sich 2011 das Leben nahm. Wenn Wales am Mittwoch in Lyon (21 Uhr, im Liveticker auf derStandard.at, live ORF eins): im EM-Halbfinale in Lyon auf Portugal trifft, werde auch Speed "irgendwie" mit dabei sein, sagt Coleman.

Speeds Suizid, 15 Tage nach einem 4:1-Sieg gegen Norwegen, hatte den walisischen Fußball im November 2011 in einen Schockzustand versetzt. Coleman hat nur noch vage Erinnerungen an jenen Tag. "Ich war Trainer in Larissa, kurz vor Anpfiff vibrierte mein Handy. Ein Freund schrieb: 'Speeds hat sich umgebracht.' Das folgende Spiel habe ich wie in einem Nebel erlebt."

Neuanfang nach dem Nullpunkt

Die genauen Gründe für den Suizid sind bis heute ungeklärt. "Wir kannten uns, seit wir zehn Jahre alt waren." Zwei Monate später hörte Coleman in Griechenland auf, wurde Speeds Nachfolger. "Keine leichte Aufgabe", wie er heute sagt. Coleman startete mit fünf Niederlagen, Speeds Tod hatte Spuren hinterlassen. Nach einem peinlichen 1:6 in Serbien wollte er aufgeben, der Abend sei der "sportlich schlimmste" gewesen, "den ich je erlebt habe". Im Nachhinein jedoch habe an diesem Tag die Wende begonnen: "Wir waren am Ende, am Nullpunkt. Wir konnten endlich neu anfangen und alles hinter uns lassen."

Coleman führte andere Reisewege ein, das Team schlief in anderen Hotels, es gab andere Abläufe. Und er bestimmte einen neuen Kapitän, statt Aaron Ramsey trägt nun Ashley Williams die Schleife. Seither läuft es. "Chris wollte nicht zu schnell alles ändern. Aber seit er dem Team seinen Stempel aufgedrückt hat, ist er einfach unglaublich", sagt Gareth Bale. "Er hat jeden Stein umgedreht, und jetzt zahlt es sich aus."

Einer der Steine, auf die Coleman verstärkt setzt, ist ein Computerprogramm namens "Globall Coach". Die Analyse-Software untersucht die Eigenheiten des Gegners in verschiedenen Phasen des Spiels und bietet taktische Lösungen in Form von Animationen an. Seit der Einführung ist die Siegquote der Waliser um 25 Prozent gestiegen. "Globall Coach war entscheidend in unserer Vorbereitung. Es erlaubt unseren Trainern, den Spielern alle notwendigen Details zu verdeutlichen", sagt Osian Roberts, technischer Direktor beim walisischen Verband. Auch das 3:1 im Viertelfinale gegen Belgien sei dem Programm zu verdanken.

Und natürlich Coleman. Der 46-Jährige, der seine aktive Karriere nach einem Autounfall beenden musste und schon mit 32 Trainer in Fulham wurde, war zuletzt sogar als neuer England-Coach im Gespräch. "Ich? Das würde ich nie in Betracht ziehen. Ich bin Waliser durch und durch. Das ist der beste Job der Welt."

Fernando Santos hat auch keinen schlechten, der 61-Jährige ist Portugals Teamchef. Seine Mannschaft hat bei der EURO fünfmal nicht in der regulären Spielzeit gewonnen (lauter Remis), es gibt eben unterschiedliche Wege, ein Halbfinale zu erreichen. Santos nennt keinen Favoriten, ihn nervt das Geschwafel vom Duell zwischen Bale und Cristiano Ronaldo, denn Fußball sei ein Spiel elf gegen elf. Abwehrchef Pepe zwickt der Oberschenkel, er sollte aber fit werden. William Carvalho ist fit, allerdings gesperrt. Den Walisern fehlen der überragende Aaron Ramsey und Ben Davies, jeweils nach zwei Gelben.

Wales hat in Frankreich viermal gesiegt, in der Gruppenphase wurde gegen England 1:2 verloren. Island machte den Schaden wieder gut. Portugal kam nur als einer der vier besten Gruppendritten weiter, im Achtelfinale wurde Kroation nach Verlängerung 1:0 geschlagen, gegen Polen gab's ein Elferschießen. Coleman und Santos sagen: "Das ist jetzt alles ganz egal." Was für die Waliser spricht: Globall Coach kennt Portugal genau. (red, sid, 5.7.2016)

Mögliche Aufstellungen zum Fußball-EM-Halbfinalspiel Portugal – Wales am Mittwochabend in Lyon:

Portugal – Wales (Mittwoch, 21.00 Uhr/live ORF eins, Lyon, Stade de Lyon, SR Jonas Eriksson/SWE).

Portugal: 1 Rui Patricio – 21 Cedric Soares, 3 Pepe/6 Ricardo Carvalho, 4 Fonte, 5 Raphael Guerreiro – 10 Joao Mario, 13 Danilo Pereira, 16 Renato Sanches, 15 Andre Gomes – 17 Nani, 7 C. Ronaldo

Ersatz: 12 Lopes, 22 Eduardo – 2 Bruno Alves, 11 Vieirinha, 19 Eliseu – 8 Joao Moutinho, 18 Rafa Silva, 23 Adrien Silva – 9 Eder, 20 Quaresma

Es fehlt: 14 William Carvalho (gesperrt)

Fraglich: 3 Pepe (angeschlagen)

Wales: 1 Hennessey – 2 Gunter, 5 Chester, 6 A. Williams, 19 Collins, 3 Taylor – 7 Allen, 16 Ledley, 20 J. Williams – 11 Bale, 9 Robson-Kanu

Ersatz: 12 Fon, 21 Ward – 15 Richards – 8 King, 17 Cotterill, 22 Vaughan – 13 G. Williams, 18 Vokes, 23 Church

Es fehlen: 10 Ramsey, 4 Davies (beide gesperrt)

Fraglich: 14 Edwards (angeschlagen)

  • Das ist ein Portugiese, der auf einen Hügel steigen will, aber auf einem Berg zu stehen kommen könnte, wenn es nach den Walisern geht. Teamchef Fernando Santos bricht auf.
    foto: apa/afp/leong

    Das ist ein Portugiese, der auf einen Hügel steigen will, aber auf einem Berg zu stehen kommen könnte, wenn es nach den Walisern geht. Teamchef Fernando Santos bricht auf.

  • Osian Roberts, der Assistenztrainer von Wales, Stürmer Hal Robson-Kanu, Teamchef Chris Coleman und sein Pressechef (von links) besprechen das Halbfinale.
    foto: apa/afp/leong

    Osian Roberts, der Assistenztrainer von Wales, Stürmer Hal Robson-Kanu, Teamchef Chris Coleman und sein Pressechef (von links) besprechen das Halbfinale.

Share if you care.