Tschadbecken: Wo der Terror auf den Hunger trifft

17. Juli 2016, 09:00
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Millionen Menschen flüchten rund um den Tschadsee vor einer Nahrungsmittelknappheit und den Attacken Boko Harams

Die Zeiten der Dürre und des Nahrungsmittelnotstands im Tschad seien vorbei. Der gleichnamige See, der auch an Kamerun, Nigeria und den Niger grenzt, solle Fische und Trinkwasser für die Bevölkerung im Übermaß liefern. Der Tschad könne sich zu einem der großen Nahrungsmittelproduzenten der Region aufschwingen. Das schrieb die "New York Times" im Jänner 1968, acht Jahre nachdem der Tschad von der Kolonialmacht Frankreich unabhängig wurde und bereits mitten in einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg steckte. Die Kommission des Tschadsees, die 1964 von den angrenzenden Staaten gegründet worden war, sollte den Ressourcenreichtum überwachen, die Ökologie des Sees bewahren. Doch die Hoffnungen waren schnell zerstört.

Der See ist inzwischen auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe von 25.000 Quadratkilometern – was in etwa der Fläche Mazedoniens entsprach – geschrumpft. Dafür verantwortlich gemacht werden Dämme und Regulierungen der Flüsse, die in den See münden. Zudem lässt extreme Trockenheit die Zuflüsse austrocknen. Nur noch der Tschad und Kamerun haben eine ständige Küste an dem See. Im Juni warnten die Vereinten Nationen vor einer schweren Nahrungsmittelnot, die 4,6 Millionen Menschen in dem Gebiet rund um den See betrifft.

65 Prozent der Betroffenen leben im Nordosten Nigerias – vor allem in den Bundesstaaten Yobe und Borno. Insgesamt würden laut Vereinten Nationen neun Millionen Menschen dringend Hilfe benötigen. Der UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien bezeichnet es als die "am meisten vernachlässigte humanitäre Krise der Welt". Der Generalsekretär des Internationalen Roten Kreuz, Yves Daccord, stimmt dem zu und fügt hinzu, dass er normalerweise Katastrophen nicht miteinander vergleichen wolle – diese aber steche heraus.

foto: reuters/luc gnago
Ein nigerianischer Soldat bewacht ein Camp in der Nähe der Stadt Diffa.

Notstand ausgerufen

Doch nicht nur die extreme Dürre macht der Region zu schaffen: Vor allem die Gewalt durch terroristische Vereinigungen wie Boko Haram hat in den vergangenen sieben Jahren mehr als 2,5 Millionen Menschen zur Flucht innerhalb ihres Heimatlandes oder in Nachbarländer getrieben. Mehr als 15.000 Menschen wurden von den Terroristen ermordet. Die Angst vor Anschlägen und Entführungen rund um den Tschadsee hat dazu geführt, dass viele Bauern den Seeboden, der auch nach der Austrocknung sehr fruchtbar blieb, nicht bestellen können. Die Behörden des Tschad evakuierten wegen der prekären Sicherheitslage die Fischergemeinschaften auf den Inseln im See, im gesamten Land wurde der Notstand ausgerufen.

Da sich viele der früheren Fischer nun auf der Flucht im Inneren der Länder befänden, hätten sie keine Möglichkeit, Arbeit zu finden, erzählt Kenneth Lavelle, Projektmanager von Ärzte ohne Grenzen (MSF). Die Menschen seien mit wenigen Habseligkeiten geflohen und bräuchten nun Unterkünfte, Essen, medizinische Betreuung. MSF würde sich deshalb auf ärztliche Erstversorgung, Impfprogramme und den Kampf gegen Unterernährung konzentrieren. Aufgrund der anhaltenden Gewalt in der Gegend seien auch Spezialteams unterwegs, um etwa nach einem Selbstmordanschlag schnell helfen zu können.

Die Zahl der Vertriebenen mit Stand 25. Mai 2016 (Quelle: USAID).

Nigeria versorgt Vertriebene

Von der Gewalt besonders betroffen sind der Norden Kameruns und vor allem der Nordosten Nigerias, wohin die Boko-Haram-Terroristen von den Armeen zurückgedrängt wurden. Allein in dieser Region sind 2,4 Millionen Menschen innerhalb ihrer Landesgrenzen auf der Flucht. Noch hat die Regierung Nigerias die Krise einigermaßen unter Kontrolle. "90 Prozent der Binnenflüchtlinge werden von den nigerianischen Behörden versorgt", sagt Hansin Ghandi Tamfu vom UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) im Land.

