Penélope Cruz: "Liebe ist Quell ihrer Stärke"

Interview6. Juli 2016, 06:00
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In Julio Médems "Ma Ma" wird eine alleinerziehende Mutter mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert. Die Hauptrolle spielt Penélope Cruz

STANDARD: Ausgehend von der Geschichte Magdas, einer krebskranken Mutter, behandelt "Ma Ma" eine Reihe von Themen wie Familie, Sexualität, Glaube oder die spanische Wirtschaftskrise. Was ist für Sie das zentrale Thema?

Cruz: Es ist eine Hommage an die Liebe in all ihren Formen – zu einem Kind, einem Partner, aber auch zu sich selbst. Die Art, wie Magda sich selbst liebt und für sich kämpft, ist sehr besonders, da sie unerwartete und riskante Entscheidungen trifft, die manche als verrückt verurteilen würden. Aber für mich ist sie sehr inspirierend. Sie ist ebenso ein extrem positiver wie auch ein tiefgründiger Mensch. Manchmal kann so ein Optimismus als Realitätsverweigerung missverstanden werden, als oberflächlich oder unverantwortlich. Bei Magda ist es das genaue Gegenteil! Sie weiß genau, was sie tut, wenn sie ihrem Instinkt folgt, um das Beste für ihre Familie zu erreichen.

foto: mfa+ filmdistribution e.k.
Voller Leben, aber schwerkrank: Penélope Cruz in Julio Médems Filmdrama "Ma Ma".

STANDARD: Sie entwirft letztendlich eine neue Familie.

Cruz: Es steht nicht im Drehbuch, aber für mich war das ihr geheimer Plan. Ihr Traum war es, ihrem Sohn eine größere, sichere Familie zu schaffen für den Fall, dass sie ihm durch die Krankheit genommen wird.

STANDARD: Sie bekommt ein zweites Kind in dem Wissen, dass dieses ohne seine leibliche Mutter aufwachsen wird. Eine Entscheidung, die man auch kritisieren kann.

Cruz: Ich sage nicht, dass ich persönlich gleich handeln würde. Diese Frage stelle ich mir nicht, wenn ich eine Figur spiele. Ich muss mich nicht mit ihr identifizieren oder ihren Taten zustimmen, aber ich kann verstehen, warum sie so handelt. Sie ist so unglaublich mutig und – während ihr die Krankheit das Leben raubt – auch voll von Leben. Sie ist so lebendig wie bisher nur während ihrer ersten Schwangerschaft. In ihr schlagen jetzt zwei Herzen, und sie vertraut auf diese Liebe und ihren Instinkt. Ich denke, das ist etwas Wunderschönes.

STANDARD: Magdas Antrieb ist die Liebe?

Cruz: Sie ist der Quell ihrer Stärke; warum sie ihr Lachen, ihren Enthusiasmus behält, statt in Depressionen zu versinken. Ihr Vertrauen kommt nicht aus Religiosität, sondern aus der Liebe zu den Kindern. Zugleich wächst sie am Erlebten, auch spirituell. Sie ergibt sich nicht der Angst, sondern bleibt aktiv. Daher ist sie gerade für mich als Frau beispielhaft. Gäbe es Magda wirklich, hätte ich sie gerne zur Freundin.

STANDARD: Konfrontiert mit dem, Tod stellt sich einem auch die Frage nach dem, was danach kommt.

Cruz: Magda hängt keinem bestimmten Glauben an, aber sie hinterlässt ihrem Sohn eine wunderschöne Botschaft, wenn sie ihm sagt, dass sie nicht wisse, wohin ihre Seelen gehen werden, und dass er es sich aussuchen solle. Sie wünschen sich, wieder vereint zu sein. Und doch ermahnt sie ihn, das Leben nicht für etwas zu opfern, das auf der anderen Seite sein könnte, dessen wir uns aber nicht sicher sein können. Ich gehöre selbst keiner speziellen Religion an, habe mich aber schon immer für verschiedene Vorstellungen von dem interessiert, was wir Gott nennen, und ich habe Respekt vor der Wahrnehmung anderer zu diesem Thema. Ich glaube, was für mich wahr ist, das ist wahr, und was für einen anderen Menschen wahr ist, das ist ebenfalls wahr. Das ist die Grundlage von gegenseitigem Respekt.

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STANDARD: Das mögliche Jenseits wird in "Ma Ma" durch die eisige Landschaft Sibiriens verbildlicht.

Cruz: Für mich steht das Sibirien des Films für eine ungewisse Zukunft. Die Kälte hängt mit Magdas Angst zusammen – sie weiß nicht, wohin sie gehen wird. Von diesem fremden Ort kommt aber auch Leben: Ihr Arzt wollte ein sibirisches Mädchen adoptieren. Das Unbekannte auf der anderen Seite fasziniert Magda. Diese Art von Metapher ist typisch für Julio Médems Filme: schön, üppig und zugleich offen für jede Interpretation. Ich liebe es, wie Julio eine ganz eigene Welt schafft und zugleich mit einer sehr irdischen und von Herzen kommenden Geschichte verknüpft. Man mag sich nicht mit allen Figuren leicht identifizieren, aber man versteht, was jede von ihnen fühlt.

STANDARD: Wie war es, den Film auch selbst zu produzieren?

Cruz: Es war, als würde ich am Set Hüte wechseln, ein ständiges Hin und Her. In einem Moment spiele ich meine Rolle, tue, was der Regisseur sagt, zwei Stunden später trete ich bei einer Sitzung als Produzentin auf. Es war ein spannender, intensiver Tanz. Anfangs war ich besorgt, wie sich die Dynamik zwischen mir und Julio, als Regisseur und Produzent ebenfalls in einer Doppelfunktion, entwickeln würde, aber wir schafften es, zum Wohle des Films, an einem Strang zu ziehen. Natürlich gab es Momente der Spannung, sie sind unvermeidlich und notwendig. Da wir aber die gleiche Vision hatten, war es am Ende eine wunderbare Zusammenarbeit. Es war tatsächlich auch ein ganz leichter Tanz. (Dorian Waller, 6.7.2016)

Penélope Cruz (geb. 1974) erlangte internationale Bekanntheit mit Pedro Almodóvars Drama "Alles über meine Mutter". Als "Beste Nebendarstellerin" in Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona" erhielt sie 2009 einen Oscar.

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