Nachfrage nach EU-Pässen steigt

5. Juli 2016, 17:31
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Interesse bei vielen Nachkommen jüdischer Flüchtlinge

London/Wien – Die Entscheidung der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union hat auf der Insel das Interesse an Pässen anderer EU-Staaten sprunghaft ansteigen lassen. Den größten Ansturm verzeichnet Irland. Tausende Briten bemühen sich nach Angaben der Regierung in Dublin derzeit um einen irischen Pass. Doch auch Staaten des europäischen Festlands sind attraktiv für Briten, die weiterhin Bürger der Europäischen Union bleiben wollen – unter anderem Österreich.

Wie die österreichische Botschaft in London auf Anfrage des STANDARD mitteilte, gab es seit dem Brexit-Referendum vom 23. Juni bereits weit mehr als 500 entsprechende Anfragen. In den ersten Tagen sei das Interesse besonders groß gewesen, derzeit sei die Zahl der Anfragen mit etwa 70 pro Tag wieder rückläufig. Bemerkenswertes Detail: In rund 80 Prozent der Fälle handelt es sich um Anfragen britischer Staatsbürger jüdischer Abstammung.

Auch das Interesse an deutschen Pässen erlebt in Großbritannien derzeit einen Boom. Haben zuvor etwa zwei bis drei Briten pro Jahr um die deutsche Staatsbürgerschaft angesucht, so waren es nach Informationen des Independent allein seit dem Brexit-Referendum "mehrere Dutzend". Auch hier sind es häufig Nachkommen jüdischer Emigranten, die einst vor der Nazidiktatur geflüchtet waren und nun ein Leben in Deutschland anstreben.

Die deutsche Rechtslage bietet ihnen eine unbürokratische Lösung: Laut Grundgesetz sind frühere Staatsangehörige, denen während der nationalsozialistischen Herrschaft "die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge auf Antrag wieder einzubürgern". In Österreich ist die Situation anders: Frühere österreichische Staatsbürger, die das Land während der Naziherrschaft verlassen mussten, können ihre Staatsbürgerschaft zwar wiedererwerben, im Unterschied zu Deutschland ist dies jedoch nur unmittelbar Verfolgten möglich. Für ihre Nachkommen gilt die Regelung nicht.

Große Verunsicherung

Hintergrund der gestiegenen Nachfrage nach EU-Pässen, auf denen nicht "United Kingdom" steht, ist zum einen die politische und ökonomische Unsicherheit nach dem Brexit-Referendum: Gerade junge, gut ausgebildete Menschen sehen ihre berufliche Zukunft innerhalb des europäischen Binnenmarkts.

Zum anderen ist es auch der Anstieg rassistischer und xenophober Übergriffe nach der Brexit-Entscheidung, der viele Menschen verunsichert – auch Menschen jüdischer Herkunft. Einer von ihnen sagte der Deutschen Welle: "Ich glaube nicht, dass die meisten Leave-Wähler Rassisten sind. Aber die Rassisten sehen das Ergebnis als Beleg dafür, dass sie in der Mehrheit sind." (Gerald Schubert, 6.7.2016)

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