Wales schlägt Portugal – nach ökonomischen Kriterien

6. Juli 2016, 08:12
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Die Waliser stürmen mit Innovationen und Produktivität voran, bei Exporten geraten sie in die Defensive

Wien – Das Match ist beinhart, der Sieger jedoch gewiss. Treffen die Portugiesen heute Abend im Halbfinale der Fußball-EM auf die Waliser, ziehen Erstere wohl knapp, aber doch als Verlierer vom Feld – zumindest nach wirtschaftlichen Parametern. Denn auch wenn die Waliser bei den Exporten und Forschungsquoten hinten liegen, reüssieren sie bei Produktivität und Innovation, kommentiert Stefan Höffinger. Auch digital betrachtet, seien sie einfach versierter.

Höffinger, Chef der gleichnamigen Strategieberatung, hat die beiden Halbfinalisten auf wirtschaftliche Kriterien abgeklopft. Im Tor: das Kreditrating von Standard & Poor's. Die Stürmer laufen mit Exportanteil und F&E-Quote um ihr Leiberl. Um Arbeitsproduktivität, BIP-Wachstum und Patentanmeldungen wird im Mittelfeld gerungen. Die Viererabwehr misst sich beim Onlinezugang, bei der Computernutzung, Erwerbsquote und Lebensqualität. Derweil harrt die Arbeitslosenquote auf der Ersatzbank des Laufs des Spiels.

Reifere Wirtschaft

Wales profitiert im Länderduell in Summe von einer reiferen Wirtschaft, resümiert Höffinger, was freilich auch daran liegt, dass die Nation – zumindest bis jetzt noch – Teil des Vereinigten Königreichs ist. Gerade was Innovationen anbelangt, rangieren die Briten weltweit im Spitzenfeld. Das Statistische Amt der EU bescheinigt ihnen pro Million Einwohner 35 Patentanmeldungen. Davon können die Portugiesen mit gerade einmal neun nur träumen.

Das BIP pro Erwerbsperson ist in Wales um 17.300 Euro höher als in Portugal, errechnete Höffinger auf Basis von Eurostat-Daten, wie auch der Anteil der Erwerbstätigen in der Bevölkerung größer ist. Portugal hat überdies doppelt so viele Arbeitslose wie Wales. Was die Statistik nicht berücksichtigt: Portugal zählte 2015 zu jenen Ländern, die in Relation die meisten neuen Jobs in der EU schufen. Seit Mitte 2013 hat sich das Land stetig aus der Krise gekämpft. Vor allem kleine und mittlere Betriebe wurden wettbewerbsfähiger. Und der Tourismus boomt – nicht zuletzt dank britischer Urlauber.

Mehr Lebensqualität

Die Waliser sind allerdings internetaffiner als ihre sportlichen Widersacher. In Sachen Lebensqualität werden sie von den Portugiesen jedoch abgehängt. Zumindest besagt dies ein internationaler Index, der für die OECD-Länder Aspekte wie Wohnverhältnisse, Einkommen, Bildung, Umwelt, Work-Life-Balance und Gesundheit einbezieht.

Geht es um Exporte – die Position der Stürmer auf dem Spielfeld – rennt Wales den Portugiesen ebenso hinterher. Im Vorjahr steigerten Letztere den Anteil an Ausfuhren um 3,6 Prozent.

Die Crux der Sache: Hänge der Torerfolg der Fußballmannschaft maßgeblich an der ökonomischen Performance ihrer Nation, wären die Schweizer wohl schon auf dem Weg zum Europameister. Stattdessen kickten die Polen sie beim Elfmeterschießen kurzerhand hinaus.

Schwer in nackte Zahlen zu fassen sind Teamgeist und Spirit, bedauert Höffinger. Im Vorteil ist hier wohl EM-Neuling Wales, darf spekuliert werden. Und finanzielle Gewinner des Halbfinales sind in jedem Fall walisische Pubs. (Verena Kainrath, 6.7.2016)

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  • Ob Christiano Ronaldo die Portugiesen am Mittwoch ins Finale schießt, werden wir erst sehen. Wirtschaftlich haben die Waliser jedenfalls die Nase vorn.
    foto: afp / francisco leong

    Ob Christiano Ronaldo die Portugiesen am Mittwoch ins Finale schießt, werden wir erst sehen. Wirtschaftlich haben die Waliser jedenfalls die Nase vorn.

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