Die Zahlen der Vertriebenen würden aber stetig steigen, und es würde zu wenig Geld von der internationalen Gemeinschaft kommen. "Die westlichen Staaten sind der Ansicht, dass Nigeria die Krise als Land mittleren Einkommens gut alleine meistern kann", so Tamfu: Lange werde das nicht mehr gutgehen. In einem Appell vom Jänner 2016 fordern die Vereinten Nationen für die Region 41 Millionen US-Dollar oder rund 38 Millionen Euro. Erfüllt wurde er mit Stand Ende Juni erst zu 21 Prozent.

Vor allem die lokalen Gemeinschaften sind laut Tamfu von den Fluchtbewegungen betroffen. "Die Menschen bieten den Flüchtlingen und Binnenvertriebenen Schutz und versuchen, sie mit den wenigen Dingen, die sie selbst besitzen, zu versorgen", so Tamfu. Dabei würden die Gastgeber ihre eigenen Kapazitäten bereits überschreiten. Ärzte ohne Grenzen warnt besonders in den Sommermonaten vor der nächsten Katastrophe: "Das Risiko eines großen Malaria- oder Choleraausbruchs steigt", sagt Lavelle.

foto: apa/afp/issouf sanogo
Flüchtlinge in einem Lager nahe der nigrischen Stadt Diffa im Tschadbecken.

Psychologische Hilfe

Doch die Bewohner der betroffenen Gebiete sind nicht nur von körperlichen Wunden gezeichnet, sondern auch von den psychischen Nachwirkungen des Terrors. "Psychologische Unterstützung ist im Moment ganz wichtig", so Lavelle. Seit Anfang 2014 wurden insgesamt 2.000 Mädchen und Buben von Boko Haram entführt und als Sexsklavinnen und Soldaten missbraucht. 44 von ihnen wurden im vergangenen Jahr in Westafrika für Selbstmordanschläge eingesetzt.

Gelingt den Kindern die Flucht, dann berichten sie von Folter, ermordeten Freunden und Familienangehörigen – oder den Morden, zu denen sie gezwungen wurden. Bleiben sie verschwunden, werden die Eltern von den Gedanken an ihre Kinder und der Ungewissheit bezüglich ihres Schicksals gequält. UNHCR-Mitarbeiter Tamfu berichtet von der Verzweiflung eines Vaters und einer Mutter, die in einem nigerianischen Flüchtlingslager jede Hoffnung verloren haben und nach der Entführung ihrer beiden Söhne im Alter von vier und sieben Jahren unter Schlafstörungen und schweren Depressionen leiden.

Er erzählt aber auch von den fast 100 Kindern, die ohne Verwandte in den Lagern des Landes leben und von ihrer Flucht aus ihrem Heimatdorf berichten, das von Boko-Haram-Terroristen angegriffen wurde. Die den Mord an ihren Eltern sahen und schließlich so lange rannten, bis sie kollabierten und von Helfern ins Lager gebracht wurden.

Fluchtroute nach Europa

Zusätzlichen Druck auf die Flüchtlingskrise innerhalb der Länder erzeugt die Fluchtroute durch Afrika nach Europa. Vor allem in der nigrischen Stadt Agadez, dem Tor zur Sahara, warten die Flüchtlinge auf die Schlepper, um den gefährlichen Weg durch die Wüste nach Libyen anzutreten, wie Richard Skretteberg vom Norwegian Refugee Council erzählt. Tausende haben bereits ihr Leben auf der Strecke verloren, "doch dies wird verschwiegen", sagt Skretteberg. Menschenhändler und -schmuggler würden sich an der Verzweiflung der Menschen bereichern. Sie transportierten eine Person "nur von A nach B", erklärt Skretteberg: "Menschenhändler behalten die Kontrolle über ihre ‚Ware‘. Zwangsprostitution, Versklavung und Rekrutierung als Kindersoldaten für die Terrorgruppen sind die Folge."

Die Bevölkerung des Niger – eines Staats, der regelmäßig den letzten der 188 Plätze des UN-Entwicklungsindexes belegt – kann laut Skretteberg die Menschen weder beschützen noch versorgen. Die Nahrungsmittelkrise werde die Situation weiter verschärfen. (Bianca Blei, 17.7.2016)

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