Türkei: Pässe für qualifizierte Syrer

6. Juli 2016, 08:00
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Erdogan präzisierte sein Angebot zur Einbürgerung

Ankara/Athen – Erst waren sie "Gäste" und gewissermaßen nur kurz auf Besuch, wie die türkische Regierung ihren Bürgern glauben machen wollte. Nur für die paar Wochen bis zum Sturz des Regimes von Bashar al-Assad. Damals, im Sommer 2011, wurden die "sunnitischen Brüder" aus Syrien in provisorischen Lagern hinter blauen Plastikplanen vor neugierigen Blicken verborgen. Nicht einmal das Flüchtlingshilfswerk der Uno war erwünscht, der türkische Katastrophenschutz würde das allein hinbekommen.

Doch Assad wurde nicht gestürzt, und die Zahl der syrischen Flüchtlinge in der Türkei geht auf die Marke von drei Millionen zu. Staatspräsident Tayyip Erdogan bietet ihnen plötzlich die türkische Staatsbürgerschaft an. Da reiben sich seine Landsleute die Augen.

Rassistische Kampagne

Der Sturm der Entrüstung entlud sich über Twitter, der rassistische Hashtag #IchwillkeineSyrerinmeinemLand war am vergangenen Wochenende einer der weltweit führenden Leitbegriffe der Kurznachrichtenplattform. Und vor allem die nationalistische Opposition fand eine willkommene Gelegenheit, den autoritär regierenden Staatschef anzugreifen. Erdogan verschleudere die türkische Staatsbürgerschaft, schimpfte Devlet Bahçeli, der Führer der rechtsgerichteten Parlamentspartei MHP, dessen Stuhl gerade bedrohlich wankt. "Wenn die Syrer eingebürgert werden, sind wir geliefert", titelte ein vielgelesenes Oppositionsblatt und rechnete vor: Bei drei bis fünf Kindern pro Familie werden aus den drei Millionen Syrern in der Türkei in zehn Jahren schon 20 Millionen.

So beeilte sich Erdogan zu Wochenbeginn, seine Ankündigung von den Einbürgerungen der Syrer zu präzisieren. Unter den Flüchtlingen gebe es viele, die eine hohe berufliche Qualifikation hätten, sagte er türkischen Reportern nach einem Moscheebesuch in Istanbul am Montag. "Wir haben die Möglichkeit, diese Menschen für unser Land zu nutzen."

Hier zeigt sich die Verbindung zum Flüchtlingsabkommen mit der EU. Die EU-Kommission war in Ankara vorstellig geworden, weil sich im Juni die Anzeichen mehrten, dass die Türkei syrischen Flüchtlingen mit guter Qualifikation die Ausreise nach Europa verwehrt. Die Umsiedlung selbst geht nur schleppend voran. Laut dem jüngsten Bericht der Brüsseler Kommission vom 15. Juni sind seit Beginn des Abkommens im vergangenen März gerade einmal 511 Syrer aus der Türkei in die EU-Staaten ausgeflogen worden. 72.000 hatten die Staats- und Regierungschefs als Ziel festgelegt. (Markus Bernath, 6.7.2016)

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